Er hatte in dem Album weiter geblättert und nach dieser oder jener sich erkundigt. Plötzlich fragte er erregt: »Wie heißt diese Dame hier?«

»Das ist meine liebste Lehrerin, Fräulein Güssow. Wir hatten sie alle furchtbar lieb und schwärmten für sie. Du kennst sie wohl?« wandte sie sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, daß er das Bild so starr betrachtete.

»Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muß mir im Leben ein Mädchen begegnet sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine Lehrerin?«

»Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt,« entgegnete Ilse nach echter Backfischart.

»Ja, da ist sie schon ein altes Mädchen,« bestätigte der Onkel. Aber nur seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem getreuen Bilde der Lehrerin.

Wäre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person beschäftigt gewesen, es hätte ihr auffallen müssen, wie andächtig und wie lange er das Bild betrachtete. »Du findest sie wohl hübsch?« fragte sie unbefangen.

»Wie heißt sie? Güssow?« fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage überhört. »Wie ist ihr Vorname?«

»Charlotte.«

»Lotte,« nickte er zustimmend, »ein schöner Name!«

Er schloß das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit schien er vergessen zu haben.