Des andern Morgens nahmen wir das Frühstück in unseren Zimmern ein; hierauf fuhren wir um 9 Uhr in die in der Nähe des Palastes gelegenen Stallungen des Königs; sie sind geräumig und rein gehalten, und beherbergen eine schöne Auswahl orientalischer Pferde; die ausgezeichnetesten derselben wurden uns im Hofe vorgeführt. Der König und die Königin lieben es sehr, muntere Thiere zu reiten.
Daß die Pferde häufig lançadiren und in beständigem Springen und Capriolen die Reitkunst des Königs dem staunenden Volke zeigen, gehört zum griechischen guten Ton. – Den sämmtlichen Stallungen steht ein ehemaliger bairischer Offizier vor, der sich auf die Reitkunst sehr gut zu verstehen scheint. – Von hier aus begaben wir uns zur neuerbauten Universität; sie ist im altgriechischen Geschmacke; der große, noch nicht gänzlich vollendete Saal wird durch einige sehr schöne Säulen aus weißem Marmor geziert. Das ganze Institut ist erst im Werden; doch nimmt man ein erfreuliches Streben nach Bildung wahr, und die Bibliothek, welche meist aus Geschenken des Inlandes und der Fremde besteht, ist wirklich nicht ohne Bedeutung. Von diesem Symbole neuen Lebens fuhren wir zur Krone alter Größe und Pracht hinan, zu der auf stolzem Fels erbauten Akropolis, welche Alles überragt, was wir bis jetzt von antiker Kunst gesehen haben. Vom Fuße der Erhöhung bis zu dem Thore der Umfassungsmauern geht der Weg über kahle Erdpartien und ist nach neugriechischer Sitte sehr schlecht; man muß sich mit Mühe durch den Staub der Erde hinaufarbeiten, wo vor den alles zerstörenden Zeiten der antike Grieche mit Begeisterung und heiligem Schauer auf Marmorstufen zum selbstgeschaffenen Göttersitz emporschritt. Schon aus der Ferne leuchteten dem Anbeter der hehren Minerva im blauen Aether, gleich einer Sonnenburg, die stolzen Propyläen entgegen. Eifriger beflügelte er seine aufwärts strebenden Schritte und bald befand er sich in einem Säulenwalde, in welchem die Werke eines Phidias, als Perlen der menschlichen Kunst, ihm Begeisterung für seine Götterbilder und Bewunderung für sein mächtig schöpferisches Geschlecht zustrahlten. Mit enthusiastischer Kunstliebe betrachtete er die milden ernsten Züge der Göttin, die jener aus dem nahen Steinblocke des Pentelikons geschaffen, und die sein poetischer Geist sich selbst zur Schützerin bestellt hat. Keine ernsten, stillen Gebete in Furcht und Andacht vor dem höchsten Wesen konnten diesen Lippen entquillen; ihre Stelle vertrat schallender Jubel bei der Darbringung blumenbekränzter Opfer, die der Ausdruck des poetischen Naturergusses waren, deren eigentlichen Sinn aber das Lob des eigenen Selbst bildete. Die christliche Furcht vor dem lenkenden Schöpfer der Welten, nahte sich ihnen nur in den ihnen unerklärlichen Naturerscheinungen und im Tode! Die Akropolis war ein Diadem, mit welchem die stolze Menschheit das eigene leuchtende Haupt schmückte. Doch dieser Krone fehlte der reine erlösende Segen; die Spangen des eitlen Schmuckes brachen, und der Alles versinnlichende Geist wich vor dem dornengekrönten Erlöser, in dessen Sinne die Jünger ihr künstlerisches Streben zu Domen vereinten, welche sie, statt mit Perlen antiker Zeit, mit dem schlichten Sinnbilde des Kreuzes schmückten. Die Spangen brachen, die Perlen wurden von den Fluthen der Zeit hinweggespült, und dennoch erkennt man in den Ueberbleibseln, daß die Geister, die diese Werke schufen, groß und erhaben gewesen waren; in diesen Ruinen lebt noch jetzt ein poetischer Reiz und eine unwiderstehliche Macht, die auch der Eigenliebe eines Christen des 19. Jahrhunderts schmeichelt. Die Seele wird unwillkürlich von Stolz ergriffen bei dem Gedanken, diese Werke haben einst Menschen geschaffen, aus Fleisch und Blut wie du; und da die Attribute des heidnischen Kultus in den weiten stillen Räumen fehlen, so hat die Phantasie freies