Nach kurzer Rast setzten wir unseren Weg gegen Korinth fort, der wieder durch eine reich mit Weingärten bebaute Ebene am Meere hinführt; gegen Abend lag das stolze Akrokorinth mit der Stadt Korinth an der äußersten Spitze des Golfs vor uns. Je näher das Meer ans Ufer tritt, desto dunkelblauer wird seine Farbe und desto ruhiger seine Oberfläche. Die Bauart der Häuser, wie der Schlag und die Tracht der Menschen änderte sich in dieser breiten Ebene; Gesichtsfarbe und Züge nehmen etwas Zigeunerhaftes an, und die Bekleidung ist leicht und von genialster Unordnung; man zieht Stunden dahin, ohne daß man sich der Stadt merklich nähert. Beim Untergang der Sonne erglühte Akrokorinth und einige der höchsten Spitzen in unaussprechlicher Schönheit; andere Berge waren orangenfarb und violett, und nur die entferntesten Höhen hüllten sich in jenes mystische Schwarzblau, das die Sehnsucht und Phantasie über sie hinaus trägt. Die Farbe des Meeres war von einem Blau, wie ich es in der Natur noch niemals gesehen habe; wir ritten still und bewundernd durch die frischgrüne Farbenpracht der Ebene, zwischen der die gelbe Erde an vielen Stellen hervorleuchtete. Unterhalb Korinth flammten die äußersten Spitzen des Oelbaumes zum letzten Male in rosiger Gluth, worauf die Sonne hinter den Bergen von Patras verschwand und der stille Duft der kurzen Dämmerung über die Gegend zog.
Nachdem wir schon glaubten, Korinth sehr nahe zu sein, floh es vor uns wie ein zauberhaftes Trugbild; wir ritten und ritten und konnten es nicht erreichen; die Luft nach dem Sonnenuntergang auf der Ebene war beängstigend, und es bemächtigte sich unser wirklich ein unheimliches Gefühl. Als gerade der Uebergang zur Nacht eingetreten war, nahten wir uns endlich unserem Ziele. Schauerlich, ja entsetzlich erschienen die Ruinen und tiefen Schlünde unterirdischer Gewölbe auf dem fahlen, wüsten, gelben Boden; wir ritten in einem Meer von Steinen; aus den schwarzen Tiefen schien ein giftiger Hauch hervorzuquellen; einzelne Gestalten krochen wie böse Schatten von Trümmer zu Trümmer; es war ein Bild der Zerstörung und des Fluches – wir glaubten durch eine Stadt des Todes zu gehen; endlich kamen wir in einen etwas gesitteteren Stadttheil, wo wieder Leben zu herrschen schien. Wir hielten auf einem kleinen Plätzchen vor einem hellerleuchteten, recht gut aussehenden Hause, das uns wie ein Stern aus trüber Nacht entgegen leuchtete. Es gehörte der Familie N., bei welcher uns unser Wirth ohne unser Wissen angekündigt hatte. Wir wußten uns anfangs nicht recht in unsere Lage zu finden, bis wir zu unserem Entzücken deutsche Laute hörten. Im selben Augenblick kam durch die dunkle Nacht eine große Gestalt auf uns zu und lud uns in deutscher Sprache ein abzusitzen und bei der Familie N. die Nacht zuzubringen. Wir folgten dieser Stimme in der Wüste, die uns in diesem Augenblicke wirklich wie die eines Propheten erschien, und traten unter die Thür des Hauses; hier waren Männer und Frauen in Nationaltracht, offenbar von unserer Ankunft benachrichtigt, versammelt. Der Deutsche war ein seit mehreren Jahren hier wohnender Arzt, Namens H. Er führte uns in einen reinlichen, hübsch eingerichteten Saal im ersten Stock, und stellte uns hier der Tochter des Hauses vor. Eulalia, so hieß die Holde, erschien in einem prachtvollen Kostüme, das ihre blendende Schönheit noch hob – und Helena selbst möchte, wenn sie hätte wiedererscheinen können, die Schönheit der griechischen Frauen nicht würdiger vertreten haben. Sie war eine Glanz-Erscheinung in der ersten Jugendblüthe, ihre schlanke, hohe Gestalt im vollsten Ebenmaße zeigte das herrliche Bild südlicher Vollendung. Die Züge waren die einer antiken Kamee; auf der elfenbeinartigen Haut des Gesichts zeichneten sich mit stolzer Schärfe die dunklen Brauen über den großen, langgeschnittenen Augen, ab. Ihr prachtvolles Haar trug sie in Wellen um die blendenden Schläfe, und auf dem Haupte saß der dunkle Feß mit der langen Quaste, die um ihre Schultern spielte. Leider sprach sie nur griechisch und Dr. H. mußte den Dolmetscher machen. Ihr Vater ist Minister des Innern in Athen, und bald wird auch sie dorthin ziehen, um einen Doctor zu heirathen. In ihrer Begleitung waren noch mehrere Hausgenossen und ein Bruder ihres Vaters, der einige Monate nach unserer Anwesenheit, in einem Parteistreite, von den Bauern umgebracht wurde. Nachdem wir wieder allein waren, setzten wir uns, ziemlich ermüdet von unserem Ritte, um den Theetisch. Archivarius K. war unwohl, und Dr. H., den wir zur Tafel gebeten hatten, lohnte uns die Höflichkeit mit sehr interessanten Erzählungen über die Zustände von Hellas. Diese Erzählungen fielen nicht zum Besten der Einheimischen aus; übrigens übte er nur Wiedervergeltung; denn der Haß der Griechen gegen die Fremden ist so groß, daß sie für dieses Gefühl ein eigenes Wort in ihre Sprache eingebürgert haben; nur vor den Aerzten haben sie einen ängstlichen Respekt, weil sie von