Ich will darum im Folgenden versuchen, etwas über die deutschen Zigeuner mitzuteilen, um das Wahre vom Unwahren zu trennen. Ich werde nur Tatsachen berichten und kann mit bestem Gewissen für die Wahrheit meiner Darstellungen eintreten.
Bemerken möchte ich noch, daß dies selbst ein Zigeuner schreibt, der von Geburt an bis vor kurzer Zeit im Wohnwagen reiste und daher auf das Genaueste über Leben, Sitten und Gebräuche der Zigeuner unterrichtet ist. Ich schreibe aus eigener Anschauung, – nicht vom Hörensagen, unparteiisch, und werde die Zigeuner weder schwärzer noch weißer malen, als sie sind. Ich berichte nur selbst Erlebtes und was ich selbst beobachtet habe und bin daher genötigt, manches Märchen über die Zigeuner zu zerstören. Vieles hätte ich gern etwas ausführlicher behandelt, aber der Raum erlaubt es mir leider nicht. So sind es nur kleinere Bilder aus dem Leben eines Zigeuners und einige Richtigstellungen, was ich in Nachstehendem biete.
Vor noch nicht gar so langer Zeit stellte man sich unter Zigeunern nomadisierende, träge und schmutzige Menschen vor, welche die ganze Welt durchziehen und weder Gesetze, noch Vaterland, Familienbande, Religion besitzen und alle nur erdenklichen, schimpflichen, und lichtscheuen Gewerbe betreiben. Ruhelos wie Ahasverus, von Ort zu Ort wandernd, wurden sie überall verachtet, verfolgt und von jedermann oft in recht unmenschlicher Weise behandelt und für gänzlich vogelfrei angesehen. Als Räuber, Mörder, Diebe, ja sogar als Kinderräuber und sonst noch alles mögliche waren sie verschrien. Ihre Töchter ließen sie von dem entehren, der ihnen am meisten bot. Ihre Dolche und Gifte, ihre Mittel, welche den Tod brachten, verkauften sie gern an jeden Rachedürstenden. Kurz und gut, alles Wunderbare, Unmögliche und Abscheuliche wurde den Zigeunern in die Schuhe geschoben.
Heute ist es in dieser Beziehung etwas besser geworden, und wenn die Zigeuner, hauptsächlich von dem gebildeten Publikum, mit etwas freundlicheren Augen angesehen werden, so ist das hauptsächlich der aufklärenden Literatur zuzuschreiben. Aber trotzdem werden sie noch immer sehr schlecht behandelt, sie werden immer wieder von neuem verfolgt, bedrängt und gehetzt. Fast von jedermann unverstanden, bringt man ihnen wenig Sympathie entgegen.
Ob nun die Zigeuner diese Behandlung verdienen und solche Bösewichte sind, denen man alles Scheußliche zutrauen darf, und ob sie wirklich moralisch so tief unter den anderen Völkerschaften stehen, wie man immer annimmt, mögen die folgenden Blätter zeigen. Man beachte, daß fast nur von den deutschen Zigeunern die Rede ist.
Heutzutage hat der Zigeuner, gegen früher, im Erwerb einen schweren Stand. In Deutschland wird ihm das, wodurch er noch sein bestes Fortkommen hatte und was seinen Befähigungen am besten entsprach, der Wander-Gewerbeschein, in den meisten Fällen versagt. Eine geordnete Arbeit bei dem herrschenden Vorurteil gegen ihn und der Arbeitslosigkeit unserer Tage, wo hunderte geübte, gelernte Menschen arbeitslos sind, für den Zigeuner zu bekommen, ist fast unmöglich, obwohl ja auch die Liebe zum Müßiggang, zur Bummelei, ein wenig mitspielt. Aber die deutschen Zigeuner sind keineswegs ein so müßiges, faules Volk, wie gewöhnlich kurzerhand angenommen wird; man darf sie in dieser Beziehung nicht mit den Zigeunern anderer Länder vergleichen. Man beachte einmal das Leben und Treiben am Halteplatz des Wohnwagens und man wird sofort sehen, daß der deutsche Zigeuner nicht der Faulpelz ist, als den man ihn sich gemeinhin vorstellt.
