»Ich bin ein kleines, armes Zigeunerkind.
Meine Mutter ist gestorben und mein Vater ist im Arrest.
Lieber, großer Gott! ich bin so arm
Und mein Vater im Arrest, er hat Hunger.
Ich habe nichts als mein Instrument.
Ich nehme es und gehe in die Wirtschaft,
Bis ein wenig Geld mein war.
Gehe zu meinem Vater in Arrest,
Gib ihm das Geld, er war froh:
»Jetzt hat er keinen Hunger mehr.« –

Einen weiteren Erwerb findet der Zigeuner im Geigenhandel, auf den er sich meisterhaft versteht. Ein anderer Haupterwerbszweig ist die Holzschnitzerei. Fast ein jeder kann schnitzen, der eine mehr, der andere weniger gut. Ein jeder Zigeuner kommt eigentlich mit irgend einer künstlerischen Anlage auf die Welt. Der eine hat ein oft auffallendes Talent und Neigung zum Bildschnitzen, der andere wieder zum Zeichnen usw. So können einige Bekannte von mir tadellos zeichnen, dabei weder lesen noch schreiben. Ein Schwager von mir hatte mehr Talent zum Malen mit Farben, als zum Zeichnen. Er würde darin manchen gelernten »Dekorationsmaler« vom Lande oder der kleineren Städtchen übertreffen, ohne nur die geringste Anleitung je darin empfangen zu haben. Er malte unter anderem sehr nett den Theatervorhang und Kulissen seines einstigen »Reisendem Volkstheater«, mit welchem er auf den Dörfern in Wirtschaftssälen Vorstellung gab. Zum Schluß machte er dann mit seiner Familie Streich- und Blechmusik mit Gesang! Eben einer der vorhin erwähnten guten Streich- und Blechmusiker. Spielten z. B. »Genovefa« usw. Andere lernten es nur durch dies Zeichentalent ohne jede Anleitung oder Unterricht. Z. B. konnte ich, ehe ich 6 Jahr alt war, ehe ich eine Schule auch nur inwendig gesehen hatte, wie ich ja überhaupt kaum 3½ Jahre in eine Schule kam, schon gut lesen und schreiben, eben durch mein Zeichentalent angeregt. Ich zeichnete die gedruckten Buchstaben meines Namens, schnitzte sie auch ins Holz und lernte sie so kennen, lesen und schreiben. Als gute Holzschnitzer verfertigen die Zigeuner mit vielem Fleiß und Talent allerhand, so Tabaks- und Zigarrenpfeifen, Zündholzsteine, Salatbestecke (Messer, Gabeln, Löffeln), Haarschmuck, Spazierstöcke usw. Alles mit schönen Schnitzereien verziert. Bedeutendes leistete hierin ein Vetter von mir, welcher vor nun 7 Jahren gestorben ist. Im württembergischen und badischen Schwarzwald verkaufte er seine Arbeiten und hatte dadurch einen schönen Verdienst. Heute noch kann man in den genannten Gegenden seine sauber, originell und kunstvoll gearbeiteten Erzeugnisse sehen, die die Besitzer selbst um teures Geld nicht hergeben würden. Der beste mir bekannte Holzschnitzer, ein Künstler darin, war der im Jahr 1903 verstorbene G. Winter. Mit den primitivsten Werkzeugen verfertigte er wirklich nur Kunstvolles. Er verkaufte seine Sachen teuer und fand auch immer Abnehmer. Keiner der heute lebenden Zigeuner erlangte bisher wieder solche Fertigkeit im Schnitzen wie dieser. – Ein anderer württembergischer Zigeuner besaß ein besonderes Geschick darin, Kruzifixe, hl. Bildnisse, (Statuen) und Violinen, Guitarren zu verfertigen. Selbst von Kennern wurde seine Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit anerkannt, so lieferte er manche Arbeit in verschiedene Anstalten für kirchliche Kunst. In katholischen Gegenden wurden seine Heiligen-Figuren gerne gekauft und in mancher Kirche und an Straßenkreuze durfte er den Christus machen. Einmal spielte ihm und seiner Kunst der Aberglaube in einer gewissen Gegend des Unterlandes einen bösen Streich. Er durfte da an das große Kreuz, am Eingang einer Wallfahrtskirche, den Heiland schnitzen. Kaum war er an das Kreuz angemacht, bewundert und gelobt von den frommen Besuchern, als ein paar Tage darauf, bei einem Gewitter der Blitz in das Kreuz schlug d. h. nur der Christus wurde vom Kreuz weggerissen und gänzlich zertrümmert. Wie nun die abergläubische Landbevölkerung einmal ist, wurde dieses Naturereignis dem armen Teufel schwer ausgelegt. Es war ein sicheres Zeichen, daß der Herrgott selbst so seine Meinung kundgab, daß er nicht von so einem gottlosen Zigeuner »gemacht« sein wollte. Solche Reden hörte man nach dem Ereignis. Der Pfarrer kam, weil er den Auftrag gegeben hatte, auch nicht ganz glimpflich weg. Der Zigeuner fand keine Abnehmer mehr für seine »Heiligen« und wenn sie auch noch so schön und künstlich geschnitzt waren. Er mußte daher diese Gegend meiden. Selbstverständlich durfte auch nicht er den neuen »Herrgott« machen, der wurde aus einer christlichen Kunstanstalt bezogen. Dieser Zigeuner konnte auch, wie bereits gesagt, tadellos gearbeitete Geigen usw. machen. Dadurch hatte er immer einen Verdienst, meistens lieferte er nur für die Zigeuner selbst seine Instrumente, aber auch in die größten Städte und Musikhandlungen verkaufte er öfters seine täuschend »imitierten« alten Meistergeigen, wo dieselbe dann für schweres Geld, als »echte« Steiner oder Quanari usw. als durch »glücklichen Zufall« in Besitz gelangte, an den Mann gebracht wurden. Dann ein naher Verwandter von mir »Kohler« (Zigeunername; sein rechter Name: Guttenberg, August), der heute fast ganz erblindet ist, besitzt auch den Ruf als äußerst geschickter Bildschnitzer und heute noch macht er, als halbblinder, noch sehr schöne Sachen. Unter anderem kann man Arbeiten von ihm im Museum für Volkskunde (Abteilung Europa) zu Basel, sehen.

