Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem Augenblicke.
Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den Kranz von Tausendschön im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefühl verriet, entzückte ihn geradezu.
»Beruhigen Sie sich,« tröstete er, »ich werde sofort in das Krankenzimmer gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.«
Als er die Thür desselben nach leisem Anklopfen öffnete, bot sich ihm ein rührender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht neben Lillis Köpfchen gelegt, so daß ihre braunen Locken sich mit den lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige Schmuck, [pg 168]den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelöst und lag halb entblättert auf dem Boden. Fräulein Güssow legte soeben einen neuen Eisumschlag auf der Kranken glühende Stirn.
Doktor Althoff fragte nicht, – ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm alles. Groß und fremd sah sie ihn an, ihre Händchen zuckten und griffen unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie sich fest an sie.
»Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!« stieß sie in abgerissenen Sätzen heraus, »du bist die Schönste! – Tanz mit mir – komm!«
Plötzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse für das Christkind an.
»Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, – und ein Kronerl tragst auf dem Kopf – ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,« fuhr sie geheimnisvoll lächelnd fort, »wart nur, ich komm zu dir, zu den lieben Engelein! – Ich komm – nimm mich mit!«
Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurück.
Ilse war wie gelähmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natürlich, daß sie ganz fassungslos war. Sie umklammerte Fräulein Güssow und wurde totenblaß, ohne ein Wort über die bebenden Lippen zu bringen.