Am Eingange desselben stand in der Nähe der grauen Bäume ein kleines Kapellchen; vor demselben lagen im wüsten Durcheinander Steinblöcke. Hier war es wo Byron dichtete, wo sein Mädchen von Athen entstand. Die weite Aussicht, welche sich von diesem Punkte dem Blicke eröffnet, zeigt gleich einem Spiegel, die Seele des großen Dichters: Wehmuth und glühende Sehnsucht, die von einem brennenden Sonnenstrahle zur ahnungsvollen tiefen Gluth entzündet werden. Doch heute war es der griechischen Sonne nicht gegönnt, diese Hügel und die weite Ebene mit dem Farbenschmelz des Südens zu bemalen; solche Tage sind es nicht, die der glühenden allzufeurigen Dichtung günstig sind; an Tagen wie heut kann das liebeskranke Herz des Dichters nur in melancholischen Tönen singen. Es war ein Bild des schmachtenden, nicht des siegestrunkenen Byron. Nur ein einziger Punkt der Hoffnung schimmerte in weiter Entfernung in diesem trüben Bilde: ein weißes Kirchlein, umgeben von einigen Häusern und üppigen Bäumen, war dem Auge ein Trost; mit inniger Freude erfuhr ich, daß eine Colonie deutscher ausgedienter Soldaten dort wohne.

Für die Verehrer alter Bauten sind in diesem Thale zwei Aquaducte das Merkwürdigste; sie stammen aus der Römerzeit und sind aus Ziegeln erbaut; den größten Theil der Pfeiler hat jedoch die Zeit schon verschlungen. Was bei diesen zwei Wasserleitungen für den die Natur beugenden Willen der Erbauer am meisten Staunen erregt, ist, daß sie in demselben Thale in entgegengesetzter Richtung laufen. Der Zweck dieser Bauten hat aufgehört, und die Pfeiler stehen nur mehr als traurige Merkmale einstiger Kultur da. Mit einigem Kostenaufwande ließen sich diese Aquaducte wohl wieder herstellen, was dem armen, dahingestorbenen Lande wenigstens einiges neue Leben bringen würde. – Kaum hatten wir diese Ruinen angestaunt, so überfiel uns ein ziemlich starker Regen; die Königin spannte einen Schirm auf, die Pferde wurden in ein lebhaftes Tempo versetzt und nun gings eilends einem kleinen in der Nähe befindlichen königlichen Maierhofe zu, der sich an den Ufern eines frischen Baches befindet. Das Auge erblickt mit Freude in seiner Umgebung einige saftige Kleefelder und Obstbäume. Im Hofe des nach deutscher Weise eingerichteten Gebäudes verließen wir die Pferde; mit Stolz zeigte uns die Königin einen herrlichen Kuhstall, der für die, nach deutscher Sitte den Kaffee Trinkenden, die Sahne liefert; auch hat man sich am Hofe wirklich nicht über die Milch zu beklagen, welche sonst in südlichen Ländern den nordischen Bewohnern so sehr abgeht. Eine breite üppige, von einem einzigen Weinstocke gebildete Laube vor den Zimmern des Maiers schützte uns vor dem Regen. Die Königin, welche sich einen vortrefflichen Appetit durch die häufige Reitbewegung zu erhalten weiß, ließ von der deutschen Hausfrau Pfannkuchen backen, welche in einem kleinen finstern Zimmer verzehrt wurden; indeß waren Wagen von Athen gekommen und wir konnten trocken nach Hause fahren. Im Fluge wurde Toilette gemacht, worauf man zum Diner ging, bei welchem Capitän W. von unserem Geschäftsträger Grafen J. der Königin vorgestellt wurde. Da die lebhafte Majestät fand, daß man am heutigen Tage noch zu wenig Bewegung gemacht hatte, so wurde nach Tisch noch à la guerre gespielt. Die ganze Herrengesellschaft befleißigte sich, ihr Spieltalent zu entwickeln, was jedoch Manchem auf sehr komische Weise mißlang, wodurch es dem geübten Billardspieler Dr. F. ein Leichtes wurde, obzusiegen. Mit diesem Triumphe der Wiener Kunstfertigkeit endigte der heutige Tag.

