»Er hat sie angelächelt! Beneidenswerte Nellie! – Bezaubernd – hinreißend – sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen sprühten Feuer – um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch – wunderbare Perlenzähne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. – Aber Nellie ist kokett! Leider! – Dieser Augenaufschlag!« –
»O,« entgegnete Nellie höchst verlegen, »ich habe die Finger verklebt mit der häßliche Leim!« und schnell lief sie hinaus, um sich gründlich zu reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefällig nach.
»Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch,« bemerkte Flora [pg 128]etwas spöttisch, »ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in der Pension und wie falsch drückt sie sich noch immer aus.«
Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, daß der junge Lehrer sie hören mußte.
»Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora,« entgegnete er, »und ich muß gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, – wir wollen sie nicht deshalb verdammen.«
Fräulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart der übrigen Mädchen nicht ganz passend.
»Es ist sehr spät, Kinder,« unterbrach sie das Thema, »wollt ihr nicht für heute aufhören und morgen in eurer Arbeit fortfahren?«
Aber die Mädchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu dürfen, daß sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht abwarten konnte, bis sie die vielen großartigen Gedanken, die in ihrem Kopfe spukten, erst schwarz auf weiß vor sich hatte.
Fräulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen Seitenhieb zu versetzen.
»Warum verstecktest du deine Hände auf dem Rücken?« fragte sie. »Ich fand das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir die Hand geben?«