Die dich etwa fragen möchten, wo du denn eigentlich die Götter gesehen, und woraus du entnommen habest, daß sie sind, so daß du sie verehren magst, denen gib zur Antwort: Einmal, sie sind wirklich mit Augen zu sehen. Dann, auch meine Seele habe ich ja noch nie gesehen, und halte sie doch in Ehren. Daraus, daß ich ihre Macht immer gespürt, habe ich entnommen, daß die Götter sind, und darum verehre ich sie.
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Bei jedem Gegenstand zu sehen, was er im ganzen, was er nach seinem Stoff, was nach seiner Kraft sei, von ganzer Seele das Rechte tun und das Wahre reden, darauf beruht das Heil des Lebens. Eine gute Tat der andern so anreihen, daß auch nicht der kleinste Zwischenraum bleibt, was heißt das anders, als das Leben genießen?
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Es gibt nur ein Sonnenlicht, obwohl gebrochen durch Mauern, Berge, tausend anderes. Ein gemeinsamer Stoff, obwohl hindurchgehend durch tausend eigentümliche Bildungen. Ein Leben, obwohl verteilt auf unzählige Wesen, deren jedes seine Besonderheit hat. Eine Vernunft, obwohl auch sie zerteilt erscheint. Alles übrige, die Welt der Dinge, der empfindungslosen, ist ohne Zusammenhang in sich, obgleich auch hier der Geist waltet und alles in seine Wagschale fällt, nur das Menschenherz hat seinen ihm eigentümlichen Zug nach dem, was ihm verwandt ist, und läßt sich diesen Gemeinschaftstrieb nicht nehmen.
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Was wünschest du? Bloß fortzudauern? Nein, vielmehr zu empfinden, dich zu bewegen, zu wachsen, wiederum stille zu stehen, deine Stimme zu gebrauchen, nachzudenken. Was von allem diesem scheint dir noch wünschenswert? Ist aber eines wie das andere geringfügig, so wende dich dem zu, was zuletzt allein noch übrigbleibt: dem Gehorsam gegen die Vernunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung von diesen widerspricht es jedoch, wenn man sich vom Gedanken gedrückt fühlt, durch den Tod der erstgenannten Dinge beraubt zu werden.
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Welch kleines Teilchen der unendlichen und unermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen! So schnell wird es ja von der Ewigkeit verschlungen. Welch kleines Teilchen von der ganzen Wesenheit! Welch kleines Teilchen von der ganzen Weltseele! Wie klein ist das Erdklümpchen, auf dem du umherschleichst! Dies alles bedenke und halte dann nichts für groß als das: zu tun, wie deine Natur dich leitet, und zu leiden, was die Allnatur mit sich bringt.
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