ihnen Schutz vor den fürchterlichen Fiebern erwarten, die gerade jetzt in Korinth sehr stark herrschten. Das Baden im Meere und die Luft während der Dämmerung sind gefährlich; bei der Mäßigkeit der Einwohner, und dem sonst guten Klima sind andere Uebel selten. Gefährlicher als das Fieber sind die Räuber; nach den Angaben des Dr. H. treibt der größte Theil der Bevölkerung dieses Handwerk, und es sollen sich ehemalige Genossen dieser Zunft, bis in die Hofatmosphäre erhoben haben. Da alle Männer aus dem Befreiungskriege, Palikaren (Helden) genannt, das Recht haben Waffen zu tragen, so wird ihnen das Rauben außerordentlich leicht gemacht. Oft wird mitten in der Stadt ein Haus gemüthlich belagert; so war unser Nachtquartier in Vostizza einst von einer Bande, während einer ganzen Nacht gefährdet. Reisende thun daher wohl, sich von einer Anzahl von Gensd'armen begleiten zu lassen. Werden solche gefährliche Männer eingefangen, so solle es geschehen, daß sie nach kurzer Haft zu Ehren und Auszeichnung gelangen, da die Protection und Bestechlichkeit noch größer ist, als in den gebildeten Ländern; so kommt es, daß die Höchsten des Landes nicht immer von der ausgesuchtesten Gesellschaft umgeben sind. Auch Parteiungen sollen in einem hohen und traurigen Grade das Land zerwühlen. Der Hauptstreit entspinnt sich zwischen den Familien, die sich im Freiheitskampfe ausgezeichnet haben, und die ein Surrogat für unsere Aristokratie bilden. In jeder Stadt hat eine derselben die Oberhand, während die andern sich bestreben, ihnen diese Macht zu entreißen. In Korinth sind es unsere freundlichen Wirthe, die N., welche die Wahlen leiten und eine Art Herrschaft ausüben. Diese Familie findet ihre Stütze in der Gnade des Königs; der Vater der schönen Eulalia ist, wie schon gesagt, Kriegsminister, ein Bruder desselben Palikare und Flügeladjutant des Königs. Zieht dieser die Hand von ihnen ab, so sind sie, nach der Behauptung des Dr. H., keine Stunde mehr sicher in ihren vier Mauern. Wenn auch die Erzählungen des Doctros nicht ganz von Uebertreibung frei gewesen sein mögen, so waren sie doch immer interessant, zumal da es das erstemal war, daß wir mit Offenheit über das Land und seine Gebräuche reden hörten. Als er die Schrecken des herrschenden Fiebers beschrieb, verschwand unser Archivar plötzlich, und nach vollendetem Abendessen, fanden wir ihn in starker Aufregung; er klagte über heftige Schmerzen im Knie und sah in der That fieberhaft aus; im Innern glaubte er wohl ein Opfer der schrecklichen Epidemie zu sein; er war sehr aufgeregt, wollte aber dennoch den Rath des Arztes nicht hören. Wir zwangen ihm kalte Umschläge auf, und gingen erst zur Ruhe, als er sich etwas erholt hatte. Die Betten waren breit und gemächlich, und die Einrichtung für dieses Land luxuriös; man sah, daß wir sub umbra alarum, im Hause eines Mannes waren, welcher in der Gnade des Monarchen stand. Wir schliefen nach der großen Ermüdung vortrefflich; doch trotz der schwellenden Kissen und dem goldgestickten Leinenzeug, fanden wir am Morgen die Spuren eines blutgierigen Zwergenheeres auf unsern scheckigen Körpern; Pracht und Marter nebeneinander! Schon in aller Frühe erschien der freundliche H. mit unsern Pferden, um uns nach einem kräftigen Frühstück auf das stolze, berühmte Akrokorinth zu führen. Es war fünf Uhr früh, und eine erfrischende Morgenluft ließ uns einen schönen Tag erwarten. Das zunehmende Licht zeigte uns erst recht die Trümmer der einst so blühenden Stadt, aus denen uns, trotz des mildernden Tageslichts, dennoch der Fluch des Himmels entgegengrinste. Wo waren die Paläste, wo die herrlichen Cypressenwälder, wo die zahllosen Denkmale der alten Griechen? Wo wandelten die erhabenen Gestalten der Priesterinnen? Alle Reize, die wir in den Klassikern beschrieben finden, sind verschwunden; des Menschen Geist hat aufgehört zu herrschen, und es sind nur noch die Elemente in ihrer Macht, die uns Bewunderung einflößen. Das Meer, der Himmel und die Berge ziehen unsere Blicke von der zweimal zerstörten Stadt ab, in der nur noch einzelne Ueberreste der Nachwelt die einstige Größe zeigen. Zuerst geleitete uns der Arzt zu den Trümmern des Neptuntempels; sie bestehen nur noch aus vier bis fünf niedrigen Säulen, die im Zerfallen selbst mächtig sind. Zwei derselben sind durch einen horizontalen Steinblock verbunden; einer davon droht ein baldiger Untergang, da aus dem unteren Theile ein großes Stück ausgebrochen ist, das man mit schlechten Steinchen und zerbröckeltem Mörtel ersetzt hat. Stünde der Tempel in England oder Frankreich, so würden ihn die Archäologen mit einem Glaskasten überdecken – denn wo Mangel ist, achtet man den Besitz, und wo, wie hier, die Fülle ist, beachtet man sie kaum. Man kauft hier die niedlichste etruskische Vase um ein Spottgeld, und hebt sie dann zu Hause im Museum als ein Juwel auf; auch ich versäumte die Gelegenheit nicht, einige dieser schön geformten Gefäße an mich zu bringen.
Hinter den Ruinen des Neptuntempels fängt das Erdreich an sich zu heben; wir konnten außerhalb der Stadt, bis zu den Ruinen von Akrokorinth reiten; alles um uns herum war wüst, mit Ausnahme eines mächtigen Feigenbaumes, der einen schönen türkischen Brunnen mit in Stein gehauenen Koransprüchen beschattete; ein mageres Mohrenweib füllte an demselben seine irdenen Krüge. Dr. H. erzählte uns, daß noch einige dieser Kinder des Aequators aus den Zeiten Ibrahim Pascha's hier übrig geblieben sind, während der größte Theil durch die Wuth der fanatischen Hellenen fiel. Ueberhaupt sind in Korinth die gräßlichsten Greuelscenen vollbracht worden; die Muselmänner schlachteten die Wehrlosen mit tyrannischer Hand, und sind später von den siegenden Griechen mit heißem Rachegefühl gemordet worden.
Vom Brunnen aus ward der Weg immer steiler, und bald schwebten wir dem mächtigen Felsen entlang auf schroffer Höhe; die Stadt verloren wir einige Zeit aus den Augen, und von der südlichen Seite der Höhe erblickten wir die außerordentlich starken Festungswerke, die dem steilen Eingange gegenüber stehen. Mauern, Thürmchen und Batterien sind mit kühnem Geiste und praktischem Sinne auf die einzelnen Felsenvorsprünge gepflanzt, ein der venetianischen Macht würdiges Werk. Vor dem ersten schauerlichen Thore stiegen wir von unseren Pferden ab, und mußten das Ende des mühseligen Weges zu Fuß zurück legen. Wir pochten an das große dunkle Thor und ein recht schön uniformirter griechischer Husar öffnete uns von Innen die geheimnißvolle Pforte. Durch einen düsteren Bogen, vor welchem sich die alte Fallbrücke befindet, gelangten wir an ein kleines Häuschen, das jetzt der stolzen Besatzung der mächtigen Festung zur Wohnung dient; sie besteht aus zehn bis zwölf kümmerlich aussehenden Männern, denen nach den Begriffen des Landes der Titel Soldat zukommt. Vor der Kasernenhütte lagen sechs bis sieben venetianische Kanonen ohne Lafetten, als hätten sie sich's, des langen Wartens müde, bequem gemacht. Akrokorinth ist auf der ganz unregelmäßig, sehr großen Oberfläche des Felsens erbaut und umgiebt deren Saum mit einer Mauer, auf der sich von Strecke zu Strecke kleine Thürmchen erheben. Abgebrochene Felsenstücke, große Haufen von Trümmersteinen, nackte Wände kleiner Häuschen, einzelne Kanonen, Menschen- und Thierknochen liegen hier im buntesten Gewirre durcheinander; von irgend einer Ordnung oder von gangbaren Wegen ist keine Rede. In einer der vielen Felsenvertiefungen, in der Nähe des Einganges, befinden sich die meisten Häuserruinen, und in ihrer Mitte eine kleine Kapelle, um welche Feigenbäumchen sprossen. In diesen Hütten suchten die Einwohner von Korinth eine Zufluchtstätte, nachdem die Griechen die Festung das erstemal den Türken abgerungen hatten. Dr. H. machte uns auf zwei, zwischen diesen Trümmern häufig wuchernde Pflanzen aufmerksam: die eine ist die giftige Eselsgurke, deren Früchte bei der geringsten Berührung die Samenkörner mit großer Gewalt herausschleudern, was dem Unvorsichtigen, der das Auge darüber hält, augenblicklich die Sehkraft kosten kann; ich schloß die meinen und stieß mit dem Fuße an die Frucht, worauf ich die Samenkörner an den obern Theil meines Hutes anprallen hörte. Die andere Pflanze umspann das Gestein mit schönem dunkelgrünem Laube; ihre Blüthe war von zauberhafter Weiße und mit einer zahllosen Menge feiner Staubfäden gefüllt; der sanfte liebliche Geruch entsprach der zarten Blume; die Frucht war länglich und gleich einer kleinen grünen Gurke, das Innere derselben war mit rothen Körnern gefüllt. Doch weder Blume noch Frucht geben der Pflanze ihre Bedeutung, sondern die kleinen dunkelgrünen Knöspchen, welche unter dem Namen – der Leser hat es wohl schon errathen – der Kapern auf den europäischen Tafeln ihre Stelle finden.
Wir hatten noch ein gutes Stück längs der Umfangsmauern zu ersteigen, bis wir endlich auf der höchsten Spitze Hellas, wie auf einer Karte ausgebreitet, vor uns liegen sahen. Gegen die tiefliegende Stadt gewendet, sahen wir das dunkle, schmale Band des Isthmus, zwischen zwei von der Sonne beleuchteten Spiegelflächen, die wie zwei, gegen einander gestellte Hyperbeln anzusehen waren. Diese fruchtbare Landenge ist leider unbewohnt und unkultivirt, und nur einzelne Pinienwälder unterbrechen die Fläche des gelben Bodens, der als unbenutzter Schatz daliegt. Es war im Plan, die Landenge mit Deutschen zu bevölkern; doch scheiterte derselbe durch Mangel an Energie der Regierung, dem Fremdenhasse der Griechen gegenüber. Deutscher Fleiß hätte ein ganz schönes Ländchen für die Kultur erobern können, und die vierhundert dazu bestimmten Familien, würden den Nachbarn gezeigt haben, wie reich und wie glücklich man auf einem solchen Boden werden kann.
Die Breite des Isthmus, an sich unbedeutend, schrumpft von hier oben gesehen, noch mehr zusammen. Jenseits des Meeres erhoben sich, unmittelbar am Ufer, himmelhoch die Gebirge von Rumelien und Livadien; die Felsen sind von Bäumen entblößt, der Sonne widerstandslos ausgesetzt, erhalten aber dadurch jene zaubervolle, rosige Gluth, die je nach der Entfernung vom Violett ins Schwarzblau überzugehen scheint. Die Berge können, wie die Menschen, gemein oder würdevoll erscheinen; die Höhen von Hellas erheben sich in edlen Formen, wie seine antiken Heldengestalten; ein Helikon, ein Libetrius, eine Cythero, ragen wie die Manen einer schönen Zeit hervor. In der Richtung von Salamis und Athen hinderten uns Dünste die Gegenstände genau zu unterscheiden; an den gegenüber liegenden Ufern des Meeres sahen wir an unserer Seite des Isthmus, Lutraki, eine kleine Ansiedlung mit einem Dépot des östreichischen Lloyd und einem für die Passagiere des Dampfers bestimmten Wirthshause; jenseits der Landenge liegt Kalamachi, wo die Reisenden wieder von einem Dampfer aufgenommen werden, um nach Athen zu gelangen. Zu unseren Füßen lag Korinth, von dieser Höhe betrachtet, weniger schreckhaft, und trefflicher zu übersehen, wie auf jeder Karte; man sieht von hier mehrere Thürme, mit denen die Türken die Stadt umgeben haben. Der Boden senkt sich von der Stadt sanft zum Meere herab, das ungefähr in einer kleinen halben Stunde zu erreichen sein mag. Vom Felsen von Akrokorinth bis gegen Sigia, erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Ebene, auf der, gegen das Meer zu, große, frische Weingärten liegen, während sich, dem Gebirge von Morea zu, ein Olivenwald wohl eine Stunde weit zieht, dessen Früchte den verschiedenen Eigenthümern jährlich eine Gesammtsumme von 50,000 Thlr. einbringen sollen. Die Bäume dieses Haines sind auf eine ziemliche Entfernung von einander, gesetzt und gleichen an Höhe und Form großen Weiden; ihre Farbe ist ernst, und je nach der Sorgsamkeit der Pflege, farbloser oder dunkler; in Dalmatien, so bei Ragusa, wo man den Oelbaum mit besonderer Umsicht behandelt, hat das Blatt einen dunklen, grünblauen Ton. – Die Ebene vor uns verläuft südwärts in einen schauerlich felsigen Engpaß, durch dessen Mitte die Straße nach Nauplia einem Flusse entlang führt. Der Blick, der uns in das Innere von Morea geöffnet war, fiel auf hohes Gebirg, das aber in ungünstiger Beleuchtung farblos und wild erschien, obwohl seine Umrisse höchst interessant sind. Der Gesammteindruck des Rundbildes war erhaben, wild und einsam; nur selten gewahrte man die Spuren der Menschenhand; besonders sah Morea wie eine stille Urgegend aus, die der Mensch noch nicht geknechtet hat. Da unsere Zeit sehr beschränkt und der Weg nach Nauplia lang war, so mußten wir diesen reichen Punkt bald verlassen, nahmen aber unseren Rückweg zum Eingangsthor auf der entgegengesetzten östlichen Seite, von der man Morea und den andern Theil der Festung bequem übersehen kann; er führte uns an einem, in den Felsen gehauenen Brunnen mit trefflichem Wasser vorbei, an dem Korinth überhaupt reich ist; auch eine kleine Kaserne, in der einst Baiern hausten, stieß uns auf; sonst war Alles nackt und felsig. Einige Soldaten schlichen in schrecklicher Uniformirung herum. Der Grieche in Nationaltracht und der Grieche in fränkischer Uniform sind himmelweit verschieden; so stolz, schlank und graziös er in Fustanella und Feß erscheint, so ärmlich, mager und erbärmlich sieht er in der Uniform aus. Durch dasselbe Thor, durch das wir eingetreten waren, verließen wir die Festung, welche die Griechen den Türken nur durch List zu entreißen vermochten. Schade, daß dieses große Werk der Venetianer nun gänzlich zu Grunde geht. Die Mauern zerfallen, und aus den meisten Kanonen mit dem stolzen Markuslöwen ließ die Regierung Geld prägen. Akrokorinth gegenüber ragt zwischen dem Gebirge von Morea noch eine Felsenspitze mit einem festen Schlosse hervor, das der Familie N. gehört. Wir legten den steilen Theil des Rückweges zu Fuße zurück; erst in der Nähe des türkischen Brunnens bestiegen wir unsere Pferde wieder. Vor dem Hause N. fanden wir den Archivarius und Professor G., die großer Ermüdung wegen in der Stadt zurückgeblieben waren; sie hatten sich die Merkwürdigkeiten derselben besehen, und hatten so viel davon zu erzählen, daß mein Bruder, Dr. F. und ich beschlossen, sie in aller Eile noch zu besichtigen. Dr. H. führte uns eine Stiege hinauf in einen halbkreisförmigen Felsenausschnitt von ein bis zwei Klaftern Tiefe, unter dessen Vorsprung die berüchtigte Grotte der Aphrodite liegt. In der Mitte derselben befindet sich eine schmale, niemals ergründete Oeffnung, aus der eine Quelle des frischesten Wassers hervorsprudelt und in einer Aushöhlung des Felsens etliche Schuh über den Grund herabrieselt. In dieser Quelle badeten die zweideutigen Priesterinnen der Venus, deren Tempel gerade über dem Felsenabhange stand; jeder berühmte Grieche, besonders Feldherr, mußte ein Mädchen als Priesterin in diesen Tempel stiften. In dem Innern der Höhle verbreitet das frische Wasser eine wohlige Kühle, mit der das sanfte Plätschern lieblich harmonirt; den Boden bedeckt der feinste Sand, und aus allen Felsspalten sproßt frisches Grün; von der Höhe, wo einst der Tempel stand, senkt sich zu beiden Seiten der Boden allmählig in Hufeisenform herab, so daß man vom Lande aus im Innern der Höhle nicht gesehen wird und nur die herrliche Aussicht auf das Meer genießt. In der Türkenzeit baute ein Pascha dorthin, wo der Tempel einst stand, einen Palast und ließ eine Steintreppe in den untern Raum führen, den er als Bad benutzte. Nun sind Tempel und Palast verschwunden, vor Gottes Zorn über diese sündige Wirthschaft, und die Gärten, Tempel und Theater sammt den 300,000 Einwohnern des alten Korinth sind zu Staub und Schutt geworden. Das jetzige Korinth ist nicht größer als ein deutsches Dorf.
Als wir zurückkamen, stand die schöne Eulalia unter dem Thorbogen, und bezauberte Alle mit ihren Blicken; wir verabschiedeten uns bei ihr, dankten für die gütige Aufnahme, schwangen uns auf die Pferde und ritten gen Nauplia; nur Professor G. saß nicht auf und glaubte zu Fuße leichter fortzukommen; doch außerhalb der Stadt arbeitete er sich mit Mühe und unter fremder Hülfe auf den Sattel; wir brachten ihn auf, behauptend, er habe die Lust am Gehen nur vorgeschützt, um nicht vor den Augen der Braut von Korinth die Sattelhöhe stürmen zu müssen. Es war wirklich gut, daß wir aus Eulaliens Bereich kamen; denn die Gestalt dieser Zauberin hatte berückend auf uns Alle gewirkt. Diesmal begleitete uns eine größere Anzahl Gensd'armen, weil die Felsschluchten, die wir zu durchziehen hatten, den Räubern willkommene Schlupfwinkel bieten. In Nauplia erfuhren wir später, daß die Nacht vor unserer Durchreise, eine Gesellschaft von achtzehn Personen in einem dieser Engpässe geplündert worden war. Das Rauben ist in Griechenland eine hergebrachte Sache. Es scheint, daß die Moralität der Griechen nicht durch die Ideen von König, Vaterland und Nächstenliebe gehoben wird; der eigne Vortheil ist ihr Leitstern; sogar die Heirathen werden nicht aus Liebe, sondern durchgängig aus Convenienz geschlossen, und der Gedanke, an Andern ein Unrecht zu begehen, verschwindet vor dem Vergnügen, den eigenen Säckel zu füllen.