Tags darauf besuchten mein Bruder und ich noch einmal in Begleitung des Grafen C., des Archivarius K. und der beiden uns zugetheilten Adjutanten den herrlichen Theseustempel, dessen im Innern befindliche Kunstschätze wir noch nicht zur Genüge betrachtet hatten; am heutigen Morgen konnten wir alles mit Muße beschauen, ohne von den, mit Ausnahme des Professor G., für Kunst minder schwärmenden Reisegenossen gestört zu werden; dabei unterstützte uns die angenehm belehrende Erklärung des griechischen Archäologen. Der merkwürdigste im Tempelraume befindliche Gegenstand ist das Basrelief einer Heldenfigur aus der Zeit des Xerxes; es stellt Aristion, einen Verwandten des Theseus vor. Diesem seltenen Denkmale wenigstens schenkte man etwas Fürsorge, und barg es in einem gläsernen Kasten vor dem Einflusse der Luft. Man sieht aus dem Profil dieses Heldenbildes, in wie früher Zeit man in Griechenland schon ein Gefühl für Kunst hatte; ist die, späteren Zeiten vorbehaltene, schöpferische Kraft in diesem Werke auch noch gebunden, so läßt sich doch ersehen, daß einem Volke, welches schon in der Kindheit solches zu leisten vermochte, eine herrliche Zukunft bevorstehen mußte. Die Züge und Gliedmaßen der Figur sind noch steif und ungehobelt, und man konnte aus denselben schließen, wie der Funke der Kunst von den alten ernsten, steinernen Aegyptern auf das jugendfrische, lebhafte Volk der Griechen übergegangen war, und erst hier unter den Einflüssen einer glücklichen und kräftigen Natur sich zu dem hehren allbewunderten Flor entfaltet hat. Wenn wir dieses älteste Denkmal griechischer Sculptur verlassen, so finden wir schon nebenan Grabsteine aufgehäuft, welche durch die sinnreiche Idee, die ihnen innewohnt, und durch die Ausführung an Hellas Blüthezeit erinnern.

Denn nach den granitenen, schon wegen des schwer zu bearbeitenden Materials, kalten und steifen Bildern der ägyptischen Schule, hat das jüngere Streben dem weichen weißen Marmor des Pentelikon einen neuen Geist eingehaucht. Der Künstler hat schon Scenen aus dem Leben mit seinem mythischen Glauben verbunden und den mystischen Schleier gelüftet, so daß der Beschauer den Ausdruck des Gedankens, der ihn geleitet, findet. Die auf den Grabsteinen befindliche Figur des Sterbenden ist immer in sitzender Stellung und hüllt sich in einen Schleier, um das Scheiden von der Welt darzustellen; um ihn herum stehen Verwandte und Freunde, welche durch ihre Gebete die schmerzliche Trennung hindern wollen. Ist es eine Mutter, die in dem Kreise der Ihrigen stirbt, so hat der Künstler ein Kind zu ihren Knieen hingestellt, das einen Vogel im Händchen hält, wodurch er die hinfliehende Seele der geliebten Mutter versinnlicht. Dieser Grabsteine sind sehr viele aufbewahrt, und die mannigfaltigen Figuren auf denselben sind nicht typisch, es ist Fleisch und Blut vom reichsten Faltenwurfe umwallt. Unter den übrigen Gegenständen sind noch ein Sarkophag und eine treffliche Statue bemerkenswerth. Die letztere stellt einen Jüngling vor, den man als Apollo bezeichnet; ob mit Recht, weiß ich nicht, wiewohl der Gliederbau desselben eines Gottes würdig wäre. Eine ziemlich colossale Statue mit ägyptischer Bekleidung trägt die Spuren späterer Kunst in der Art ihrer Bearbeitung. Der Archäolog sagte uns, sie stellte Antinous, den Liebling des Hadrian vor. Sie ward auf dem Felde von Marathon gefunden; ich glaubte gern, daß dieses Werk der römischen Periode angehört, da man den leichten Gliederbau griechischer Kunst darin vermißt. In der Kolonnade des Hadrian, wohin wir uns nun begaben, sind in deren vorderem abgeschlossenen Raume ebenfalls Alterthümer aufbewahrt, unter denen wir noch mehrere Grabsteine nach Art der eben beschriebenen fanden.

