SIE starben am selben Tage, ganz plötzlich, der eine im Keller, der andere auf dem Dachboden des Gasthofes „Zum sanften Tod“. Das alte Haus hatte seinerzeit alle Pilger beherbergt, die aus Flandern herbeizogen, „Unsere liebe Frau zur Letzten Stund“ anzuflehen. Während zweier Jahrhunderte ward die Jungfrau hier beschworen. Kriege stürzten ihr Standbild. Ihre Kapelle wurde zerstört, der Gasthof blieb bestehen.
Die Leute aus Weerd, aus Tibrode und Tamise kamen des Sonntags hin, ihren Schoppen zu trinken.
Große kupferne Töpfe verbreiteten helle Reinlichkeit, und dieser Anblick von Sauberkeit und Kälte wurde noch erhöht durch die Schweigsamkeit einiger spärlicher Trinker, die wortlos und ernst einander anpafften. Sie hielten ihre holländischen Pfeifen zwischen den Fingern und spuckten in hölzerne Eimer. Wenn einer von ihnen mit dem Pfeifenkopf auf seinen Krug klopfte, stand Saft, der jüngere der beiden Brüder, auf und stieg in den Keller hinab, um das geleerte Glas wieder zu füllen. Hatte er es zurückgebracht, so setzte er sich hin und wurde wieder ganz starr und stumm. Die massive, sargartige Uhr, hinter deren Glasscheibe das bezifferte Antlitz der Stunden hervorlugte, tickte unentwegt ihre gleichmäßigen Silben.
Die Sonntage ausgenommen, kam niemand hierher außer der alten unverwüstlichen Mie Bergman, deren geräuschvolle Geschäftigkeit das Haus um und um stöberte und räumte.
Ach, dieser Gasthof „Zum sanften Tod“: im Winter brütete er im Nebel, dicht an den Dämmen, die so klebrig waren wie Schmierseife; im Sommer lagerte vor seinem grauen Tor der beständige Schatten einer Taxusallee, die zur ehemaligen Kapelle führte.
Zu Lebzeiten der Eltern wollte der ältere der beiden Brüder, Adriaen, fortziehen, um Priester zu werden. Er besaß einen nüchternen und zielbewußten Willen, dabei war er von schnüfflerischer und strenger Frömmigkeit. Eine Befürchtung aber hatte ihn zurückgehalten: der jüngere würde sich den Vater langsam erobert haben, Tag um Tag, Stunde für Stunde, und hätte schließlich ihn verdrängt, ihn, der unbedingt der zukünftige Besitzer sein wollte. Saft war übrigens ein Fels von Eigensinn. Wenn er so dastand, schien er an die Erde festgenagelt. Seine Augen? Waren sie nicht stumpf wie Holz!