Dann ist vor allem die Musik seine sozusagen angeborene Lieblingsbeschäftigung und -Geschäft. Ohne Geige kann man sich überhaupt keinen Zigeuner vorstellen. Daß sie in der Musik Vorzügliches leisten und daß sie hervorragende künstlerische geistige Anlagen haben, ist ja bekannt. Da ist z. B. der Zigeuner »Votter«, ein anerkannter Virtuose, (Zigeunername Köhler), welcher Geige, Harfe und Klavier ohne jede Notenkenntnis meisterhaft spielt und einen Landesruf genießt. Er mußte seine Kunst vor hohen und höchsten Herrschaften zeigen. Dann der Zigeuner J. Reinhardt, Zigeunername »Mala«, – »Meineli« Zigeunername seiner Mutter Preziosa, Vater Jakob Reinhardt, – der blind geboren und ein so vorzüglicher Geigenspieler ist, daß er unter den Zigeunern selbst die größte Bewunderung erregt und als einer der besten lebenden Spieler angesehen wird. Man muß z. B. ihn als »Kunstgeiger« oder den »Kanarienvogel« oder ein Fantasiestück spielen gehört und gesehen haben! Die besten Musikkenner bewunderten schon die Technik, das warme, feurige Gefühl, die hinreißende Gewalt der Töne, die der blinde Künstler, begeistert vom eigenen Spiel, seinem Instrument entlockt. So könnte ich noch viele anführen, welche einfach großartiges in der Musik leisten. Natürlich bringen es nicht alle zu einer solchen Meisterschaft. Blas- und Blechinstrumente lieben die Zigeuner nicht, doch gibt es hierin auch einige Ausnahmen und einige Stämme (Familien), machen neben Streichmusik auch noch gute Blechmusik. Gleichguten Ruf besitzen unter anderen die Familien dreier meiner Schwäger, als Streich- und Blechmusiker. Auch sind dieselben nebenbei gesagt, eine der besten »fahrenden« Sängergesellschaften! Ebenso die Familien »Karl-Antoner«, Eckstein, Winter, Pfisterer usw. Und wie sehen die Instrumente oft aus? Kaum verdienen sie noch den Namen Instrumente. Der geübteste Musiker könnte nichts mehr mit ihnen anfangen. Anders der Zigeuner! Mit zwei, drei Saiten auf der Guitarre oder Violine spielt er ebenso gewandt, wie jener mit dem teuersten, feinsten Instrument. Statt eines Bogens genügt ihm auch eintretenden Falles ein Ästchen von irgend einem Baum, eine Weidenrute usw., statt der Haare Nähfaden. In diesem Fall muß der schulgerechteste Musiker zurückstehen, an solchen primitiven Gegenständen scheitert seine Kunst. Man muß es gesehen haben, wenn man den kleinen Kindern eine Geige in die Hand gibt, wie der Zigeuner nur durch Vorsingen oder Vorspielen die schwierigsten Musikstücke lernt, die Melodie wird einfach vorgesungen oder gepfiffen, er probiert es einmal, zweimal, beim drittenmal spielt er das Stück schon mit ganzer Sicherheit.
Solche Gelehrigkeit und Fertigkeit ist geradezu erstaunlich. Man sieht und fühlt deutlich, daß der Zigeuner ein geborener Musiker ist. Durch ihre Musik verdienen sie ein schönes Stück Geld. Gewöhnlich Werktagsabends und dann Sonntags, in Vereinen usw., bei Festlichkeiten, machen sie auf dem Lande Musik und Konzert. Dann auch in den Badeorten, Luftkurorten vor den anwesenden Herrschaften. In jedem Schloß, bei Grafen und Baronen sprechen sie vor, zeigen ihre glänzenden Zeugnisse, worauf sie dann fast immer die Erlaubnis zum musizieren erhalten. Gewöhnlich müssen sie dann Tafelmusik machen, und gut bewirtet und bezahlt werden sie entlassen. Vorher vergißt es aber der Anführer nicht, sich ein neues »Attest« in sein »Zeugnisbuch« eintragen zu lassen, um es gegebenenfalles benützen und vorzeigen zu können. Die Geige ist dem Zigeuner sein alles. Sein Instrument ist ihm so ans Herz gewachsen, daß er lieber hungert und dürstet, geduldig die größten Entbehrungen erträgt, ehe er sich von seiner Geige trennt. Sie ist seine Ernährerin, seine Trösterin. Alt oder jung, die Geige gibt ihm Leben, muß ihm Speise, Trank und – Liebe bringen. In seinen Liedern klagt er ihr sein Leid, die mit ihm treu Freude und Schmerz, Glück und Unglück teilt. Und so singt der kleine, arme Zigeunerknabe, einsam und verlassen gar oft:
»Me hom i tikno, tschorelo Sindenger Tschawo.
Mer Dai muies da mer Dad hi stildo.
Gamlo, baro Dewel! me hom kiake tschorelo
Ta mer Dades ano Stilapen, les hi bokhelo.
Man hi tschi har mer Baschamaskeri.
Me lau la da dschau ani Kertschemi,
Dschin da has i bresla Lowe man.
Naschaua pascha mer Dad ano Stilapen,
Djomles gaua Lowe, job has froh:
»Gana hilo buter kenk bokhelo!«