Ich ging mit Familie H. an Land. Wir mußten uns ausbooten lassen, da die Dampfer am Kai nicht anlegen können. Wir besuchten verschiedene Läden, machten kleine Einkäufe und schlenderten am Strande entlang. Da unser Schiff erst am Spätnachmittag nach Aden gekommen war, so war es schon dunkel, als wir unsere Einkäufe beendet hatten. Der Sonnenuntergang war unbeschreiblich schön! Wie flüssiges Gold lag der Widerschein der untergehenden Sonne auf dem Meer, und die Felswände hoben sich wie Silhouetten ab. Als wir wieder vom Kai abstießen, war die Dunkelheit schon hereingebrochen; überall flammten die kleinen Lichter in den Läden auf, und die Dampfer, die im Hafen lagen, boten mit ihrem Lichtermeer ein wundervolles Bild.

Dann fuhren wir weiter durch das Rote Meer. Nur einen Tag war die Hitze fast unerträglich. Man mochte sich kaum in seinem Liegestuhle rühren. Das einzig Erquickende war der eiskalte Zitronensaft. Oft konnten wir die arabische Küste und die fernen Berge wie einen feinen, hellen Strich erkennen. Dann wurden die Ferngläser hervorgeholt, und man suchte eifrig nach Dörfern oder Häfen. Mitten im Roten Meere trafen wir eine Barke mit braunen Segeln. Die Insassen waren Araber, die auf Fischfang ausgingen. Ich mußte unwillkürlich an die Piratenschiffe denken, mit denen die Araber früher die Küsten des Persischen Golfes und des Mittelmeers unsicher machten.

Näher und näher rückte die Küste, und bald war Suez erreicht. Nachts fuhren wir in den Kanal ein, und als ich am anderen Morgen an Deck kam, dehnte sich rechts und links das Land aus. Langsam fuhren wir durch das grünblaue Wasser. Manchmal sahen wir Kamelkarawanen am Ufer; kleine baufällige Dörfer und einige Palmen unterbrechen die öde Steinwüste. Trotzdem Ismalia mit seinen herrlichen Palmenwäldern uns noch einmal ein Bild der indischen Märchenpracht vorzaubert, merken wir, wie es langsam kühler wird; Europa rückt näher und näher. In Port Said ziehen wir bereits den Mantel an. Grau ist der Himmel und schwarz das Wasser. Wir nehmen wieder Kohlen ein. Zwei große Schaluppen liegen längsseit unseres Schiffes; große Bretter werden von diesen aus an die Reeling gelegt, und dann schleppen die Trimmer die Säcke herauf. Wie in einem Ameisenstaate geht es zu. Düster und kalt ist es, kein freundliches Bild entzückt mehr unser Auge. Der Übergang vom Roten Meer nach dem Mittelmeer war außerordentlich kraß, und man vermißte die Sonne und das helle Licht, die Wärme und das Hellblau des Meeres.

Ernst grüßt uns Europa, als ob es uns mahnen wollte, daß wir uns wieder den Ländern der Arbeit, der Sorge, des härtesten Lebenskampfes nähern. Düster blickt der Himmel drein, und wir können kaum an Deck weilen. Es ist kalt. Die fröhlichen Spiele haben aufgehört, die weißen Tropenkleider sind in den Koffern verstaut, auch die Besatzung des Schiffes hat marineblaue Uniformen angelegt. Die dunklen Anzüge kommen mir fast wie Trauerkleidung vor.

Nachmittags passieren wir Kreta; die hohen Gipfel sind mit einer Schneedecke überzogen. Wenn doch nur einmal noch die Sonne kommen, nur einmal noch etwas wärmendes Sonnenlicht die trübe Stimmung verscheuchen wollte!

Als wir am Morgen des 29. November in die Straße von Messina einfahren, erstrahlt der Himmel wieder im schönsten Hellblau, und große, weiße Haufenwolken schweben wie Eisberge im blauen Luftmeer. Weiße Städte liegen am Meer, und kleine Dörfer grüßen von den Felsen herab. Vom Ätna erblicken wir nicht sehr viel, denn sein Gipfel ist in Wolkenschleier gehüllt. Wohl aber sehen wir Messinas Häusermeer im Sonnenschein liegen. Das Meer ist vom reinsten Blaugrün, und kleine weiße Dampfer, die den Verkehr zwischen dem Festland und Sizilien vermitteln, durchschneiden die blauen Fluten.

Am Nachmittag passieren wir den Stromboli, der seine dicken Dampfwolken in die Luft stößt. Direkt am Fuße des Vulkans liegen inmitten grüner Gärten weiße Häuschen. Der vulkanische Boden ist sehr fruchtbar, und daher siedeln sich die Bewohner, trotz der ihnen immer drohenden Gefahr, hier wieder an. Spät abends passieren wir Korsika und Sardinien; düster heben sich die trotzigen Felsklippen aus dem dunklen Meere heraus. Rote Blinkfeuer und weiße Lichter weisen dem Schiffe den Weg. Schon nachmittags hatte der Kapitän Meldung erhalten, daß Sturm drohe. Als wir abends im Rauchsalon saßen, plauderten und Erinnerungen austauschten, hörten wir plötzlich das Heulen des Sturmes. Und dann brach das Unwetter los. Blitz folgte auf Blitz, und Schlag auf Schlag rollte der Donner. Ich zog meinen Regenmantel an und sah mir das Naturschauspiel an. Hellblaue Blitze, immer mehrere zugleich, sprangen von Wolke zu Wolke und erhellten das aufgewühlte Meer. Stets haben Gewitter auf mich einen tiefen Eindruck gemacht; schon als Kind habe ich oft stundenlang am Fenster gestanden und dem Zucken der Blitze, dem Kampfe der Wolken zugeschaut. Ich habe manch schweres Gewitter in den Bergen mitgemacht, aber nichts hat mich so gepackt wie der nächtliche Gewittersturm zwischen Korsika und Marseille auf dem Mittelmeer.

Am anderen Morgen fuhren wir in Marseille ein. Wir waren wieder in Europa, waren in einer großen Hafenstadt mit all ihrem Lärm und Getriebe. Bettelmusikanten standen am Kai. Ein kleines Mädchen spielte die Geige, eine andere die Ziehharmonika. Europas Elend und Sorgen sprachen aus den Gesichtern, aus den zerlumpten Kleidern. Nie habe ich mich so nach Indien und Asiens Einsamkeit zurückgesehnt als an diesem ersten Tage, an dem ich Europas Boden wieder betrat. Der Abschied vom Schiff fiel mir sehr schwer. Abends fuhr ich mit einem befreundeten Schweizer noch einmal an den Hafen hinaus; der Himmel war bewölkt, es war kalt und nebelig. Noch einmal gingen wir an Deck und blickten vom Schiffe aus über den Hafen, über das Meer von Masten und Schornsteinen. Der große Kran war gerade in Tätigkeit, und unzählige Ballen Tee wurden aus dem Laderaum ausgeladen.

Dann fuhren wir mit dem Auto in die Stadt zurück. Nachts um zwölf Uhr verließ ich Marseille. Frankreich zeigte mir sein trübstes Gesicht. Fein rieselte der Regen an den Fensterscheiben herunter; Nebel lagen über den Feldern. Einige vertrocknete gelbe Blätter hingen noch an den Bäumen, und der Sturm sang sein trauriges Lied. In der zweiten Nacht passierte ich die deutsche Grenze, war wieder in der Heimat und grüßte wieder die alten, mir wohlbekannten Städte.