»Neulich, in der Schule, hat das Mariele Wildnagel erzählt, ihre Mutter habe den Fuß gebrochen und müsse im Bett liegen. Da sei ihr Vater zu ihr hingesessen, und wenn sie angefangen habe zu jammern, habe er so lang Spässe gemacht, bis sie wieder gelacht habe. Und dann habe er ihren kleinen Bruder versorgt und ihr die Zöpfe geflochten; darum sei sie heut so strubelig. – Guck, da ist in mir ein Heulen aufgestiegen, daß ich dir's nicht sagen kann! Aber ich hab nur wüst und roh hinaus gelacht, daß mich die Andern ganz dumm ansahen, und es hat mich doch fast verwürgt!«

Da sah ich, was ich noch nie gesehen hatte: die Margret weinte. Sie war ganz still, lag da mit weit offenen Augen und große Tränen liefen ihr übers Gesicht; und mein eigener Jammer ging unter in einem großen, großen Mitleid und einer heimlichen Freude. Es war mir ein Leuchten über die Augen gefahren; ich hatte durch Margrets Tränen in ihre Seele gesehen, die war tief und schön, und es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich einen Menschen lieb hatte, – ach, so richtig lieb! Jetzt war sie nimmer meine Schwester, daß heißt, mehr als eine solche, und wir hatten die eigentümliche Scheu, wie sie Geschwister fast immer vor einander haben, verloren. Sie war meine Freundin und meine Liebste; ich mußte zart und lieb zu ihr sein, wenn sie traurig war, ich durfte das Liebhaben geben und nehmen, und es war etwas Neues und Schönes in meinem Leben.

Margret weinte nun nimmer und lächelte mich an.

»Margretle! –« sagte ich leis.

»Ja.«

»Jetzt bin ich ganz nahe bei dir!«

»Ja.«

»Margretle, ich hör dein Herz schlagen!«

»Ich deins auch!«

»Du!«