Nachdem ist einer der wichtigsten Erwerbszweige der Zigeuner der Pferdehandel. Schweinehändler ist der deutsche Zigeuner niemals und noch nie gewesen. Sie sind tüchtige und gute Pferdekenner, was ihnen niemand abstreiten kann. Sie besitzen und kennen gute, sicher wirkende Heilmittel gegen Pferdekrankheiten. Man mag da noch so sehr schreien über »Quacksalberei«, es ist doch so! Auch verschiedene Kunstgriffe verstehen sie, die zwar nicht dem Käufer, wohl aber ihnen – nutzen. Auf die Beschreibung dieser »Zunftgeheimnisse«, deren es hier und bei anderen Gelegenheiten, eine große Anzahl gibt, muß ich aus leicht begreiflichen Gründen verzichten. Einige der berühmtesten Pferdehändler bei uns sind z. B. der bezw. die Familie (Sippe) »Schnurmichel« Familienname »Christ!« Überhaupt die aus vier Brüdern bestehende Sippe und deren Söhne. Sodann »Gadscho« (Zigeunername; richtiger Name: Lehmann), unser derzeitiger Hauptmann. Beide sind durch ihren Pferdehandel zu einer ganz netten Wohlhabenheit gekommen. Weiter noch: Franz Reinhardt und dann noch die in ganz Preußen bekannte Familie Petermann; besonders bekannt davon »Leidschi« (Zigeunername). Schöne Pferde, möglichst mehrere, schöne, glänzende Geschirre, verziert und beschlagen mit Neusilber, Messing usw. ist dem Zigeuner sein größter Wunsch und sein Stolz und gilt außerdem für Wohlhabenheit. Rührend ist auch die Liebe, die der Zigeuner für diese Tiere hegt. Den letzten Bissen teilt er mit ihnen. Dagegen hat er gegen das Putzen derselben eine merkwürdige Abneigung.