Wir kehrten auch noch einmal zum Tempel der Winde zurück, der in meinen Augen durch die Erklärungen des Archäologen sehr an Interesse gewann. Zu diesem Gebäude führt, wie ich schon oben bemerkte, ein Aquadukt, dessen nunmehr vertrocknete Wässer vor Zeiten eine Broncestatue des Neptun so gleichmäßig bewegten, daß er den Mittelpunkt eines Uhrwerks bildete, das nach dem Lauf der Stunden Figuren zum Vorschein brachte, deren Alter und Größe mit der Stundenzahl wuchs. Im ersten Zeitabschnitte zeigte sich ein kleines Mädchen mit einem Füllhorn, in dem sich Knospen befanden; in dem zweiten eine Jungfrau mit aufblühenden Knospen; zuletzt erschien die Gestalt eines Weibes mit ganz erschlossenen Blüthen. – Auch befindet sich an diesem Tempel eine Sonnenuhr, in deren Mittagspunkt ein Strich anzeigt, daß der Lauf der Erde sich seit zwei Tausend Jahren nicht im mindesten geändert hat; denn noch heute werfen die Strahlen der Sonne genau um Mittag den Schatten der Eisenstange auf dieses dem Stein eingefügte Merkmal. In den Windrichtungen des Octogons befinden sich große Basreliefs, welche die verschiedenartigen Winde mit ihren Eigenschaften darstellen; die kalten oder schädlichen haben ältere, bärtige Gesichter, um die Rauheit des Elements darzustellen. Die lauen Frühlingswinde erscheinen in Jünglingsgestalt; daß dieselben barfuß sind, soll in versinnlichender Weise der Griechen ausdrücken, wie leicht dieselben über die Blumenteppiche der neu erwachten Natur fortschreiten. Manche dieser Figuren tragen musikalische Instrumente in der Hand, als Zeichen ihrer Lieblichkeit; manche bringen Blumen und Früchte, als Merkmale, daß sie dieselben hervorrufen. Der den Atheniensern verhaßteste Wind hält mit der Hand eine große Muschel vor den Mund, wodurch sein tönender Lärm ausgedrückt wird.

Von dem Tempel der Winde begaben wir uns in ein ehemals von den Türken zu einem Dampfbade verwendetes Gemach; in welchem jetzt die Gypsabdrücke aller nicht mehr in Griechenland vorhandenen Kunstschätze gezeigt werden. Hier befinden sich auch die Abdrücke der von Lord Elgin gestohlenen Basreliefs des Parthenon. Old England hatte die Gnade, den armen Griechen dieselben zu schicken, um sie dadurch aufmerksam zu machen auf das, was sie verloren haben. – Von hier fuhren wir zu dem sogenannten Marktthore, welches eigentlich, einige schon verkürzte herumstehende Säulen mit inbegriffen, einen Rest des Tempels der Minerva bildet; der jetzige Name ist diesem Porticus fälschlich beigelegt. Wir besuchten auch noch die in der Nähe dieser Ruinen befindliche katholische Kirche. Sie ist klein und im höchsten Grade unansehnlich, so daß wir in diesem Punkte von den Anglicanern übertroffen werden, welche sich ein recht nettes gothisches Kirchlein erbauten, während zum katholischen Gotteshause eine Moschee umgewandelt wurde. – Um ein Uhr fuhren wir mit der Königin in einem char à banc dem Gebirge zu. Bald aber trafen wir die königlichen Pferde, welche des uns bevorstehenden schlechten Weges halber bestiegen werden mußten. Das Wetter begünstigte uns am heutigen Nachmittage außerordentlich, so daß die interessanten Gebirgs-Parthieen noch malerischer hervortraten.