Spiel, und auch das christlichste Gemüth kann sich an den Malen des alten Hellas erfreuen. – Wir traten in das Thor der Umfassungsmauer ein; nachdem wir dasselbe durchschritten hatten, kamen wir zu einem Wachthäuschen, welches leider theilweise aus Ueberbleibseln von Kunstschätzen erbaut ist; rechts und links lagen zusammengefallene Steine, gebrochene Säulen; dann gelangten wir durch eine pfortenartige Maueröffnung in das Bereich der herrlichen Propyläen. Noch heute erkennt man die mächtigen Stufen, die bis zu den Fluthen des Meeres gereicht haben sollen. Rechts und links erheben sich gigantische Säulen, welche mehrere Eingangshallen zu dem eigentlichen Sanctuarium bilden. Einst waren in den marmornen Boden derart Furchen gezogen, daß man zwischen den Stufen hindurch fahren konnte. Die Säulenreihen werden von dem Innersten der Akropolis durch große Quadermauern getrennt; in der Mitte befindet sich ein dreifacher Eingang. Rechts von den Propyläen ragt auf einem Felsenvorsprunge der zierliche Tempel der Victoria hervor, welchem wir nun zuerst unsere Aufmerksamkeit schenkten; seine Dimensionen sind sehr gemessen und stehen im vollsten Einklange; vier Wände mit dorischen Säulen verziert, bilden das Gebäude, an dessen einer Seite eine schöne Pforte in das Innere desselben führt. Um das Gesimse laufen fein gearbeitete Basreliefs in sehr kleinem Maßstabe. Der Tempel hat durch seine freie Lage den reinen, blauen Aether als Hintergrund, und durch seinen Miniaturbau, der in der letzten Zeit hergestellt worden ist, etwas außerordentlich Anziehendes. Im Inneren fanden wir ein ausnehmend schönes Basrelief der Siegesgöttin an die Wand gelehnt. Die Athenienser, um den Sieg zu fesseln, bauten nicht nur der Göttin dieses Denkmal, sondern nannten es auch den Tempel der »flügellosen Victoria«, in der Meinung, daß die Siegbringende ihnen dann nicht entfliehen könne. – Hierauf begaben wir uns auf die linke Seite der Propyläen, wo sich auf dem linken Felsenvorsprung ein großes Gemach befindet, in welchem im Mittelalter die Herzoge von Athen hausten. Jetzt wird dieses Gemach und der unmittelbar davor befindliche Raum der Propyläen als Sammelort für die aus der Erde gegrabenen Alterthümer gebraucht. Hier sieht man steinerne Füße, Hände, Arme, Köpfe aufgeschichtet; nur einiges davon ist von größerer Bedeutung; doch wie gerne hätten wir, wenn auch nur den kleinsten Theil der werthlosesten Statue als Andenken mitgenommen! Dies ist aber, wie natürlich, auf das strengste verboten, da Griechenland so schon durch die Kunstliebhaber des gebildeten Europa seiner schönsten Sculpturen und Vasen beraubt worden ist. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft erlaubten sich daher nur einzelne kleine Marmorstücke von Säulen oder Mauern im Stillen als Andenken an den historischen Platz einzustecken. Wie schade, daß der griechischen Regierung und den Erhaltungsgesellschaften das Geld, und dem Volke die Kunstliebe mangelt, alle diese Schätze entweder systematisch in eigenen hierzu erbauten Localen zu ordnen oder die übrigen in verschiedenen Richtungen zerstreuten Theile mit verständigem Sinn und nach alter Ordnung zu sammeln und zu fügen, und so wenigstens theilweise den Schatten alter Prachtdenkmale herzustellen. Man hebt eine Erdscholle, sieht zwischen dem Schutt der Jahrhunderte die Formen eines herrlichen Torso erscheinen, Athen und Europa jubeln über den großen Fund und der Torso erhält seinen traurigen Ehrenplatz zwischen den andern Bruchstücken; man erzählt Wunder von dem neuaufgefundenen Meisterwerke, schreibt es einem Phidias zu, lobt es in den Kunstblättern, zeigt das wehmüthige Conterfei in Kupfer gestochen den Blicken der neugierigen Außenwelt, während in unmittelbarer Nähe der vom Rumpfe abgebrochene Kopf, die schon längst vorgefundenen Hände und Füße hier den Blicken der staunenden Reisenden als sinnlose Bruchstücke gezeigt werden. Könnte nicht ein fleißiger Künstler diese vor Jahrhunderten zusammengehörenden Glieder wieder zu einem vollendeten Götterbilde vereinen, das ein oder das andere fehlende kleine Glied mit seinem, durch das Vorbild begeisterten Meißel ergänzen? oder sollte nicht ein geschickter Architect, der sich in die Linien alter Kunstwerke hineingelebt hat, die einzelnen großen, herumliegenden Säulenstücke durch das scharfmessende Künstlerauge zusammenfügen können? doch es fehlen leider die Mittel zu einem solchen großartigen Unternehmen, und bis jetzt sind nur einzelne kleine Versuche gemacht worden, deren Gelingen jedoch gerade den Beweis giebt, wie lohnend dieses großartige, wenn auch schwierige Werk wäre. Man wundert sich, wie der faltenreiche Körper einer von ihrer alten glänzenden Stellung verdrängten Göttin auf der Akropolis ruht, während ihr lieblicher Kopf in der Ebene ausgegraben wurde und nun vielleicht im Theseustempel gezeigt wird; und doch ist dies auf ganz natürlichem, wenn auch barbarischem Wege geschehen; der grause Türke fand dieses Standbild der mythischen Dame auf der von ihm blutig erstürmten Burg, ihn erfüllte keine Begeisterung bei der Betrachtung des steinernen Kunstbildes, das Schwert seines Propheten hatte er nur zur Zerstörung gezogen; bald hatte die eiserne Faust des Barbaren ihren Zweck vollendet; der Kopf, dem Phidias mit Begeisterung Leben einhauchte, und dem er durch seinen Meisel den Ruhm einer Gottheit ertheilte, wich von dem blendenden Nacken, und nun war es ein gar artiges Spiel, dieses vom Rumpf getrennte Haupt unter Siegesjubel über die Felsen des gewonnenen Platzes in die Ebene rollen zu lassen. Doch nicht allein durch Mahommed's Söhne fielen diese Opfer des Barbarismus, sondern auch die Knechte christlicher Staaten wußten sich zu solchen Lustbarkeiten zu schicken. Nun geziemte es den Kunstfreunden des 19. Jahrhunderts im Schweiße ihres Angesichts ihren respectiven Musen ein Opfer zu bringen, die Gebeine ihrer Götter zu sammeln, und sie auf den Platz des alten Ruhmes wieder siegend aufzustellen; doch dies geschieht nicht, und soll nicht geschehen; so lehrt es die Geschichte von Jahrtausenden. Jede Periode hat auf dieser Erde ihre bestimmten Glanzpunkte, die in den Kunstdenkmalen die Bewunderung der Mitmenschen auf sich ziehen; die Aufgabe der Zeit ist es dann, diese Werke zu zerstören und der Nachwelt die Ruinen zu überlassen, damit sie ahne – lerne – und selbst schaffe. –
Durch die Pforten der Propyläen traten wir auf einen mit Steinen übersäten Raum, den eigentlich der alten Götterwelt geweihten Platz der Burg. Hier findet man noch in einem breiten großen Marmorblocke die Merkmale des Punktes, auf welchem die berühmte Minerva gestanden hatte; hier zeichnet sich in herrlichen Formen der Tempel der Erekthea; hier steht das großartigste Meisterstück griechischer Architectur, das säulenreiche gigantische Parthenon, in welchem einst der aus Gold und Elfenbein gebildete Zeus des Phidias thronte. Gleich links, wenn man aus den Propyläen tritt, ruhen, an eine große Quadermauer angelehnt, eine Anzahl aus den Metopen des Parthenon entnommener Basreliefs von seltener Schönheit; sie stellen einen Triumph- oder Heereszug dar, in dem man die wundervollsten Gestalten entdeckt; sie sind aus der Blüthe alter Kunstzeit. Doch den Hauptschatz dieser Basreliefs hat, wie bekannt, Lord Elgin, der Vertreter seiner kaufmännischen Nation nach London in das brittische Museum geschafft. Aus Dankbarkeit für den gelungenen Raub hat er dem armen Athen einen erbärmlichen Glockenthurm gebaut. So weit die mächtigen Klauen des Leoparden reichen, so weit schlagen sie Wunden, um das Herzblut zu gewinnen; und daß die Klauen des Leoparden weit reichen, zeigen die Schätze in seinem heimischen Lager.
Wir traten mit Begeisterung vor das erhabene Parthenon; die Façade ist noch ziemlich gut erhalten und giebt der Phantasie die Umrisse und Hauptpunkte an, aus welcher sie sich auf leichte Weise das herrliche alte Bild ergänzen kann. Eine breite Kolonnade im einfachsten grandiosesten Style umgiebt den geschlossenen, ebenfalls mit Säulen verzierten Tempelraum. Der First des Tempels ist leider schon sehr beschädigt, und man sieht nur aus zwei kopf- und armlosen Figuren, daß einst in demselben eine Marmorgruppe gestanden haben muß. Noch einige zerstückte Metopenspuren zeigen sich zwischen dem Dache und den Säulen. So zierlich und klein die Dimensionen beim Victoria-Tempel sind, so majestätisch und groß sind sie bei diesem Werke alter Kunst; doch stehen beide in gleich reizendem, poetisch architectonischem Einklange. Es liegt ein hinreißender Zauber in diesen Marmor-Ruinen; die Werke sind mit gesundem Sinn durchdacht und mit Begeisterung geschaffen worden; es bleibt uns ein Räthsel, wie die Männer alter Zeiten die Kräfte und Mittel hatten, jene Steinmassen auf einander zu thürmen; ja diese großen Künstler machten sogar architectonische Berechnungen, an die unsere arme schwache Zeit gar nicht gewohnt ist zu denken. So schützten sie ihre aus colossalen Steinen und ohne Mörtel errichteten Wunderbauten vor dem im Süden häufigen Erdbeben, indem sie allen Säulen eine etwas schiefe Neigung gegen das Innere des Tempels gaben, so daß die breiten gegen einander gestützten Quersteine denselben einen Halt darboten; so gaben sie den Grundlinien des Parthenon eine gegen die Mitte etwas einwärts gebogene Richtung, wodurch eine optische Täuschung entsteht, und sie diese herrlichen Bauten den Blicken größer erscheinen lassen. Für die Gestalt eines Zeus konnte kein besseres Werk als Göttersitz gewählt werden; denn es spricht aus demselben der Ernst und die Größe eines Donnergottes, und zu gleicher Zeit das poetisch Anziehende eines Nymphen-Anbeters. – Wir traten in das Innere. Wo einst das Dach war, quillt nun das hellste Licht aus blauem Aether auf den durch die Zeit in ein Goldgelb verwandelten Pentelikon-Marmor. Das Dach, zu dem das Rauchwerk der Opfernden emporwallte, liegt in Stücke geborsten auf dem Boden, über den einst das Blut der Opferthiere in reichlichem Maße floß. Auch von dem reichgeschmückten Bewohner dieser alten Marmorburg, vom Zeus des Phidias hat man keine Spuren mehr. Den goldenen Haarwuchs und Mantel wird irgend ein Eroberer zur Rundung und Auspolsterung seines Säckels gebraucht haben. Man hat im Innern zwei alte ausgegrabene Marmorthrone aufgestellt. Hier sitzen des Königs und der Königin Majestät bei archäologischen Festen, die zuweilen in diesen Räumen gefeiert werden. Wir dachten uns in die Zeiten des atheniensischen Volkes zurück, als es mit dem Fall des Kreon die Könige abschaffte; Professor K. aber nahm in antiker Begeisterung Platz auf dem Königssitze, und nun wurde ein von unserer Gesellschaft langgehegter Wunsch zur Ausführung gebracht – wir hatten nämlich vom Beginne der Reise an, eine Flasche österreichischen Weines mit aller Sorgfalt aufgehoben; nun ward sie an das Tageslicht gebracht, und ihr Inhalt wurde auf das Wohl des Vaterlandes ausgeleert. Die