Von anderen, den »geheimnisvollen Berufen«, will ich schweigen, sie sind ja auch so bekannt, also erübrigt sich eine Beschreibung. Auch mit Schirm- und Kesselflicken suchen sie sich durchs Leben zu schlagen. Die ungarischen Zigeuner betreiben auch noch die Goldwäscherei, Schmiedehandwerk und sind z. B. sehr tüchtige Hufschmiede. Letztere Berufe betreiben die deutschen Zigeuner nicht. Diese versuchen sich überhaupt in allem möglichen. Der Feldarbeit, Landwirtschaft bringen sie zwar keine Sympathie entgegen, doch verdingen sie sich oft in letzter Zeit, im Herbst zum Rüben- und Kartoffelgraben und öfters noch versuchen sie sich heutzutage durch Steinklopfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch als Schausteller, Schauspieler, Zirkusbesitzer, Schildersänger, Tierdresseur usw. suchen sie ihr Fortkommen. So der alte Reinhardt mit seinen wirklich gut dressierten Vögeln, Kanarienvögel, Finken, Staren, Lerchen und Spatzen. Diese vollführen alle möglichen Kunststücke, alles in Freiheit und mit voller Flugfähigkeit ausgeführt. Eine geladene Kanone abschießen, (natürlich en miniature) Wagen ziehen, einige als Passagiere, Kutscher, Pferde usw. Auch eine hübsche Pantomime führen sie zusammen auf. Weiter der Zigeuner Pfaus, welcher in Sälen und Schulen eine dressierte Ringelnatter zeigt, über 1 m groß geworden, die er gewöhnlich durch die Knopflöcher an seiner Joppe gezogen, so daß der Kopf, mit dem immer beweglichen Zünglein, gleichsam als riesige Krawattennadel oben am Hals herausschaut. Ein Wunder für die einfältigen, törichten Bauern, die solch ein harmloses Tier als giftig und schädlich ansehen und es töten, wo sie eines erwischen, zu ihrem eigenen Schaden. Dabei hat er noch einen dressierten Raben, Pudel und Katze, alle schwarz wie ein Teufel, pardon wollte sagen Mohr! Alle vier fressen, lecken aus einer Schüssel, schlafen beieinander in schönster Harmonie und kein Zank oder Streit hat diese ihnen gestört. Ein gewiß höchst interessantes Bild für den Natur- und Tierfreund. Auch zeigt er immer einige zahme und originell dressierte Igel.

Der Zigeuner Hock war Akrobat, Messerschlucker, Schlangenmensch und Zauberkünstler. Unter anderem produzierte er sich auch als »kugelsicher«; letzteres wurde sein Verhängnis. Er lud eine Pistole, zeigte die Kugel d. h. lies sie vom Publikum untersuchen auf ihre Echtheit und beim Zurückgeben vertauschte er sie gewandt und unbemerkt mit einer zu diesem Zweck immer kurz vorher präparierten Kugel aus Cichorie. Hierauf forderte er einen der Zuschauer auf und gab ihm die vor aller Augen geladene Pistole in die Hand, ihm auf die entblößte Brust zu schießen. Gab sich niemand dazu her, so tat er es auch selbst. Natürlich verletzte ihn die weiche Cichorienkugel nicht. Gewöhnlich verfing sich dieselbe in den Kleidern oder fiel zu Boden, wo er sie dann schnell und unbemerkt zertrat. Die bereit gehaltene »echte« Kugel aber ließ er entweder gleich nach dem Schuß auf den Boden fallen oder zog sie, je nach dem, auch aus dem Hemd oder der Hose hervor und zeigte sie vor. So gab er wieder einmal Vorstellung und der dazu Aufgeforderte schoß auch gleich auf ganz kurze Entfernung auf den Künstler. Mit einem lauten Aufschrei brach dieser tot zusammen. Er hatte die Kugel nicht verwechselt, wie die in den Trick Eingeweihten zuerst annahmen, sondern hatte, statt einer kurz vorher präparierten Kugel (die man nachher fand und die ganz weich war), eine jedenfalls vergessene schon von längerer Zeit gemachte Cichorienkugel erwischt, welche durch die Länge der Zeit, hart und fest geworden und durch die Brust ins Herz gedrungen war.

Die beiden Brüder Stein, welche sich als Kunstwasserschwinger und Feuerwerker produzieren, wählen zu ihren Produktionen und Vorstellungen immer die höchsten Brücken über Flüsse oder, wo keine Brücken sind, machen sie selbst ein hohes Gerüst aus Leitern, von wo herab sie ihre Kunstsprünge, den Körper mit Raketen eingehüllt, die vor dem Sprung angezündet werden und während dem Abfeuern der Raketen, allerhand schwierige und schöne Wasserkunststücke sehr elegant und gewandt ausführen. Der ältere brach schon zweimal den Fuß bei diesem oft recht gefährlichen »Kunstsprung«! Der jüngere ist außerdem einer der besten Guitarrespieler und Künstler auf diesem Instrument von uns deutschen Zigeunern.

Ein wirklich hervorragender Künstler auf der Guitarre, von keinem anderen Zigeuner vor- und nachher übertroffen, war der Zigeuner Blach (Zigeunername: »Gokkel«.) Er spielte darauf ganze Opernauszüge. So z. B. Auszüge aus »Troubadour« – »Martha« – »Undine« usw. Einfach eine Berühmtheit auf diesem Instrument.