Die Kultur mangelte fast gänzlich; doch glänzte um so schöner das frische Grün der Pinien zwischen den Steinmassen und über der gelben südlichen Erde. Bald mußten unsere Pferde über die schlüpfrigen Felsen zu steigen anfangen. Als wir auf der ersten Höhe anlangten, empfingen uns die »zito's« der uns entgegengeeilten Bewohnerschaft des Dorfes Cassia, welches wir in dem sich nun erweiternden Thale, zwischen einer der felsigen Gegend mit Mühe abgewonnenen Vegetation, berührten. Es war ein hübscher, pittoresker Platz, dessen, zwischen den grauen Massen vertheiltes Grün dem Auge wohl that. Die Freude der Bevölkerung, die Königin zu sehen, war so groß und laut, daß das Pferd der Letzteren einigemal scheu zurückwich. Das Kostüme der Dorfbewohner war dem von Eleusis ganz ähnlich; je tiefer man in das Land eindringt, je höher man die Felsenburg erklimmt, desto orientalischer, desto urwüchsiger werden das Land und seine Bewohner; es sind kernige, an alle Entbehrungen gewöhnte Menschen, fest in ihrem abgeschlossenen Glauben, kräftig an Körper und Seele, und dadurch frei und stolz in ihrer Haltung, in jeder Bewegung natürlich graziös. Spukte nicht die Verschmitztheit der alten Griechen und die Schlauheit des Slaven in diesem ungezwungenen Gebirgsvolke, so würde ich es mit den felsenfesten Tyrolern vergleichen. Diese dunkle Wolke wirft auf den Hirten der bergigen Halbinsel einen trüben Schatten. Doch gerade, daß diese Berge in ihren Ausläufern am Gestade des Meeres Hafen bilden, mag diesem Volke die List des Krämers gegeben haben. Ihr kriegerisch blutiger Sinn, welcher sie dahin brachte, sich hinter ihren Felsburgen schützend, den Feind mit lang genährter Rachelust aus dem Lande zu jagen, hat sich nicht, wie beim Tyroler, nach errungenem Siege friedlich gelegt; der Kampf war zu lang und blutig, und mit der Zuthat des listigen Elementes ist er in Räuberei ausgeartet, von welcher man selbst bei solchen größeren Ausflügen, wie wir ihn machten, nicht ganz sicher zu sein scheint; denn wir sahen heute an mehreren Punkten des Weges Gensd'armen aufgestellt. Zwar versicherte die Königin, es sei eine unnöthige Dienstbeflissenheit; doch glaube ich wahrlich nicht, daß diese Maßregel ohne Grund genommen wurde. Schon im Umfange des Ortes verengte sich der Weg durch steinige Hindernisse; doch die Königin, an dergleichen durch ihre großen Reisen im Innern des Landes gewöhnt, setzte leicht darüber hinweg, und es ging bald zu noch steileren, mit Pinien und Felsenspitzen malerisch besäeten Höhen hinauf, bald darauf abwärts über gänzlich ungeebnetes Gestein, über einen Pfad, dem man in unseren Landen nicht einmal den ehrenwerthen Titel »eines Fußsteiges« geben könnte; und hier wußten die Pferde steigend und rutschend vorwärts zu kommen. Je mehr wir uns unserem Ziele, der alten Grenzfestung Phila näherten, desto wilder und enger wurden der Weg, und desto mannigfaltiger die Formen der Felsen. Ueberall ragten die Pinien freundlich hervor. Mich erinnerten diese Punkte an unser Salzkammergut und unser Tyrol. Noch mußten wir über unregelmäßige Steinplatten, zwischen einer Felswand und einem steilen Abhange, reiten und Angesichts der Feste eine Thalschlucht passiren; dann befanden wir uns beim herrlichsten Wetter an dem pittoresk und hochgelegenen Ziele unseres Ausflugs. Zwischen zwei Thalengen auf der Endspitze eines breiten, ziemlich üppig bewachsenen Plateau's liegen