Bald hatten wir die wüste Ebene von Korinth auf schlechten, steinigen Wegen durchschritten; an dem Flusse angekommen, befanden wir uns in einem schmalen Thale, das wir bis Nauplia nicht mehr verließen. Die Höhen rechts und links vom Wege sind pittoresk, aber kahl und schauerlich; nur selten erfreuten uns Piniengruppen und Oleandergebüsche im Flußbette; wie begreift man, daß hinter diesen Feldern von Felsstücken, diesen unzähligen Erhöhungen und Schluchten, der Räuber das bequemste Spiel hat! Die kleinste Schaar kann aus sicherem Hinterhalt die Reisenden überfallen und wenn's Noth thut, spurlos verschwinden machen. Man kann sich keine Gegend vorstellen, die mehr den Stempel des Schreckens und der wüsten Rauheit an sich trägt. Der Karst allein wäre mit dem Anfang unseres Weges zu vergleichen. Von Zeit zu Zeit fanden wir Piquets der Land-Miliz zu unserem Schutze aufgestellt; wir zählten deren sieben; die guten Leute aber sahen in der ärmlichen Landestracht, mit den langen Flinten bewaffnet, so wenig einladend aus, daß wir das erste Piquet für einen Haufen Räuber hielten. Leider machten wir die Bekanntschaft von erklärten Wegelagerern nicht, obwohl mancher dieser Genossenschaft bei uns vorbeigeschlichen sein mag; aber die Gensd'armen verdarben ihnen die Lust; jeder von uns hätte seine heimliche Freude an einem kleinen unschuldigen, urwüchsigen Abenteuer gehabt. Zur Entschädigung kreisten fünf mächtige Adler über unseren Häuptern, und zwei von ihnen hatten die Gewogenheit, uns so nahe zu kommen, daß man jede Feder unterscheiden konnte; dies waren die würdigen Bewohner dieser Steinwüste. Wir hofften an einem derselben die Gewehre prüfen zu können, die wir auf der ganzen Reise mitgeschleppt hatten; doch ehe wir angelegt hatten, waren die Fürsten der Luft der Schußweite entschwunden. Die Hitze war so unerträglich geworden, daß ich meinen Durst an dem Wasser eines romantisch gelegenen, halb verfallenen Mühlenkanals löschen mußte. So schön die Oleander und Reben waren, die diese Fluth umfächelten, so wenig rein und klar war diese selbst. Endlich öffnete sich das schmale Thal und stieg sanft zum Gebirge aufwärts. Ich ward hier lebhaft an unser heimisches Alpenland erinnert, namentlich an das Naßfeld bei Gastein; doch nur an die Punkte, wo die Baumvegetation und die frischen Wiesen aufhören. Hier war es, wo wir eine große Heerde uns unbekannter Ziegen trafen, die, wie die »King Charles« Hunde, lange schwarze, glänzende Haare mit feuerfarbener Zeichnung hatten. Es wäre der Mühe werth, diese schöne Race bei uns einzuführen. – Gegen Ende des Thales nahmen wir unser Gabelfrühstück im Hause eines Gensd'armerie-Piquets neben einer Kapelle, ein. Diese unglücklichen, von einem Feldwebel kommandirten Menschen werden nur alle sechs Monate abgelöst; in dieser Gegend eine Ewigkeit! Der größte Theil der Mannschaft hatte das Fieber, und auch der Kommandant, ein sehr hübscher, freundlicher, junger Mann mußte schwer an dieser Krankheit leiden. Er empfing uns mit großer Artigkeit, und wollte sich uns auf alle mögliche Weise verständlich machen, was ihm aber doch nicht gelang; seine Freude war jedoch groß, als Archivarius K. eine an die Wand geheftete Verordnung, mit Hülfe des Altgriechischen, laut zu lesen und zu übersetzen versuchte. Sein Zimmer, in dem wir frühstückten, war mit den verschiedenartigsten kleinen Kupferstichen und Holzschnitten behangen, was immerhin beweist, daß der Bewohner Bücher in der Hand gehabt haben muß. Die Kapelle neben dem Hause bestand, wie alle griechischen kleinen Gotteshäuser, aus nackten, höchstens vier bis fünf Schuh hohen Wänden, die durch eine lochartige Thüre unterbrochen werden; an der Seite steht auf einem Steine ein hölzernes, meistens mit Heiligen bemaltes Kästchen, das die Stelle einer Armenkasse vertritt; es muß eine große religiöse Scheu dem sonst so räuberischen Volke innewohnen, da nicht das kleinste Kettchen die Brettertruhe an den Stein befestigt. – Nach einer Rast von ungefähr einer Stunde setzten wir unseren Weg fort; bald hatten wir eine stolz geformte Gebirgskette dicht vor uns. Das Thal hatte sich nun zur Schlucht verengt, und wieder war rechts und links vom Flusse alles mit Felsenstücken übersäet, die aber nicht aller Vegetation entbehrten, wodurch