Alle Teile des Ganzen, das heißt die vom Weltraum umschlossenen Dinge, müssen notwendig zerstört oder mit einem richtigen Ausdruck umgewandelt werden. Wäre nun dies von Natur aus ein Übel für sie, so stünde das Ganze bei dem steten Wechsel der Teile und ihrem vorausbestimmten Untergang unter keiner guten Leitung. Denn sollte die Natur selbst die Einrichtung getroffen haben, ihren eigenen Teilen Schlimmes zuzufügen, ja sie nicht nur ins Unglück zu stürzen, sondern diesen Sturz sogar notwendig machen? Oder sollte es ihr verborgen sein, daß derartiges einträte? Beides ist nicht zu glauben. Wollte nun jemand, von der Allnatur absehend, diese Umwandlung nur aus dem Wesen der Dinge ableiten, so ist es bei alledem lächerlich, einerseits zu behaupten, daß die Teile des Ganzen sich ihrer Anlage nach verwandeln müssen, und andererseits sich über manches Naturereignis zu verwundern oder zu ärgern, zumal die Auflösung in jene Teile erfolgt, aus denen das Ding entstanden ist, sei diese nun eine Zerstäubung der Grundstoffe, woraus es zusammengesetzt war, oder ein Übergang, z.B. der festen Teile in das Erdige, der geistigen in das Luftige, so daß auch diese in den Keimstoff des Weltganzen aufgenommen werden, mag dieses nun nach einem bestimmten Kreislauf der Zeit in Feuer auflodern oder sich in stetem Wechsel wieder erneuen. Bilde dir aber nicht ein, daß jene festen und geistigen Teile von Geburt an dir kleben. Dies alles ist dir vielmehr erst von gestern und vorgestern durch Speisen und eingeatmete Luft zugeflossen. Mithin wird nur das, was deine Natur auf solche Art angenommen, nicht aber das, was von der Mutter Natur dir angeboren ist, umgewandelt. Wolltest du aber auch vorgeben, daß diese jenes mit deiner besonderen Eigentümlichkeit so eng verflochten habe, so halte ich dieses Vorgeben in der Tat für einen nichtigen Einwurf gegen meine Behauptung.
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Hast du die Namen: gut, ehrfürchtig, wahrhaft, verständig, gleichmütig, hochherzig dir beigelegt, so sorge dafür, daß du sie nie verlierst oder immer bald wieder erwirbst. Aber bedenke auch, was sie besagen! Verstand — ein sorgsam erworbenes, gründliches Wissen um Einzelnes? Gleichmut — ein bereitwilliges Aufnehmen des von der Natur uns Zuerkannten; Hochherzigkeit — ein Erhabensein des Geistes über jede leise oder laute Regung im Fleisch, über das, was man Ehre nennt, auch über den Tod und alles dieses. Vermagst du nun, dich diesen Namen zu erhalten, ohne doch gerade danach zu streben, daß andere dich bei ihnen nennen, so wirst du ein anderer Mensch sein und ein anderes Leben anfangen. Bleibst du aber noch ferner, wie du bisher warst, fährst fort in einer Lebensweise, die dich befleckt und aufreibt, so bist du ein gewissenloser Mensch, ein Mensch, der eben nichts als leben will, und gleichst jenen Halbmenschen, die man mit wilden Tieren kämpfen läßt, die nämlich, wenn sie mit Wunden bedeckt und mit Blut besudelt sind, inständigst bitten, man möchte sie doch bis auf den folgenden Tag aufheben, um — wieder vorgeworfen zu werden denselben Krallen und denselben Zähnen. Also tauche dein Wesen in jene wenigen Namen. Und wenn du es nur irgend ermöglichen kannst, halte bei ihnen aus, wie einer, der auf den Inseln der Seligen gelandet. Merkst du aber, daß man dich heraustreiben will und daß du nicht obsiegen wirst, so ziehe dich eilig in einen Winkel zurück wo du dich wahren kannst; oder — verlasse das Leben! — Um jener Namen eingedenk zu bleiben, ist es kein schlechtes Hilfsmittel, sich die Götter vorzuhalten, die nicht sowohl begehren, daß man sie schmeichelnd verehre, als daß alle vernunftbegabten Wesen ihnen ähnlich werden, und daß der Mensch tue, was des Menschen ist.
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Hast du hohe und heilige Wahrheiten dir ohne selbständiges Forschen eben nur eingebildet, so werden sie dir auch wieder abhanden kommen, so können Komödienspiel, Anfeindung, Furcht, Schrecken, Knechtschaft sie dir täglich entreißen. Es gilt aber, sich eine solche Anschauungs- und Lebensweise anzueignen, daß man das Vorliegende sofort abzutun jederzeit bereit ist und doch dabei weder die geistige Ausbildung außer acht läßt, noch das Vertrauen verleugnet, womit uns jede tiefere Erkenntnis der Dinge erfüllt, das zwar an sich ein innerliches ist, doch aber nicht verborgen bleiben kann. Denn alsdann wirst du deiner Lauterkeit, deiner Würde froh werden, was jedes Ding seinem Wesen nach ist, welche Stelle es in der Welt einnimmt, wie lang es seiner Natur nach dauern wird, aus welchen Teilen es besteht, wem es zufallen, wer es geben und rauben kann.
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Eine kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine Fliege erjagt hat, jener Mensch, wenn er ein Häschen, dieser, wenn er in seinem Netz eine Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder Bären, und noch ein anderer, wenn er Sarmaten fängt. Sind aber diese, wenn man die Triebfeder untersucht, nicht insgesamt Räuber?
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Erwirb dir die Kenntnis, die Art der Verwandlung aller Dinge ineinander wissenschaftlich zu untersuchen. Merke beständig darauf und übe dies in diesem Fach! Denn nichts fördert so gut die Hochherzigkeit. Wer diese besitzt, hat seinen Leib schon abgestreift und wenn er bedenkt, daß er in nicht gar langer Zeit dieses alles verlassen und aus dem Menschenleben scheiden muß, so übergibt er sich in betreff dessen, was er leistet, ganz allein der Rechtschaffenheit, in betreff seiner Schicksale aber der Natur. Was jedoch andere von ihm sagen oder urteilen oder ihm zuleid tun mögen, das läßt er sich nicht anfechten. Denn mit den zwei Punkten, erstens das gut zu tun, was man zu tun hat, und zweitens in Liebe hinzunehmen, was einem beschieden ist, läßt er alle anderen Aufgaben und Ziele fahren. Er will nichts, als auf dem Pfad des Gesetzes seinen Zweck zu verfolgen und also der Gottheit nachzustreben, die gleichfalls geraden Wegs auf ihr Ziel zugeht.
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