Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten. Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren Worten lauschend. Er [pg 261]hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne.

»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend.

Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.

Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu Ende.

Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs ›sonderlicher‹ Blick denken.

»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich, aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab.

»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang fort, »was würden Sie antworten, wenn – wenn jemand Sie fragen würde: Haben Sie mich lieb?«

Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken, daß er sie verspotten könne.

Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen Trumpf darauf setzen wollte.

Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn.