»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob sich.
»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf die entgegengesetzte Seite.
Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar den früheren scherzhaften Ton.
»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, ›wie‹ – und ›was‹ Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das dürfen Sie nicht!«
»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz natürlich ist.«
Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich.
»Nun?« fragte er.
»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!«
»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.«
Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte, fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie ihm mit dem Finger.