die Ruinen dieser interessanten Feste; sie bestehen aus einem nicht sehr ausgedehnten Vierecke von kolossalen schmucklosen Quadermauern; an den Ecken befinden sich vier Thürme, deren einer rund ist, was uns bezeugt, daß schon die griechischen Architekten die runden Mauern zu errichten verstanden. Phila war ein Zufluchtsort der dreißig Tyrannen, in welchem sie sich vor dem thätlichen Unwillen des atheniensischen Volkes sicherten. Man sieht, daß die Idee eines felsenfesten buon retiro's nicht erst im Mittelalter entstand. Die dreißig Herren konnten von diesem Adlerneste aus, auch ohne Plößl'schen Tubus, die ihnen gefährliche Stadt Athen mit dem den Hintergrund bildenden Azurspiegel des Meeres durch den Einschnitt der Gebirgsmassen betrachten. Die Ketten der Tyrannen sind gebrochen, die schützenden Mauern zerfallen, und nun spinnt der friedliche Epheu, der gewöhnliche Todtenschleier, wie ein wundersam üppiges grünes Netz über das alte Gemäuer; die gefürchtete Burg ward ein romantisches Ziel für Spaziergänger. Die Aussicht auf Athen, auf die Akropolis und das herrliche Meer war wahrhaft bezaubernd; zwischen der dunkleren Gebirgsmasse schien es ein in Rahmen gefaßtes Miniaturbild zu sein.

Nachdem sich die Pferde etwas von der Anstrengung erholt hatten, brachen wir auf. Anfangs ritten wir wieder auf dem halsbrecherischen Felsenwege, der sich an den Gebirgen längs des schmalen Thales hinzieht; wir verließen jedoch bald die auf dem Herwege eingeschlagene Richtung, um, wenn möglich, noch bedeutendere equestrische Gefahren zu bestehen. Es ging über den Bergrücken, von dem wir auf einer für Gemsen allenfalls guten Promenade uns abermals gegen ein schmales Thal abwärts senkten. Vor uns öffnete sich die steinige Schlucht, um uns ragten Felsen aus dem niedern Gestrüppe, und wir selbst schwebten auf den halb rutschenden, halb vorwärts schreitenden Pferden von Stein zu Stein längs des steilen Abhanges; ein Fehltritt des eifrigen Thieres und das betreffende Opfer ist ein Kind des Todes; dies sind die Unterhaltungs-Ritte der schaulustigen Europäer im alten Hellas, dem einstigen Sanctuarium der Civilisation und des Fortschrittes. Die Schlucht ward immer enger, und umsonst suchte mein Auge die Mauern des Klosters, welches das Ziel der nunmehrigen Todesgefahren sein sollte. Statt dessen entdeckte ich, daß derjenige Theil der Karavane, der sich hinter der Königin, meinem Bruder und mir befand, der Gefahr, in welcher wir schwebten, innegeworden zu sein schien; denn nordische und südliche Reiter, von deren Wagnissen man oft sprechen hört, hatten den Sattel verlassen, und führten gemüthlich ihre Pferde am Zügel. Sie zogen es vor, ihre Füße zu strapaziren, anstatt in der Luft über den Abhängen zu schweben. Für's theure Leben war diese Maßregel freilich besser; doch da wir sahen, daß die kühne Basilissa die Gefahr nicht scheute, blieben mein Bruder und ich sattelfest. Die merkwürdigste Stelle war uns noch vorbehalten. Da ich »Pfad« nicht sagen kann, so werde ich mich des Ausdruckes Richtung bedienen: wir kamen von der steilen Anhöhe, und unsere »Richtung« sollte nun dem Innern der Schlucht zugehen; der Punkt zum Umwenden bestand aber nur aus einem Felsenvorsprung, auf welchem ein Pferd gerade Platz zum Stehen hatte. Das Pferd der Königin gelangte auf diesen schwindelnden Raum; da ward die hohe Frau plötzlich der Gefahr inne, Roß und Reiterin wollten