Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in der Kapelle des Königs die Messe zu hören. Gleich nach dem katholischen Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebräuche unserer Kirche bezieht, weggeräumt, und der Pastor der Königin mit seinem einfachen Ritus, zog ein. Zuweilen, wenn öffentliche Feste es erheischen, wohnt das Königspaar auch den griechischen Funktionen bei.

Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu lernen, kann es wohl nichts Erwünschteres geben, als die Abhaltung eines öffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September, nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage begonnene Revolution.

Als wir uns vom Palast in die Hauptstraße begaben, hatte die Königin schon den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome, wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war unmilitärisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europäischer Soldaten das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump geschmückte Csako, gaben dem ernsten Sohne der südlichen Berge einen düster-kränklichen Anstrich. Ein Körper, der an die flatternde Jacke und die faltenreiche Fustanella gewöhnt ist, mag sich unter griechischer Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknöpften Tuchrocke und den langen inexpressibles fühlen; und so schlüpfen Hellas Jünglinge aus dem malerischen Costüme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu verwandeln, und hierdurch große Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu bekommen; doch die europäische Civilisation erfordert es so, und da muß der Schönheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in Landestracht sieht dagegen sehr schön und kriegerisch aus, und trägt sich in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten in Patras zu bewundern. – Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk im bunten Gewimmel; bald sah man europäische Trachten, bald zeigten sich die buntesten Gewänder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem schönsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigten sich hier die Frauen und Mädchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schönen regelmäßigen Zügen konnte man gar leicht die Vermischung des südslavischen und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des weiblichen Geschlechtes waren für uns die der Hydriotinnen neu. Statt des rothen Feß tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten gazeartigen Schleier in zarten künstlichen Falten um Haupt, Nacken und Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus grellgefärbtem Seidenstoffe. – Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust, waren bemerkbar; es sah eher aus, als befänden sich die Leute aus bloßer Gewohnheit da.

Nachdem wir den bunten Schimmer der Häuser, welchen die glühende Sonne erhöhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den für eine Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing uns ein Qualm drückender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte der Archimandrit, eine würdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem schneeweißen Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel, stand gleich einem Marmorbilde, die Königin-Regentin in reichem, pelzverbrämten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses Kostüme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzügen den orientalischen Schnitt. Da wir gerade gegenüber, hinter den Säulenbogen einen etwas erhöhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene Frau mit Muße betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher Stickerei. Auf dem Haupte glänzten im braunen Haare funkelnde Diamanten; so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drückte sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zügen aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblühender Thron vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden ist. Gewiß schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie für die Erhaltung derjenigen Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben stürzen mußten! Auch preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt sich zum Gebete zu öffnen.

Wir verließen bald den dumpfen Raum, um die Königin nach Beendigung der Hymnen an uns vorüberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit, wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt dessen fuhren zwei vierspännige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in welchen die Königin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gänzlich den Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und plötzlich war der ganze Zug unseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Königin entledigte sich ihrer drückenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frühstück in einem Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit leichtem Dache, und ist über einem herrlichen Mosaïk erbaut, welches man auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rühmt, das größte der Bekannten zu sein; es ist außerordentlich gut erhalten und scheint nach den Arabesken und der Form zu schließen, sich in einem antiken Badezimmer befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrühstück setzten, bemerkte die Königin, daß unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mußte mit einer Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Gründe mögen dieses komische Verfahren bei der so geistreichen Königin entschuldigen: erstens ist das griechische Volk außerordentlich abergläubisch, und es scheint nicht gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu: man speiste zu dreizehn, in der kürzesten Zeit darauf starb einer der Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und abermals in der ominösen Zahl. Ein junger Engländer, der beide Male zugegen war, äußerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein würde; abermals verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.

