»Es braucht doch nicht jeder sein Herz auf der Zunge zu tragen,« sagte ich.
»O, Sie können ruhig sein, die Gunhild hat überhaupt keins. Es ist bei ihr ein Kieselbatzen statt einer Seele im Leib.«
»Sie ist so schön und fein und stolz,« sagte ich nachdenklich. »Ich glaube, sie hat mehr Seele als eins von uns. Es wird eben tiefer bei ihr liegen als bei andern Leuten und sie wird nicht wollen, daß jeder hineinsehen kann.«
»Ach, wissen Sie, wenn's so tief ist, dann lassen wir's lieber liegen!«
Da mußte ich lachen, wie sie mich so drollig treuherzig dabei ansah. Sie erzählte, sie heiße Urschel Pfannenschmid und sei da oben bei Heidenheim irgendwo zu Hause.
»Seltsam,« sagte ich, »ich hätte eher gedacht, Sie seien Italienerin oder etwas ähnliches!«
Sie nickte. »Es wird auch so sein. Wissen Sie, die Zigeuner fuhren einmal im Galopp durch unsern Ort und ein Kindle fiel hinten aus einem Wagen heraus und blieb liegen. Da fand's die Schulmeisterin und zog es auf; das bin ich. Jetzt sagt sie natürlich, ich sei ihr Eigenes!«
Ich wußte nicht recht, war das zu glauben oder nicht.
Urschel aber stand auf und ging zum Fenster, wo sie in den Fluß hinuntersah, stieß die kräftigen, braunen Arme gegen die Decke und sagte halb lachend, halb seufzend: »Ach, ich spür's doch in allen Gliedern, daß ich eine Zigeunerin bin. Es liegt mir eine Unrast und eine Musik und ein Tanz im Blut, das treibt mich unablässig zu Streichen und Dummheiten und Lumpereien. Die Leute legen mir's als Leichtsinn und Bosheit aus, es ist aber nichts als Musik und Zigeunertum, man kann nichts dagegen tun.
Das Schönste und das Gräßlichste aber ist die Sehnsucht, zu wandern und in die Fremde zu ziehen. O, wenn ich nachts den Fluß höre und den Wind wehen, bringt es mich fast um vor brennender Lust, in die Ferne zu gehen. Zur Tröstung habe ich mir einen großen, feinen Atlas gekauft; da sitze ich abends oft darüber und mache schöne Reisen, nach Indien oder nach Südamerika; – Sie müssen einmal zu mir herüberkommen, ich möchte Ihnen meine Sachen zeigen.«