Aber Nellie konnte nie mißverstanden werden. Ihre kindliche Naivetät nahm sofort alle Herzen für sie ein. Die jungen Herren waren denn auch sämtlich entzückt von der jungen Engländerin, und da sie obenein sehr gut tanzte, wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.

Grete wurde ihre schweigsame Zurückhaltung äußerst sauer, verschiedene Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter ihr stand, auf einer argen Indiskretion.

»Wie heißt die junge Dame mit den Locken?« wurde sie von ihrem Tanzherrn gefragt.

»Das ist Ilse Macket,« gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an, ausführlich über dieselbe zu berichten. »Sie ist erst seit Juli hier,« fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermühle, »ihr Vater brachte sie hierher. Sie ist nämlich weit her, aus Pommern, und, denken Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in die Pension nehmen! Natürlich Fräulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach, und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen. Einmal hat sie einen ganzen Stoß Teller –«

»Grete,« unterbrach Orla ihren Redefluß, »du verlierst eine Nadel. Tritt einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.«

»Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!« schalt Orla, indem sie sich scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. »Warum blamierst du Ilse so? – Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Möchtest du denn, daß die arme Ilse verspottet würde?«

Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bösen Streich gespielt.

Höchst betrübt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der Tanzenden. Sie faßte auch den festen Entschluß, in Zukunft vorsichtiger zu sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zügeln!

Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und ausführlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich meine Erzählung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose Koketterien, kleine Eifersüchteleien, ein wenig Neid, schwärmerische Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei – u. s. w. Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die [pg 158]hinter den Kulissen spielen, z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.

Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natürlich vollständig ausgeschlossen in der Pension. Fräulein Raimar würde dieselben nicht geduldet haben. Streng hielt sie darauf, daß außer den Tanzstunden nicht die geringste Annäherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte sie keine Nachsicht.