Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen über die Herren, zu denen sie verstohlen hinüber schielten. Natürlich gaben sie sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kümmerten.

Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und betrachtete die Jünglinge ganz ungeniert. Später erhielt sie einen Tadel deswegen von der Vorsteherin.

Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewußt, daß ihr kleiner, schmaler Fuß im Goldkäferstiefel wie absichtslos unter ihrem Kleide hervorsah. Rosi war natürlich weder kokett, noch empfand sie die geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, saß sie da, und so tadellos gerade hielt sie sich, daß sie auch in der Tanzstunde das Musterkind für die andern war.

»Anfangen!« rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hände.

Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.

Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwöhnten Ohren, wie »furchtbar entzückend« fanden sie die Walzerklänge. –

»Bitte die Herren, sich zu engagieren!« kommandierte der Tanzlehrer, und wie von einem Zauberstabe berührt stürzten die tanzlustigen Jünglinge auf die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel seiner Wünsche ausgesucht hatte.

Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein Triumph für ihr eitles Herz! – [pg 156]Leider konnte sie nicht mit allen dreien auf einmal tanzen und mußte sich mit der Genugthuung begnügen, daß alle Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. – Alle wohl nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mußten die schmerzliche Erfahrung machen, daß die Verschmähten zu ihnen kamen, um sie zu erlösen. Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora fühlte sich besonders tief gekränkt und mit neidischen Blicken folgte sie Ilse, die eben mit »Apoll« an ihr vorüberwalzte.

Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet wurde und sich recht gewählt ausdrücken wollte, brachte sie die drolligsten Dinge zum Vorschein.

Ein junger Mann erzählte ihr, daß er in einigen Jahren, wenn er ausstudiert habe, nach England gehen werde. »Werden Sie dort verständig (beständig, meinte sie) sein?« fragte sie. – Ein andrer fragte, ob sie gern in Deutschland weile. »O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!« gab sie freudig zur Antwort.