nicht vorwärts, doch ein Schritt zurück, führte unfehlbar den Sturz in die Schlucht herbei. Die Lage war peinlich; bald nahte jedoch die hülfreiche Hand des deutschen Stallmeisters, welcher das Pferd der Königin am Zügel vorwärts führte, worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt, Gott sei Dank! glücklich passirten. Wir konnten nun das Ende der Schlucht, in welcher ein Wasser rauschte, wahrnehmen; doch wo war das Kloster? Die Welt schien mit Brettern verschlagen; wo sollten wir hier zwischen Felsen und Pinien, in dieser Urnatur ein Werk menschlicher Hände entdecken? Da sahen wir plötzlich nach der Wendung des Pfades, daß die Richtung, die wir einschlugen, am Ende der Schlucht in noch sehr bedeutender Höhe durch eine kleine Mauer zwischen den abhangenden Felsenmassen abgeschlossen war; doch wo sollten wir das Kloster finden? Die Schlucht ging zu Ende, die kleine Mauer war nur als eine Wegsperre zu betrachten; das Räthsel wurde immer spannender, wir standen vor dem Holzthor dieser Mauer, die Angeln knarrten und wir fanden uns plötzlich als Staffage im romantisch lieblichsten Bilde stiller Einsamkeit. Wir waren wie mit einem Zauberschlag in den Klosterhof versetzt. Von Außen drohte die Wildniß, von Innen spann sich ein großer Weinstock wie ein zarter Schutz über den stillen Frieden des Gebetes; nur das reine, blaue Auge des Himmels hatte Einlaß in diese Zuflucht frommer Seelen. Der heutige Ritt mag das Bild des Lebens von so manchem Mönche gewesen sein: er verläßt den häuslichen Herd, wo er noch zwischen den Blumen des Gartens die frohen Kinderjahre zubrachte; er tritt hinaus in die Welt, die sich ihm als eine breite Thalebene, in weiter Ferne mit malerischen Bergen begrenzt, darstellt; muthig schreitet er vorwärts, der Weg ist ja so flach, die Häuser der Freunde und Beschützer so nahe! Doch es zieht ihn zu den Bergen; er will die in der Ferne schimmernden blauen Höhen erklimmen, er naht ihrem Saume; das Werk ist leicht, so spricht er zu sich, denn mein Auge kann ja den Weg übersehen, es reicht vom Ausgangspunkte bis zum Ziele; doch die arme Seele vergißt des Fußes, der sie hintragen soll, sie vergißt, daß ein Fuß auch straucheln kann, daß, wo Höhen sind, auch Abgründe gähnen; er folgt den Sinnen und traut der Festigkeit seines Trittes. Das Thal wird enger, die Fläche steigt empor, der Erde entwachsen spitze Felsen, doch ist die Gefahr noch klein, er schreitet muthig vorwärts; die Sonne steigt am Firmamente, und wirft ihre glühenden Strahlen; der Pfad wird immer rauher; der Wanderer beginnt die Abgründe zu erblicken. Anfangs steigert dies seine Schaulust; er sieht ein Dorf vor sich, die Bewohner kommen ihm mit Freudengeschrei entgegen, sein Stolz hebt sich; doch ist er noch nicht befriedigt, er muß über die letzten Ansiedlungen wohlwollender Menschen hinaus; ihn treibt es stürmisch vorwärts; nach Ruhm geht sein Begehren: die Felsenburg muß er erklimmen, sein Blick muß über Regionen schweifen, wo nur der Adler haust; er achtet nicht der Gefahren, denn schon glaubt er den ersehnten Punkt von weitem zu erblicken; die Schluchten werden enger, schwindelnder die Höhen, er strebt empor – er hat das Ziel erreicht und findet eine Ruine gefallener Größe. Da ergreift ihn zuerst die Mattigkeit, da schwindelt ihm vor dem grausen Abgrund; in trüber Verzweiflung irrt er in der Wildniß fort, seine Wünsche sind vereitelt, seine Hoffnungen