südlichen Gebräuche vermählten sich mit den nordischen. – Archivarius K. saß gleich einem Barden aus alter germanischer Zeit, mit dessen grauen Locken der Wind sein Spiel treibt, auf dem marmornen Thronsessel. Wir bildeten um ihn einen Kreis, worauf er einen der Stimmung des Augenblicks entsprechenden Trinkspruch mit weit vernehmbarer Stimme ausbrachte, der unserem Vaterlande einen Gruß weihte. Wir hörten seinen Worten mit Begeisterung und Rührung zu. Es war ein poetischer, der Vaterlandsliebe geweihter Augenblick, der die schöne großartige Umgebung noch erhebender machte. Wir hatten unseren Vorsatz erfüllt, auf Attika's fester Burg von den heimischen Weinbergen einen Trunk zu thun, in welchem wir in Liebe unseres theuren Vaterlandes gedachten. Ehe wir den Saft gesunder Oesterreicher-Trauben an unsere Lippen setzten, brachte ich, im Angesichte der Ueberreste alter Größen, auf der vor dem Throne befindlichen Steinplatte, nach antiker Sitte und Gebrauch den mythischen Göttern, deren kunstvollen Bildern einst in diesen Räumen gehuldigt worden war, eine Libation. Nun that Jeder einen kräftigen Schluck, worauf ich die Flasche, um sie vor künftiger Entweihung zu bewahren, an dem Marmor zerschellte. Die griechischen Officiere, welche uns begleiteten, sahen dieser Scene verwundert zu; doch als sie ihnen erklärt wurde, bückten sie sich und lasen von der zerbrochenen Flasche Ueberbleibsel als Andenken auf. Es scheint, daß unser Patriotismus den ihrigen ebenfalls aufgefrischt hatte. – Mein Bruder konnte leider dieser Feierlichkeit nicht beiwohnen, weil ihn ein leichtes Unwohlsein zu Hause hielt.
Vom Parthenon aus gingen wir durch ein Meer von Trümmern zum Tempel der Erekthea. Auf einem massiven, um den nicht sehr großen Raum herumlaufenden Mauerwerke von Marmorquadern erheben sich schlanke Karyatiden, welche den mit Steinmetzarbeit geschmückten Oberbau auf ihren Häuptern tragen. Der reiche Faltenwurf des aufgeschürzten Gewandes, das volle wallende Haar und die ernsten Züge dieser Figuren machen einen künstlerischen, architectonisch vortrefflichen Eindruck. Die Formen und die reichen Verzierungen des niedlichen malerischen Tempelchens erinnern unwillkürlich an die schön geschnitzten Schränke der Cinquecento-Zeit. An diesem reizenden kleinen Werke hat Neugriechenland sich angestrengt und einige fehlende Karyatiden durch neue gelungene Bildhauerkunst ersetzt. Auch bei diesem Tempel, wie bei allen, mit Ausnahme des dem Theseus geweihten, fehlt das Dach, wodurch sich die Ruinen mit noch schärferen Conturen auf dem Himmel abzeichnen. Die hintere Seite ist an eine Quadermauer angelehnt, wodurch die Aehnlichkeit mit einem Wandschrank noch mehr erhöht wird. Auf der andern Seite der Mauer befindet sich ein ziemlich großer Raum, der von zwei Seiten mit schönen korinthischen Säulen umgeben ist. Welcher griechischen Säulengattung der Vorzug zu geben ist, kann ich nicht entscheiden; doch entzückten mich die des Parthenon, in ihrer massiven und doch schlanken Form am meisten. Kein Schnörkelwerk, keine unnütze Zierrath verdirbt den großartigen Eindruck; es ist auch hier wie bei allem Großen und Schönen, das keines Schmuckes bedarf, um zu imponiren und zur Bewunderung hinzureißen.