die Landschaft zwar rauh, aber nicht mehr so traurig erschien; die Schlucht wurde immer enger, die Quelle des Wassers, das wir lange verfolgt hatten, schien in der Nähe einer Mühle dem Boden zu entspringen; diese lag da wie eine Oase, ein kleiner Raum voll fetter, bewässerter Erde, von Tausenden grüner Felsspitzen umgeben, von denen sich das herrliche dichte Laub der Granaten, Feigen, Reben und das hohe Rohr sonderbar abhob. Um die Mühle sprudelten eine Unzahl von Wässerchen; Olivenbäume neigten freundlich ihr schattiges Haupt, und Hühner pickten eifrig auf der freigebigen Erde. So schattig und südlich erschien alles dem Ankommenden, daß es ihm ein Ersatz für die Steinöde ringsum war. Wir stärkten uns mit trefflichem Wasser und verließen die freundliche Oase, die mit Ruinen von im Freiheitskampfe zerstörter Häuser umgeben war. Dieser Engpaß bildete den Schauplatz einer fürchterlichen Metzelei; Tausende von Türken fielen hier durch das Racheschwert der Griechen. Unser Weg wendete sich ein wenig, und wir gelangten auf eine schmale Straße, auf welcher wir uns zwischen himmelhohen Gebirgen durchwanden. Die bei der Mühle entspringende Fluth fließt in den Meerbusen von Lepanto, während wir sogleich zu einer von den schönsten Sträuchern umgebenen Quelle kamen, deren zum bedeutenden Bache angeschwelltes Wasser, das wir bei zwanzigmal zu durchwaten hatten, sich in den Golf von Nauplia ergießt; die Wasserscheide ist daher außerordentlich schmal; der Weg blieb noch eine lange Strecke von den langsam absteigenden Gebirgen eingeengt; die Wildheit der Gegend hatte jedoch schon bei den Quellen des Baches geendet, die Felsen verschwanden, und das üppigste Gebüsch umgab das Wasser, das wir scherzweise den Amphibien-Bach nannten, da er von Fröschen und an seinen Ufern lagernden Schildkröten wimmelte; diese wurden besonders häufig, als sich der Paß wieder zum Thale erweiterte und sich rechts und links vom Flusse dürre, mit kleinem Buschwerk bewachsene Felder ausbreiteten. Als ich Demetry fragte, warum das Volk diese Thiere nicht zur Speise verwendete, gab er mir zur Antwort, daß man sie für heilig halte. Die Engländer aber lassen sich durch diesen Glauben nicht abhalten, ihre Schiffe damit zu beladen, und sie nach Alt-England zur Bereitung der leckeren turtle soup zu bringen. Da sie einen Monat ohne Nahrung aushalten, so bekommen sie unterwegs nichts zu fressen. Auch wir nahmen einige mit; die Kleinsten waren größer, als das Innere der Hand, die Größten über einen Schuh im Durchmesser; es war nicht ganz leicht, diese Thiere zu fangen, da sie trotz ihres unbehülflichen Baues ziemlich schnell fortkommen.
Das Thal zog sich noch einige Stunden gleichförmig dahin, bis wir endlich um vier Uhr, ziemlich ermattet, den Ausgang erreichend, eine herrliche Aussicht genossen. Es war ein schöner duftiger Nachmittag; die Sonne glänzte im blauen Aether und warf deutliche Schatten auf die schöne Ebene von Napoli di Romania, das in hellen Farben glänzte. Die das schmale Thal bildenden Bergketten liefen zur linken Seite in malerischen Bogen, bis an den klaren Spiegel des Golfs, und endeten in dem schön geformten Palamides, dessen Fuß an der Meerstadt Nauplia wurzelt. Jede Zacke dieser gekrönten Höhe zeichnete sich auf dem blauen Hintergrunde ab. Rund um denselben schimmerte es von Häusern und mächtigen Bäumen, die im lieblichen Farbenspiel verschwammen; gerade vor uns breitete sich die gesegnete Ebene bis an den Rand des Meeres aus, und erinnerte mich an die lombardischen Gefilde; Bäume, Weingärten und Felder wechselten hier im buntesten Gewirre; zur Rechten schloß der stolze Argos, dessen festes Schloß ebenfalls auf einem Felsen ruht, die Bergreihe; der Ort Argos lehnt sich an dessen Fuß. Jenseits des schönen Golfes zeigen sich in dunklen Umrissen die Gebirgsketten, deren letzte Ausläufer das Kap St. Angelo und das Kap Matapan bilden; zu unsern Füßen, kaum ein paar hundert Schritte entfernt, lag am Fuße des Berges Mycene, die ehemalige Residenz Agamemnons; – jetzt ist sie ein kleiner verfallener Ort auf einem wüsten Abhange. Ein Felsen birgt die Höhle, in welcher der Atriden Sohn begraben sein soll. Leider durften wir das alles nicht näher betrachten, da die Entfernung bis Nauplia zu groß war.
