Ceres die verlass'ne Küste.
Ach, da grünte keine Flur!
Daß sie hier vertraulich weile,
Ist kein Obdach ihr gewährt.
Keines Tempels heitre Säule
Zeuget, daß man Götter ehrt.
So streicht die Hand der Zeit über die berühmtesten Gegenden dahin, und oft ist mir schon in Griechenland das Gedicht Rückert's von dem Thale eingefallen, in welchem eine Stadt, dann Wüste, Felder, See und endlich wieder eine Stadt gestanden hat. Ein wehmüthiger Gedanke war es uns, der Jugend der Neuzeit, über die gebrochenen Steine dahin zu hüpfen, die einst das gebildetste Volk der Welt mit Mühe zusammentrug, um ein Götterwerk zu schaffen, welches der Ewigkeit trotzen sollte, und in welchem die antike Jugend die mystischen Reigen der Ceres ausführte.
Wir wurden nun in zwei Häuser von Landbewohnern geführt, in welchen die prachtvollsten Mosaïk's dem Spiele der Kinder und dem Wühlen der Schweine ausgesetzt waren; quer über einen derselben läuft sogar die Hausmauer. So werden diese herrlichen Werke durch unwissende Menschen dem Verderben preisgegeben, da man sie doch mit der kleinsten Mühe vor der Unkenntniß der Bevölkerung schützen könnte. Leider stehen dem griechischen Monarchen, der den besten Willen zur Erhaltung dieser Schätze hat, nicht die Mittel zu Gebote, diesen Wunsch auszuführen. – Als wir aus der zweiten Behausung heraustraten, bildeten die schlanken, romantisch gekleideten Frauen und Mädchen von Eleusis einen Halbkreis vor der Königin und stimmten nach einer ziemlich monotonen Melodie einen rasch improvisirten Gesang an, zu welchem sie, die Arme kreuzweis haltend, einen ernsten schwingenden Tanz ausführten. Langsam neigten sie sich mit einem Schritte vorwärts, worauf sie zwei kleine Schritte rückwärts machten; nach jeder Strophe traten sie im Tacte mit den Sandalen auf den harten Boden. In diesem Tanze erkannte man die Nachkommen der alten Helenen. Es waren die Reigen, wie man sie auf den Vasen des alten Griechenlands gemalt sieht, ein interessanter schöner Anblick! Die Königin sagte mir, daß sich der Gesang auf ihre Anwesenheit bezöge. Im ersten Liede drückten sie ihre Freude aus, daß wir Fremde der Königin die Nachricht der baldigen Ankunft des Königs brächten; im zweiten wurde die »Basilissa« mit einem Orangenbaum verglichen, an dessen Fuß eine frische Quelle sprudle. Das Volk soll eine eigene Gewandtheit in diesen lieblichen Improvisationen haben! –
Wir besahen nun noch einen altgriechischen Hafendamm, welcher sich am Fuße des Städtchens auf eine kleine Strecke in das Meer hineinzieht. Er zeichnet sich durch seine außerordentlich großen Quadersteine aus. Hierauf lud uns die Königin zu einem Imbiß ein, welchen Vorschlag wir dankbar annahmen. Es war ein gouté champêtre. Man brachte in aller Eile einen schlechten Tisch und einige Feldsessel; ein Koffer, der die erwünschte Ladung enthielt, wurde eröffnet, und wir stärkten uns mit kaltem Fleische, Eiern und Wein, angesichts des welthistorischen Eleusis. So ist das unglückliche Menschengeschlecht! Geist, Herz und Magen sind leider ein nothwendiges Triumvirat, welches in diesem armen Erdenleben nie getrennt werden kann. – Nach dem kurzen Mahle wollten die Männer von Eleusis ihren Frauen nicht zurückstehen und vollführten ebenfalls einen Tanz, dem der Frauen ähnlich, nur lebhafter und wilder. Der beste Tänzer des Ortes führte den Reigen an und machte höchst possierliche, drehende Sprünge, mit denen eines Gemsbocks vergleichbar, und an die bacchantischen Geberden antiker Darstellungen erinnernd. Nachdem dies einige Zeit bewundert worden war, ließ die Königin die Kinder des Dorfes um sich schaaren, stellte einige Fragen im freundlichsten Tone an sie, und vertheilte hierauf unter dieselben die vom Mahle übrig gebliebenen Eier. Es war ein hübsches Bild, die zarte Frau mitten unter den frischen, stürmischen Kindern zu sehen; alle drängten sich um sie, ein jedes wollte eine der Gaben haben; die Ungestümen wies sie mild mit der Hand zurück, den Bescheidenen theilte sie ermunternd aus. Das war ein Geschrei und ein Jubel! So weiß sie durch liebenswürdige Art mit den einfachsten Mitteln das Herz ihres Volkes zu gewinnen. Die ganze Bevölkerung, jung und alt, stürzte uns bis zum Wagen nach, und die Königin verließ den interessanten Ort unter dem weithin schallenden Jubelruf: »zito Basilissa«! – Die besonders enthusiastische Jugend lief noch einige Zeit jauchzend neben dem Wagen her. Man sieht deutlich, daß es die Königin ist, welche durch ihre Persönlichkeit den neu errichteten Thron von Griechenland im Herzen des Volkes stützt. –
Als wir durch die schönen Weingärten dahin fuhren, warfen die einzelnen Landbewohner die schönsten Trauben ihres Besitzthums in den Wagen, welche die Königin dankend annahm; und dieses Zeichen der Liebe wurde nicht, wie bei uns, mit feilem Geld belohnt; das freundliche Nicken der Königin war den Bauern der liebste Dank. Das Volk in Griechenland ist durch und durch monarchisch, und kennt den Werth der fürstlichen Huld und Gnade, ohne daß man ihm dieselbe durch thatsächliche Bezahlung zu beweisen braucht. Am späten Abend bei funkelnden Sternen kehrten wir nach Athen zurück. –