Wir wendeten unsere Schritte in den Tempelbau, welchen die Alten den beiden Hauptbeschützern Athens, Neptun und Minerva, geweiht haben; doch das ernste, majestätische Götterweib, das aus Jovis dräuendem Haupte entsprungen war, erhielt die Oberhand über den wilden Wassermann, indem das kluge Volk von Athen Minerva's Geschenk, den Oelbaum, dem Neptun's, der das Roß aus den Wellen entspringen ließ, vorzog. Das Schönste an diesen Tempelüberresten ist die reich verzierte Eingangspforte, in deren Nähe man uns eine im Felsen befindliche Vertiefung zeigte, aus welcher Neptun mit seinem Dreizack eine Quelle gestoßen haben soll.
Der griechische Archäolog, ein sehr liebenswürdiger Gelehrter, führte uns in ein Haus, in welchem sich eine bedeutende Sammlung ausgegrabener Geschirre und anderer Gegenstände befindet. Griechenlands irdene Vasen zeichnen sich durch ihre graziösen und doch so einfachen Formen, und durch ihre schön gewählten schwarz und rothen Farben aus. Schwung und Poesie finden sich bei den Ueberresten dieser Zeit in allen Gestalten wieder. – Bemerkenswerth ist noch das an dem untern Theile der gegen die Meerseite zugekehrten Seite des mächtigen Felsens gelegene Theater des Herodes, welches nun langsam aus dem Schutte der Erde dem Tageslichte wiedergegeben wird, so daß man schon die alte Circusform, wie sie so herrlich in Verona zu sehen ist, wahrnehmen kann; dasselbe wurde von einem Krösus errichtet, der noch in den glücklichen Zeiten lebte, in denen man manchmal des Geldes zu viel hatte. Ihm war es wie folgt gegangen: er hatte einen Schatz gefunden, was damals auch schon zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörte; er wußte keinen Gebrauch von den Massen Goldes zu machen; er wendete sich in seinem Drangsal an Kaiser Hadrian, welcher ihm den Gedanken einflößte, den ihm so lästigen Schatz zu verbauen.
Wir verließen die Akropolis mit dem erhebenden Gedanken, Großes – Unvergängliches gesehen zu haben. Wir fühlten uns der Zeit näher, in welcher ein Perikles gewaltet, und ahnten den Schöpfungsgeist unerreichter Künstler. Mit Bewunderung verließen wir eine Stelle, auf welcher die größten Geister Griechenlands sich bewegt hatten, und unsere Seele nahm den Schatten des Bildes der Akropolis auf, wie sie war, als noch Einheit und Leben in diesen Räumen herrschte, als noch der Weihrauch der reichen Opfer zu dem ungetrübten Aether stieg, und der Jubel der freudetrunkenen Schaaren in das ewig grüne üppige Thal niederrauschte.
Von der Poesie ging es zur Prosa über, und ich hatte nun die nicht sehr angenehme Aufgabe, das diplomatische Corps zu empfangen. Dergleichen Dinge waren kalte Douche auf den poetischen Enthusiasmus, in welchem das Herz über alte Größe schwelgte.
Um halb fünf Uhr setzte ich mich mit der Königin zu Pferde, um wieder einen kleinen Ausflug in die merkwürdige Umgebung Athens zu machen. Das Wetter hatte sich bedeutend getrübt; die Gegend, durch welche uns die leichten orientalischen Pferde trugen, bot in der düstern Beleuchtung ein Bild der Melancholie. Nacktes, tiefgefärbtes Hügelwerk machte den Eindruck des Erstorbenen, da ihm der Wiederschein der glühenden Sonne fehlte. Die Oliven mit ihrem düstern Grau brachten kein Leben in die schwermüthige Landschaft, welche sich bald in ein weites Thal öffnete.