Ich selbst war schon alles mögliche: Schausteller, Rekommandeur, Dresseur, Schauspieler, Pferdehändler, Zauberkünstler, Impresario von der »Anitzka« die bärtige Dame, Zirkus- vielmehr »Kunstarena«- und Singspiel- und Konzert-Direktor, Kunstschwimmer und Athlet und Ringkämpfer, heute vom Schicksal unerbittlich verfolgt nur noch – Hausierer.

Der Zigeuner Winter (Zigeunername: »Hose«), der mit seinem Bruder und Geschwistern einen kleinen Zirkus hatte, d. h. ein Rondel und sein Geschäft in nettem Zustande hatte, trat als Brustathlet, Kettensprenger, Ringkämpfer, nebenbei noch mit einem dressierten, großen Affen und einem Pferd à la »Hans« auf. Der Affe war sein Untergang. Er war ein gar lieber, treuer Freund zu mir. Ein aufrichtiger, liebenswürdiger und trotz seiner Bärenkraft nur gemütlicher, braver Mensch. Darum das ihm zugestoßene Unglück um so bedauerlicher. Er gab wie immer (im Sigmaringischen) eines Abends Vorstellung. Unter den Zuschauern war ein noch junger Bursche, (ein Schaukelbursche und Sohn von einem Geschäft, welches auch auf dem Platz aufgebaut hatte, neben dem Rondel der Gebr. Hose) dieser störte die Vorstellung fortwährend durch laute Rufe, freche Bemerkungen, man merkte, daß er mit Gewalt die Vorstellung stören wollte. Da er auf keine Zurechtweisung hörte, wurde er schließlich von meinem Freund, dem älteren Hose, kurzer Hand an die Luft spediert und man glaubte, der Fall wäre erledigt. Dem war aber nicht so. Nämlich der erwähnte Affe war unter anderem auch dazu dressiert, während des Spielens, inwendig vom Rondel (Rundleinwand) stets im Kreise herum zu laufen, auf den Hinterfüßen, aufrechtstehend, um zu verhindern, daß jemand unbefugterweise die Rundleinwand aufhebe und gratis zuschaue. Es war mehr zur Abschreckung der Dorfjugend und um ein Beschädigen, Zerschneiden der Leinwand zu verhindern. Diesem Affen, ein ganz und gar gutmütiges Tier, stach der rohe Kerl von außen durch die Leinwand hindurch, das Messer in den Leib, so daß er schreiend und röchelnd verendete. In gerechtem Zorn sprang nun mein Freund hinaus, um den Übeltäter zu züchtigen oder vielleicht auch nur, ihn festzuhalten. Und da geschah das abscheuliche, der rohe Patron stieß ihm das noch vom Blute des Affen rauchende Messer ins Herz, so daß ich nur noch sah, wie er, wie vom Blitz getroffen, lautlos zu Boden stürzte. Der Bursche verschwand in der Dunkelheit. Die Vorstellung hatte ein jähes Ende gefunden. Wohl entging der Täter der irdischen Gerechtigkeit nicht, aber ein guter, braver Mensch war nicht mehr.

Trotz diesen vielerlei Beschäftigungen kommt der Zigeuner in den seltensten Fällen auf einen grünen Zweig. In seinem leichten Sinn, wenig um das »morgen« besorgt, lebt er nur dem »heute!« Sind alle Mittel zu Ende, so lebt er solange sorgenlos dahin, bis er vom Hunger und Durst gequält, hauptsächlich im Winter, dem gefürchtetsten Gast des Zigeuners mehr als einmal bereit ist, den Unterschied zwischen »Mein« und »Dein« zu verwechseln. Doch auch in solchen mißlichen Lagen, verliert er seinen Humor nicht und nimmt manches auf die leichte Achsel, was ein anderer nicht gerade so leicht finden würde. Schon von Jugend auf wird er an alle Arten Entbehrungen gewöhnt. Sehr oft ist Schmalhans Küchenmeister und statt einem fetten Stück Schweinefleisch und einem guten Schluck Branntwein, muß er sich öfters nur mit Wasser und Brod begnügen. Was andere schon in frühester Jugend nicht mehr entbehren können, lernt er erst oft in sehr gereiften Alter kennen, so z. B. erzählt einer meiner »Kako« (Vetter) oft, wie er der »Bibi« (Tante), seiner Frau, erst kurz vor ihrer Verheiratung die ersten Schuhe kaufte. Als sie die Schuhe beim Kaufmann anprobierte, so fragte sie, als sie den einen Schuh angezogen hatte, ganz verzweifelt: »Kamlo Rom (lieber Mann) einen hätte ich an, jetzt wo gehört der andere hin?«