In einem Hause, am Beginne der Ebene, die nun vor uns lag, fanden wir zu unserer angenehmen Ueberraschung den östreichischen Konsul, welcher nach seiner Aussage, seit achtundzwanzig Stunden mit einigen Wagen auf uns gewartet hatte und zu befürchten anfing, daß wir, wie unsere achtzehn Vorgänger, von Räubern angepackt worden seien. Der Mann war italienischer Race; er trug einen blauen Paradefrack, und auf den Haaren ruhte eine Kappe, wie sie die Marine-Offiziere tragen, doch mit einem ungeheuren Lederschirm versehen; seine außerordentliche Beweglichkeit verrieth seine Nationalität, und wurde durch eine merkwürdige Zungenfertigkeit unterstützt; wir erfuhren später, daß er, außer dem Amte eines Konsuls, auch noch das eines Apothekers verwaltete; ich werde ihm für seine Aufmerksamkeit, uns Wagen entgegen zu bringen, ewig dankbar sein; denn wenn wir auch über Stock und Stein ganz jämmerlich und halsbrecherisch tanzen mußten, so war es doch eine Wohlthat, nach dem ermüdenden Ritt auf schlechten Satteln, von Sonnengluth gebraten, fahren zu können. Wir waren bei vortrefflicher Laune und schickten uns lachend in die kleinen Unannehmlichkeiten unserer Lage. Mein Bruder, Fürst J., Baron K. und ich nahmen eines dieser gebrechlichen, wankenden und schwankenden Wägelchen mit Sturm ein. Wir preßten uns möglichst in den engen Raum zusammen, und fort ging's in sausendem Galopp; die alten Gäule streckten und reckten ihre Glieder, und unser Hypolitos erhielt sie mit einer langen Gerte und furchtbarem Geschrei in Bewegung. Denkt man sich unter unserem Pferdelenker einen schlanken, athletisch gebauten Helenen mit dem antiken Götterfunken auf der hohen leuchtenden Stirne, so ist man ganz auf dem Holzwege; er erhob sich kaum einige Schuh über die Erde, ersetzte jedoch, was ihm an Größe fehlte, durch ein ungeheures Feß, das er anders, als seine griechischen Brüder, wie eine phrygische Mütze steif aufgestülpt trug; eine schwarze Kravatte schnürte ihm den Hals zu, aus der, gleichfalls der Landestracht ganz fremde Hemdkragen, wie Scheuleder hervorragten; im Uebrigen war er mit der Fustanella, dem Spencer und den Gamaschen bekleidet. Baron K. suchte ihm auf italienisch, welches die Verbindungssprache im Oriente ist, begreiflich zu machen, daß er nicht so unsinnig über alle Hindernisse dahin jagen solle; er aber hieb immer mehr in seine Renner ein und erschreckte sie durch mißtönendes Geheul; bald entdeckten wir, daß er weder seine Thiere, noch die Richtung, die wir bei dieser steeple chase einhalten sollten, sehen konnte, da sein großer Lederschirm weit über seinen Augenpunkt hinaus ragte; plötzlich erhob er sich, streckte das Kinn mit dem rothen Bart weit vor, faßte seinen Schirm mit beiden Händen und blickte mit Erstaunen auf die rasenden Gäule herab; dann wendete er sich zu uns und fragte uns – in deutscher Sprache, ob es uns gefalle, etwas langsamer zu fahren. Baron K. versicherte ihm, daß dies unser heißester Wunsch sei. Wir erfuhren nun, daß er von baierischen Soldaten etwas deutsch gelernt hatte; seit der Emanzipation vom deutschen Joche! und dem neu angefachten Fremdenhasse schien er seine Studien ziemlich vernachläßigt zu haben. Kurz vor der Stadt, bei dem Anfange einer schönen Allee, hielten wir, um die Ruine der altgriechischen Festung Tyrene zu besehen. Ihr Ursprung verliert sich in die Zeit der Mythen, und die Mauern scheinen Cyklopen-Arbeit; man glaubt sich eher in einem Haufen von vulkanischen Auswürfen, als in einem von Menschenhänden zusammengestellten Baue, und die Vollbringer desselben machen dem Geburtsorte des Herkules alle Ehre; aber der Tag begann schon zu sinken und wir konnten uns auch hier nicht so lange aufhalten, als das Interesse des Ortes es erfordert hätte. Die obenerwähnte Allee giebt dem Eingange von Nauplia ein civilisirtes Ansehen; wir hielten am Thore, um die Stadt zu Fuß zu durchwandern; leider aber dunkelte es schon – dennoch schien uns Räumlichkeit und Bauart der Festung, Patras zu übertreffen, und eher das Gepräge eines italienischen Städtchens zu tragen, was bei Patras nur in der äußeren Lage der Fall ist; dieses ist aber viel herrlicher und von der Natur begünstigter gelegen, als Nauplia. Da die Nacht uns nicht erlaubte in Einzelnheiten einzugehen, so ließen wir uns zum Hafen führen, wo uns eine Barke des uns vorausgeeilten werthen »Vulkan« aufnahm und an Bord brachte.