Nach dem Frühstücke ließ die Königin eine kleine Pony-Equipage vorfahren, in der sie meinen Bruder und mich eigenhändig führte, und uns Gelegenheit gab, ihr Talent zum Kutschiren zu bewundern. Die übrige Gesellschaft folgte ihr zu Fuße. Eine kleine Menagerie, bestehend aus Dammhirschen und Gazellen, wurde uns gezeigt; hierauf geleitete uns die Königin durch ihren Garten, welcher ihr ganzes Vergnügen und ihren ganzen Stolz ausmacht; auch pflegte sie ihn scherzweise immer ihr kleines Reich zu nennen. Ehe sie die Regentschaft des größeren Reiches übernahm, bildete dieses selbstgeschaffene und gepflegte Athene-Eldorado ihr Hauptvergnügen; nun wird leider der Garten unter den wichtigeren Geschäften etwas leiden müssen. Die Anlagen desselben sind im englischen Geschmacke; zwischen Palmen und Orangen wird mit Mühe das deutsche Bäumchen gehegt und gepflegt. Die Blicke aus den einzelnen Partien auf die Ueberreste altgriechischer Kunst sind herrlich und könnten nicht malerischer gewählt sein. Es fehlt nur an schattigen Plätzen und an grünen Rasenflecken, um den Garten vollkommen zu nennen; der erste Fehler wird sich jedoch mit der Zeit geben, da die ganze Schöpfung erst das Werk einiger Jahre ist; im älteren Theile steht schon eine Baumgruppe, in deren kühlem Schatten das königliche Ehepaar zu frühstücken pflegt; für den zweiten ist weniger zu hoffen, da die Strahlen der Sonne zu glühend sind, um das üppige Wachsthum des Grases zu erlauben. Für Athen ist jedoch der Hofgarten ein Wunder; er ist so zu sagen der einzige Punkt, wo das frische Grün des Laubes, und der Wechsel der Blumenpracht zu sehen ist. Für uns, die wir aus kühleren Ländern stammen, waren die Gewächse des Südens von besonderer Merkwürdigkeit. Die keimenden Palmen und saftigen Aloën waren in solcher Menge unserem Auge neu. Die letztere Pflanze nimmt sich besonders vortheilhaft in den schneeweißen Marmorvasen aus, welche sich auf den breiten Stufen gleichen Gesteines befinden, die von der linken Palastseite, von Terrasse zu Terrasse in den Garten hinunterführen. Die erste Terrasse ist als breiter Raum zum Vorfahren vor den Kolonnaden-Gang bestimmt. Die zweite etwas tiefer liegende, ist mit sehr schönen Blumenanlagen zwischen Orangenbäumen besetzt, die aber im vorigen Winter von der strengen Kälte so sehr gelitten hatten, daß man sie bis zum Boden schneiden mußte; doch das Wachsthum unter südlicher Sonne ist so kräftig und rasch, daß sie nun schon die Höhe von 4 bis 5 Fuß erreicht haben. Die Erndte ist jedoch auf einige Jahre hinausgeschoben. In dem ziemlich bedeutenden Umfange des Gartens wurden einige sehr schöne Alterthümer ausgegraben, welche auf einem eigenen Platze desselben aufbewahrt sind. Vor wenigen Jahren stieß man auf eine reichhaltige antike Wasserleitung, die nun theilweise den Pflanzen das so nothwendige Labsal bringt; auch glaubt man den Platz gefunden zu haben, auf welchem Socrates gelehrt haben soll: die Kontraste der Jahrhunderte bringen den Schulplatz des größten Philosophen in eine englische Parkanlage! – Da uns die glühende Mittagshitze gar bald aus dem Garten trieb, ward es uns gegönnt, die Gemächer des Königs und der Königin genau zu betrachten. Dieselben vereinigten Pracht mit Wohnlichkeit und manch sinnige Idee und hübsche Fresko-Malerei fand ich zwischen den griechischen Zierrathen; doch überall leuchtete der Münchner Königsbau durch, und wirklich findet im hiesigen Klima diese Bauart ihre größere Berechtigung. In des Königs Arbeitszimmer sieht man unter dem Plafond die berühmten Männer des alten Griechenlands; in einer Ecke steht ein Gipsabguß des Apoll von Belvedere, als Repräsentanten der antiken Kunst; in einem andern Saale des Palastes sieht man dagegen die Brustbilder der Helden neugriechischer Geschichte. An den Wänden befinden sich zwei große Oelgemälde vom Münchner Maler Heß, den Einzug des Königs in Nauplia und Athen darstellend; die Bilder sind kräftig gemalt und enthalten viele für das Land interessante Porträts. Noch ist in diesem Raume, der den hervorragenden Werken der neueren Zeit gewidmet ist, kein Repräsentant der vaterländischen Kunst zu sehen; auch wäre es schwer in Neu-Griechenland einen solchen zu finden. – Die große Stiege, die an diesen Saal stößt, ist, wie schon erwähnt, von Bronce und weißem Marmor aus dem Pentelikon; ein herrliches Werk! Die Steinstufen sind so fest eingefügt, daß die Doppelstiege längs der Mauer frei und ohne stützende Säulen dahin läuft. Die Königin erzählte uns, daß es langer Zeit und großer Mühe bedurfte, bis man Marmorblöcke fand, welche so gänzlich ohne Sprünge waren, daß man dieses Meisterstück wagen konnte. Diese breiten, wahrhaft majestätischen Stufenreihen führen in eine Halle, die sich unmittelbar an der großen Einfahrt in der Mitte des Palastes befindet. Die schönsten Räume im Schlosse sind jedoch unstreitig die zwei großen Tanzsäle im entresol, die durch alle Stockwerke die Höhe des Schlosses erreichen. Die Hauptfarbe derselben ist roth, mit reichen goldenen Verzierungen bedeckt. Die Möbel sind mit den Wänden und Plafonds übereinstimmend und so aufgestellt, daß den Tanzenden genug Raum bleibt. Ein Maler war gerade beschäftigt, den oberen Theil des einen der beiden Säle mit mythischen Figuren zu füllen. Wenn die schweren Kronleuchter und reichen Wände in tausendfarbigem Lichte schimmern, und die bunten schöngestickten orientalischen Trachten sich bei der Tanzmelodie hin und her bewegen, so mag der Anblick wirklich etwas feenhaftes haben; auch werden diese Feste von allen Fremden als wahrhaft pracht- und geschmackvoll gerühmt. Ob diese Feierlichkeiten den Gewohnheiten und Geldmitteln des Landes entsprechen, getraue ich mich nicht zu beurtheilen. Von hoher Seite versicherte man mich übrigens, daß das griechische Volk die Pracht und den Glanz seines Thrones liebe.

Die Königin, welche die Merkwürdigkeiten ihres Landes auf eine so graziöse und geistreiche Art zeigte, lud uns auf heute Nachmittag zu einer Fahrt nach dem berühmten Eleusis ein. Die ganze Gesellschaft wurde in zwei großen, bequemen Wagen untergebracht, und so rollten wir vom Schlosse aus durch einen abgelegenen Theil der Stadt, worauf wir bald die heilige Straße erreichten, welche unter den alten Griechen von Athen aus zum Tempel des unbekannten Gottes führte. Anfangs fährt man zwischen Olivenbäumen und Weingewinden dahin, bald aber geräth man in eine romantische wüste Gegend; man muß ein enges schluchtartiges Thal durchfahren, um auf die andere Seite der Gebirgskette zu kommen, in welcher sich der Meerbusen befindet, an dessen Ende Eleusis liegt. Links und rechts von der Thalstraße liegen auf gelber Erde unzählige Felsstücke, zwischen denen einzelne Pinien-Gruppen gleich kleinen Oasen hervorragen, deren Nadeln von lebhafterem Grün sind, als das Laub unserer Bäume. Außer mehreren langsam dahin kriechenden Schildkröten sahen wir keine Spur des Lebens, bis wir mitten in dieser interessanten Wildniß an das verfallene Nonnenkloster Daphne kamen. Noch stehen einige Theile der festen fränkischen Ringmauer, der Kirche und der erbärmlichen Hütten der Nonnen. Ursprünglich ward hier ein Schloß für die Herzöge von Athen, aus der Familie Laroche gebaut, deren Nachkommen noch in Baiern bestehen sollen. Die Mauern deuten augenblicklich auf die nordischen Schöpfer derselben; später wurde das Schloß zum Kloster eingerichtet und die Kirche im byzantinischen Style noch später gebaut. In der Kuppel befindet sich ein großes Mosaïk, ein Christuskopf im typischen Styl. Da die Kirche dem griechischen Kultus geweiht ist, so befindet sich hier natürlich die stark vergoldete Wand zwischen der Gemeinde und dem Altare. Lange dicke Kerzen auf hohen, freistehenden, bunten Leuchtern, warfen ein düsteres Licht auf die großen, auf einzelnen Pulten aufgeschlagenen Evangelium-Bücher, und auf das dunkle vom Rauche geschwärzte Gemäuer. Die Stille und Leblosigkeit dieses Gotteshauses gab dem Ganzen einen mystischen Anstrich. In einer Seitenkapelle sind noch einige Gräber, auf deren einem das in Marmor gehauene Wappen der Laroche zu sehen ist. So findet man in der Umgegend von Athen alle Geschichtsperioden durch die merkwürdigsten Denkmale verewigt. In dem Klosterhofe sieht man noch einige Reste gothischer Verzierungen. Die Mauern sind alle so massiv, daß es scheint, als ob diese Herzöge sich nicht ganz sicher gefühlt hätten. – Kaum waren wir einige Zeit in dem verfallenen Gemäuer herumgeklettert, so regte es sich plötzlich, und schwarze, unheimliche, hexenartige Gestalten erschienen. In Fetzen nur zur Noth gehüllt, mit wirren grauen Haaren und dürren Gliedern, gehörten sie ganz zu den leblosen Ueberbleibseln aus vergangenen Zeiten; es fehlten nur Kessel und Besen, um das Bild zu vollenden. Es waren dies die frommen Schwestern von Daphne, welche gerade im Begriffe waren, türkischen Weizen und andere Hülsenfrüchte auf den Boden auszustreuen und zu trocknen. Mit ihrer Heiligkeit soll es jedoch nicht sehr weit her sein; wenigstens ist der Erzbischof von Athen, ihr geistlicher Vorstand, dieser Ansicht. Auf jeden Fall war ihr Aeußeres nicht nur abstoßend, sondern sogar unschicklich, und sie scheinen eher eine Rotte roher Bettlerinnen, als in sich gekehrter Nonnen. Wir verließen die malerischen Ruinen, nachdem die schwarzen Gespenster der Königin mildspendende Hand Segen kreischend geküßt hatten. Bald waren wir am Ausgang des Thales, und mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf dem Meerbusen, dem Dorfe Eleusis und den hohen schön geformten Gebirgen. Man beginnt die Spuren der heiligen, in den Felsen gehauenen Straße zu sehen, da sich der Weg ziemlich knapp zwischen dem Meere und den höheren Felsen hinzieht. Man sieht aus diesen Spuren, wie auch auf der Akropolis und an mehreren anderen Orten in Griechenland, daß die Alten nur Geleise in den Stein hieben, und daß die Räder, welche gleiche Achsenbreite hatten, in denselben liefen, so daß sich die Pferde auf dem nackten Felsen forthelfen mußten. Noch interessanter jedoch wie diese Straßenreste sind die Süßwasser-Seen, welche sich unmittelbar an der rechten Seite der Straße befinden, während die linke von den Wogen des Meeres bespült wird. Diese kleinen Seen sind ebenfalls noch aus uralter Zeit; ihre Tiefe beträgt höchstens fünf Schuh, sie liegen einige Schuh höher, als das Meer, in welches sie unter der Straße abfließen. Diese ist nur durch eine kleine sehr niedrige Mauer von den Seen getrennt. Es scheint, daß der Zweck dieser Wasseranlagen die Aufbewahrung von Fischen war. Der Zufluß kommt wahrscheinlich von unterirdischen Quellen. –

