[25] S. z. B. Patris = Vater, wohl auch g’want = anmutig u. dergl. (von quantum) und Ki(e)bes = Kopf (von caput) sowie nobis = nicht, das jedoch in erster Linie dem Italienischen zuzuweisen sein dürfte (s. das Näh. im W.-B. unter „Dietrich“), ebenso wie Vergondert = Konkurs und bosten = gehen (vermittelt durch unsere Lehnwörter Gant und Post). Auf ältere Lehnwörter aus dem Lateinischen gehen vermutlich noch zurück Kolb = Pfarrer und Sins = Herr (s. das Näh. im W.-B. selbst), während zu durme = schlafen, ruhen, liegen wohl zunächst das Französische (dormir) heranzuziehen sein dürfte. Vgl. auch die Latinisierungen auf -us bei Wörtern deutscher oder fremder Herkunft (wie Bikus = Essen, Rochus = Zorn).
[26] S. für das Französische: Bommerling = Apfel (von pomme), Mamere = Mutter(= „ma mêre“), Scharrisele = Kirschen (von cerises), ferner Feneter = Fenster und Furschet = Gabel (die Wittich in seiner „Einltg.“ beide unter den Zigeunerwörtern aufgeführt hat; s. dort in den Anm. das Näh. dazu). Über durme s. schon die vorige Anm. Das Zeitw. baschen = kaufen (vgl. oben [S. 9]) — vielleicht vom französ. passer — kann auch dem Italienischen (passare) zugeteilt werden. Mehr vom ital. grande als vom französ. grand beeinfußt worden ist ferner wohl grandich = groß usw. In erster Linie italien. Herkunft sind endlich nobis (s. oben [Anm. 25]) und Strade = Weg, Straße. Über Fehte = „Quartier“ s. das W.-B. unter „Hauswirt“. Über Vergondert und bosten vgl. oben [Anm. 25].
[27] Auf das Slawische (Polnische) nämlich: sicher Rawine = Leiter (nur vielleicht auch Bauser = Angst bezw. bausen = fürchten und Stöber = Baum); s. das Näh. im W.-B. unter „Leiter“, „Angst“ und „Apfelbaum“; auf das Nordische (Schwedische usw.): Fehma = Hand (und vielleicht auch [das damit wohl zusammenhängende] Zeitw. febern = schreiben); s. das Näh. im W.-B. unter „Hand“ und „abschreiben“.
[28] Hingewiesen sei bes. auch noch auf die fast ganz mit dem Rotwelsch übereinstimmende Bildung der Standes- und Berufsbezeichnungen, namentlich in der Form von Zusammensetzungen mit gewissen substantisierten Tätigkeitsformen, wie Pflanzer (vgl. Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 12 ff.) — so z. B. Funkpflanzer = Heizer, Schrendepflanzer = Zimmermann — und Schenegler (vgl. Archiv, Bd. 46, S. 304ff.) — so z. B. Bichschenegler = Münzarbeiter, Hitzlingschenegler = Ofensetzer — oder mit selbständigen Hauptwörtern mit der Bedeutung „Mann“ („Herr“, „Kerl“, „Bursche“ u. dergl.) bezw. — für weibl. Personen — „Frau“ („Mädchen“), wie Kaffer (vgl. Archiv, Bd. 48, S. 328 ff.), Gadscho (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 331 ff.), Sins (vgl. Archiv, Bd. 38, S. 270), Benk (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 344 ff.), Freier (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 350 ff.), Fiesel (vgl. Archiv, Bd. 50, S. 157 ff.) oder (für weibl. Pers.) Moss und Model (vgl. Archiv, Bd. 50, S. 344 ff.). Beispiele: Leilekaffer = Nachtwächter, Rädlingskaffer = Fuhrmann; Begergadscho = Leichenbeschauer; Begersins = Arzt, Sturmkittsins = Ratsherr; Rattebenk = Nachtwächter, Stradebenk = Straßenwärter; Fehtefreier = „Quartierbursche“; Verkemersfiesel = Handelsbursche, Sicherfiesel = Koch; Deiselmoss = Hebamme, Begermoss = Leichenfrau; Galmamodel = Kindermädchen usw.
[29] Ausnahmen, wie z. B. die dem Rotwelsch entlehnten, ursprünglich dem niederd. Sprachgebiet angehörenden Vokabeln Buxa(-e) = Hose u. schlummere = liegen (eigtl. „schlafen“, arg.: Schlumerkitt = Herberge) oder wie Strauberts = Haare, das wohl mit dem norddeutsch. Plural-S, wie in „Jungens“, „Mädchens“, versehen sein dürfte, bestätigen nur die Regel.
