»Nun kannst du uns verlassen, Kind,« sagte Fräulein Raimar. »Dein Examen ist zu Ende. Später werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen wirst.«
Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten der Beschluß gefaßt, sie in die zweite Klasse zu geben, im Französischen solle sie indes die erste besuchen.
»Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen,« äußerte die Vorsteherin besorgt. »Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den geringsten Tadel vertragen.«
»Aber sie hat ein gutes Herz,« fiel Fräulein Güssow lebhaft ein. »Ich habe noch keine Beweise dafür, aber ich lese es in ihrem schönen, offnen Auge. Ich bin überzeugt, daß ich mich nicht täusche. Eins ist mir indes klar, mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zähmen.«
»Das ist ganz meine Ansicht!« stimmte Monsieur Michael bei, »Sie werden sehen, meine Damen und Herren, Made[pg 51]moiselle Ilse wird eine Zierde der Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie französisch, wie gewählt setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!« – Der kleine Herr hatte sich ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften Gestikulationen begleitet.
»Ich wünsche von Herzen, daß Sie recht haben mögen,« entgegnete Fräulein Raimar und erhob sich von ihrem Platze. »An Liebe und Nachsicht wollen wir es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verständig und gefügig zu machen.« –
Fürs erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse wieder den Beweis ab, wie recht Fräulein Raimar hatte, wenn sie behauptete, daß Ilse keinen Tadel vertragen könne.
Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen berührten fast die Speisen. Das Gemüse verzehrte sie mit dem Messer und so heiß, daß sie manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde fallen ließ. Auch hielt sie den Kopf sehr tief über den Teller gebeugt, was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab.
»Sitze gerade, liebe Ilse,« ermahnte die Vorsteherin, »es ist dir nicht gesund, so krumm zu sitzen.«
»Ich esse immer so,« erwiderte sie ziemlich kurz.