»Du mußt vorangehen, Orla, du bist die älteste,« flüsterte Ilse.
»Ich bin die jüngste, ich komme zuletzt!« rief Grete, die sonst immer mit ihrem Munde die erste war.
»Laß mich die letzte sein, Grete,« bat Annemie, »ich habe mich noch nicht ausgelacht.«
Rosi war die verständige, wie immer. »Komm, Orla,« sagte sie, »wir dürfen Fräulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns überhaupt höchst kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.«
Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die übrigen. Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.
»Meine Damen, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Herren vorstelle,« mit diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von beiden Seiten.
Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner erkannt, für den sie bereits längst im Geheimen schwärmte. Erst kürzlich hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.
Fräulein Güssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den jungen Mädchenblüten. An Ilse hing ihr Auge am zärtlichsten. Wie reizend hatte sich ihr Liebling entfaltet! Körperlich und seelisch. Wie viel gleichmäßiger war das stürmische Kind geworden. Wo war der böse Trotz geblieben?
Sie verglich Ilse mit den übrigen und fand, daß sie nicht allein die hübscheste, sondern auch weit natürlicher und unbefangener war, als die meisten andern. Keine Spur von Koketterie äußerte sich in ihrem Wesen, frei und fröhlich blickte sie mit den großen Kinderaugen in die Welt und schien die glückliche Frage auszusprechen: »Liebe Welt, bist du immer so schön?«
Melanies Züge waren regelmäßiger, aber längst nicht so unbewußt lieblich, man merkte dem hübschen Mädchen an, daß sie schon gar zu oft den Spiegel um seine Meinung befragte.