sind gebrochen; immer drohender wird die Gefahr, todtbringender jeder Schritt, immer steigt sein Weg, er kommt dem Abgrund immer näher; da tritt er auf eine Felsenspitze, ihn umgibt rauhe Wildniß, die frische Vegetation hat ihn verlassen, er steht allein im grauen Steinmeere! Jetzt sinkt sein Muth, jetzt ist er vernichtet, seine Noth aufs Höchste gestiegen. Da erblickt er eine Mauer mit einem verschlossenen Thore; mit Reue im Herzen stürzt er entkräftet an der Schwelle hin, er pocht an die Thüre, er weiß nicht, was sie ihm öffnen soll, – da knarren die Angeln und der müde Wanderer befindet sich im stillen Klosterhofe; die Rebe breitet ihre Arme zum kühlen Schatten aus, das Kirchlein ladet ihn zum reuigen Gebete ein, ernste Freunde reichen ihm die Hand und nehmen ihn in ihre friedliche Mitte auf. –

Dieses Kloster, dessen Andenken mich noch heute bewegt, ist, wie ich schon früher bemerkt, mit einer Mauer umgeben, und hängt gleich einem Schwalbenneste auf einem Felsenvorsprunge an dem steinigen Gebirge. Der kleine, innere Raum derselben ist so gut eingetheilt, daß er dem besten englischen Reise-Necessaire Ehre machen würde. Kleine steinerne Häuschen, welche das treueste Bild der menschlichen Abtödtung sind, finden an dem Felsen und der Mauer angelehnt Platz. In dem winzigen Hofe befindet sich noch eine etwas erhöhte Terrasse, welche unter dem reichen Rebendache eine malerische Bewegung in das ganze Bild bringt. Ueber diese Terrasse begiebt man sich zu dem den Hintergrund bildenden Kirchlein. Wir traten mit der Königin in dasselbe ein. Es trägt den Typus der byzantinischen Gotteshäuser; ein mystisches Dunkel herrscht im Innern, welches daher rühren mag, daß das Ende des Kirchleins in dem Felsen eingehöhlt ist. – Als wir hierauf im reizenden Hofe, in welchem man nichts von den nahen Abgründen ahnt, kurze Zeit ruhten, bildete die Karavane die pittoreskeste Skizze für einen nach Originalität haschenden Genremaler.

Europas fade Dandy-Kleidung, Frankreichs elegante Amazonentracht, Neugriechenlands reiche Gewande fanden sich verkörpert in einem altorientalischen, der Entsagung geweihten Klosterhofe. Man hatte sich auf die Steine niedergelassen; es rappelte und trappelte im niedern dunklen Klostergemäuer, und eine hagere vergessene Mönchsgestalt trat mit freundlicher Miene zwischen die bunte, jugendliche Welt. Der weiße Bart des altersschwachen Mannes wallte über einen dunklen kurzen Kaftan, unter dem blaue Pumphosen zum Knie reichten. Bein und Fuß waren in weiße Strümpfe und schwarze Schuhe gekleidet. Auf dem gebückten Haupte saß eine Art persischer Mütze; von den Schultern bis zur Hand waren die Arme weiß bekleidet. Wie in den Klöstern des Occidentes brachte uns auch dieser Mönch freundliche Gaben der Natur, in Honig, Brot und Trauben bestehend. Wir erkundigten uns, wo die übrigen frommen Brüder wären. Man benachrichtigte uns, daß sie mit der Feldarbeit beschäftiget seien. Im Ganzen wohnen deren sechs in dieser Einsamkeit; ihre Einrichtung besteht so zu sagen aus nichts; sind die Wohnungen im Gegensatze zu Oesterreichs herrlichen Abteien stallähnlich, so ist auch der Geist im Vergleiche mit dem unserer reichen Benedictiner von höchster Einfalt; doch paßt diese Einfalt zu dem rauhen wilden Lande, und der alte fromme Sinn, der hier herrscht, macht keinen geringern Eindruck, als die hohe Wissenschaft in den Klöstern unseres Vaterlandes.