Am Eingange von Eleusis ließ die Königin halten, und man stieg aus. Zuerst besichtigten wir eine kleine, außerordentlich niedrige griechische Kapelle, welche aus Trümmern von dem berühmten Tempel des unbekannten Gottes gebaut wurde. Im Innern derselben befinden sich auch noch einzelne Theile von alten Statuen und Inschriften, für einen Archäologen, der diese Zeichen versteht, von großem Interesse. Als wir beschäftigt waren, diese Trümmer schönerer Zeiten zu bewundern, strömte die Bevölkerung des Dorfes die Anhöhe herab und umringte die geliebte »Basilissa«, welche sie mit den freundlichsten Worten in der wohltönenden griechischen Sprache begrüßte. Eine schöne Sitte ist es, daß, wenn das griechische Königspaar in die Nähe eines Dorfes kommt, die ganze Gemeinde jubelnd entgegenzieht, und ihr »zito« in die Lüfte schallen läßt. Die Bevölkerung dieses Ortes, besonders die Frauen, waren wieder ganz anders gekleidet, als in der Umgebung von Athen; ich möchte sagen noch poetischer und geschmackvoller. Die Frauen tragen lange dunkelgefärbte Röcke; über denselben haben sie bis zum Knie herab einen weißen mit schwarzen Schnüren geschmackvoll gestickten Oberrock; auch das Mieder ist reich und bunt gestickt, Kopf und Hals hüllt ein weißer Schleier ein, aus welchem lange Flechten über den Nacken, oft bis auf den Boden hängen. Der reiche Haarwuchs ist der Stolz dieser Frauen; sie helfen sich auch künstlich durch das Eindrehen von brauner Wolle. Die Mädchen tragen statt des Schleiers ihre Aussteuer auf dem Haupte, welche in einer helmartigen Kappe besteht, mit Sturmband und Quästchen, deren Bestandtheile durchlöcherte Silber- und Goldmünzen bilden; oft recht interessante kleine Münzensammlungen. Man findet türkische, griechische, österreichische und spanische Geldstücke im buntesten Gemisch. Diese ganz originelle Kopfbedeckung kleidet aber die regelmäßigen, ernsten orientalischen Züge vortrefflich. Eine große Anzahl der Frauen trägt goldene Ringe mit den schönsten antiken Cameen, welche sie beim Ackern zwischen den Schollen finden. Wir wanderten nun von der ganzen Gemeinde gefolgt auf einen felsigen Hügel, der die Grundlage des Tempels bildete. Man findet nur noch einzelne Mauertrümmer und Stücke von marmornen Säulen des berühmten Heiligthums, in welchem die eleusischen Feste gefeiert wurden, und es regt sich der Wunsch, daß Ceres wieder einmal in dieser Gegend ihr geliebtes Kind suchen möge und wenn sie käme, könnte man leider zum zweitenmale wieder singen:

Und auf ihrem Pfad begrüßte,

Irrend nach des Kindes Spur,