»Tritt näher, Ilse,« sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten die neue Schülerin mit ihren zukünftigen Lehrern bekannt. Darauf ließ sie sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die Hand. Sie blätterte und las darin, und einigemal schüttelte sie den Kopf.

»Oft recht gute und klare Gedanken,« bemerkte sie zu dem neben ihr sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, »und dabei diese oberflächliche, flüchtige Schrift. Sehen Sie einmal, ›uns‹ mit einem ›z‹ geschrieben – ›Land‹ mit einem ›t‹. Da werden wir viel Versäumtes nachzuholen haben. Wie schreibst du ›Land‹, Ilse, buchstabiere einmal.«

Ilse konnte unmöglich diese Frage für ernst halten. War sie denn ein kleines Mädchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zögerte mit der Antwort.

Die Vorsteherin indes war nicht gewöhnt zu scherzen, sie sah erstaunt die schweigende Ilse an.

»Wie du Land schreibst, möchte ich von dir wissen,« wiederholte sie noch einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder nicht, benahm.

Ilse kräuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Höhe und buchstabierte so schnell, daß man ihr kaum folgen konnte: L–a–n–d. Den Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fräulein Raimar nicht anzusehen.

»Also nur flüchtig, ich dachte es mir,« sagte diese. »Wenn du in Zukunft deine Aufsätze machst, wirst du sehr [pg 50]aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse vor.«

Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Fächern vorgelegt. Manchmal fielen die Antworten überraschend aus, zuweilen dagegen geradezu einfältig. Doktor Althoff lächelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf in die braunen Locken trieb. Sie ärgerte sich darüber und drehte ihr Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen.

Im Französischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der französische Lehrer, ein älterer Herr mit weißem Haar, redete sie gleich in dieser Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fließend.

Miß Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte weniger Glück bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort gab.