[30] Merkwürdig ist, daß zuweilen bei demselben Worte der Singular auf -leng, der Plural dagegen auf -ling gebildet worden, so z.B. bei Schmaleng = Katze u. Stupfleng = Igel.
[31] Mehrere ähnliche Beispiele enthält auch das Pleißlen der Killertaler (s. Kluge, Rotw. I, S. 435, 436).
[32] Dagegen ist die Endung -es (wie z. B. in Benges = Bursche u. dgl., dambes [eigtl. Rausch, dam = berauscht], Guf(f)es = Prügel) auch sonst im Rotw. u. den verw. Geheimsprachen bekannt (vgl. Pott, Zigeuner II, S. 33, Nr. 2), aber in den einzelnen Fällen wohl verschieden zu deuten (s. Pott I, S. 103, 104; vgl. auch Behaghel, Deutsche Sprache [5. Aufl. 1911], S. 308). Bei Guf(f)es erblickt Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 905 in -es die abgeschwächte hebr. Plural-Endg. -ôth.
[33] Auch sie ist (wie ebenfalls sonst in den Geheimsprachen) nicht nur an Wörter deutschen Stammes, sondern auch an solche fremder Herkunft angehängt worden (s. z. B. Käfferle, zu Kaffer [aus dem Hebr.]; Doberle = Beil, zu Dober = Axt, Gachnele = Küchlein, d. h. Hühnchen, zu Gachne = Henne, Huhn, u. Gaschele = Kinder, eigtl. „kleine Leute“, zu Gasche od. Gadsche = Leute, plur. von Gadscho = „Kerl“ [alle drei aus dem Zigeun.], Sinsle = Junker, zu Sins = Herr [vermittelt wohl durch e. latein. Lehnwort], Scharrisele = Kirschen [aus dem Französ.]). Im übrigen ist noch zu beachten, daß sie nicht immer bloß eine Verkleinerung gegenüber dem Stammwort bedeutet (wie dies z. B. allerdings der Fall bei Fi[e]sele od. Freierle = Junge, Knabe [zu Fi[e]sel, Freier = Bube, Bursche (Jüngling) bezw. fremder Bursche], Mössle = Jungfrau [zu Moss = Frau], Schmalerle = Kätzchen [zu Schmaler = Katze], Trabertle = Füllen [zu Trabert = Pferd] u. a. m.; vgl. auch noch Doberle = Beil [zu Dober = Axt; s. oben], Füchsle = Goldstück [zu Fuchs = Gold], Späusle = Splitter [zu Spraus = Holz]), sondern zuweilen den ursprünglichen Begriff auch vollständig verändert (s. bes. Schwächerle = Brust, Euter [aber Schwächer = Rausch, Trunkenheit], Krächerle = Nuß [aber Kracher = Wald]; vgl. auch Schurele u. Schure [worüber Näh. im W.-B. unter „abbiegen“] u. Hegesle = Knödel u. Heges = kleines Dorf [bei denen aber wohl kein gleicher Stamm zu Grunde liegen dürfte]). Eine Mittelstufe nehmen ein die Ausdrücke Kittle (zu Kitt = Haus), da es in Wittichs Vokabular sowohl „Gartenhaus“ als auch spezieller „Arrest, Gefängnis“ bedeutet (wie im Rotw. Kittchen), u. Käfferle (zu Kaffer [s. oben]), das zwar „Junggeselle“ und „Greis“, aber auch den „männlichen Samen“ bedeutet [s. zu letzterer Bedeutg., die eine längere Erklärung erfordert, das Näh. in den Anm. zum W.-B. unter „Onanie treiben“). Manchmal findet sich endlich sogar nur die Verkleinerung als selbständiger Begriff, während ein entsprechendes unverkleinertes Stammwort (wenigstens im Jenischen) fehlt, so bei Dächle = (Regen-)Schirm, Räp(p)le = Mark, Scharrisele = Kirschen, Schuberle = Geist, Gespenst, Steinhäufle = Stadt, Stupfle = Dorn.
[34] Dieses Beispiel steht keineswegs etwa vereinzelt da; vgl. u. a. auch noch Krachersäftlingbrandling = Heidelbeerkuchen u. Jerusalemsfreundschenegler = Schäferknecht.