»Sie sind so still und so ernst,« redete er sie an, »gar nicht wie im Lindenhof. Wo ist Ihr fröhlicher Uebermut geblieben? Drückt Sie ein Kummer?«
»Kummer? o nein!« Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Fröhlichkeit an. »Im Gegenteil, eine große, große Freude habe ich gehabt!« Und sie verkündete ihm Nellies Verlobung.
Eigentlich wunderte es sie, daß er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wären seine Gedanken in weiter Ferne.
»Ist sie sehr glücklich?« fragte er in halber Zerstreuung.
»Glücklich?« wiederholte Ilse verwundert über seine Frage. »Selig ist sie! Sie müssen nur ihren Brief lesen!«
»Lesen Sie ihn mir vor,« bat er. »Lassen Sie uns die schöne Einsamkeit benutzen, jetzt sind wir ungestört.«
»Das geht nicht! Nein, gewiß nicht!« rief sie beinahe ängstlich. Es schreckte sie plötzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste Empfindungen offenbaren? – Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein, aus derselben Quelle?
»Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?«
Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr berührte.
»Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Später!« rief sie ihm verwirrt zu, flog über die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die offenstehende Thür des kleinen Boudoirs der Mama.