[172] Dieselbe Umschreibung kennt auch die Zigeunersprache; s. Liebich, S. 145 u. 174 (mangamáskero lowo, d. h. eigtl. „Bettelgeld“ = Almosen). — Betr. Dercher- s. das Näh. unter „abbetteln“. Das jenische Bich = Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze, dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherlei Zusammensetzgn. vor, so a) am Anfang stehend: α) für Personen: in Bichsins = Bankier, aber auch Münzmeister, u. Bichschenegler = Münzarbeiter (auch wohl Bichpflanzer, argum.: Bichpflanzerskitt = Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg. nobis dufter Bichpflanzer [d. h. eigtl. „kein guter Geldmacher“] = Falschmünzer); β) für Sachen: Bichkitt = Bankhaus, Bichschure = Geldkasse od. -kasten, Bichrande = Geldsack; b) ans Ende gesetzt: (außer in Dercherbich noch) in Stradebich = Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld), Schenagelsbich = (Arbeits-) Lohn, Duftbicht (eigtl. „Kirchengeld“) = Opfergeld, Kritzlerbich = Papiergeld. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): nur Schwäb. Händlerspr. 481 (Bich, Pich od. Spich = Geld; dazu [in Pfedelb. (214): Bichschein = Zahltag]); die Pfälz. Händlerspr. 438 hat die Form Pech. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die Form Pich od. Picht — neben Bicht — vorwiegt) sowie die (nicht sichere) Etymologie des Wortes s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 33, S. 279, 280 u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter „Pich“]). — Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.

[173] Auch hiermit (wie schon in der „Vorbemerkung“ [S. 18] erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.; s. Liebich, S. 174 (tschutschĭnéngĕri dai, d. h. „die Brustmutter“ = Amme; doch wird dai dabei auch wohl weggelassen [s. S. 166, vgl. auch Finck, S. 93]). Das jenische Wort Schwächerle = Brust (bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daher Horbogen-, Trabert-, Groenikelsschwächerle = Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch = Herz, geht zurück auf das Zeitw. schwächen = trinken (saufen, zechen), aber auch = dursten (in der Wendg. mich schwächert’s). Zu ersterer Bedtg.: geschwächt = betrunken, berauscht, halbgeschwächt = halbtrunken sowie die Zus.: ausschwächen = austrinken (aber schwäch’ [a]uf = trink’ aus), beschwächen = betrinken, ver- u. vorschwächen = ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das (unverkleinerte) Subst. Schwächer nur so viel wie „Rausch, Trunkenheit“ (auch wohl „berauscht, betrunken“) bedeutet (vgl. „Vorbemerkg.“, [S. 13], [Anm. 33]). Weitere Ableitungen (von schwächen) sind dann noch: d. Adj. schwächerich = durstig (Spr.), als Subst. = Durst, u. d. Subst. Schwäche = Tränke, Viehtränke (daher Trabertschwäche = Pferdetränke), Schwächet = Getränk, Schwächerei = Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche. Zusammensetzgn. mit dem Stamm schwäch- (des Zeitworts schwächen) sind endlich: Schwächglansert, -nolle, -schottel = Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber auch (allgemeiner) = Trinkgefäß. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 91 u. 100 (schwächen = trinken, Dobrisch schwächen = Tabak rauchen; es schwächet mich = es dürstet mich); W.-B. des Konst. Hans 255, 256, 258, 259 (schwäche[n] = trinken, z’ Schwächet steken = zu trinken geben, Dow’re schwäche = Tabak rauchen; es schwächert mi = es durstet mich); Schöll 271 (schwächen = trinken, Schwächer = Durst); Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 343, 345 (schwächen = trinken, saufen, aussaufen, verschwächen = versaufen [verdr.: erlaufen], Schwäche od. Schwächer = Rausch, Schwächerei = Trunkenheit); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 68, 76 (schwächen, ausschwächen, Schwäche = Trunk; Schwächem = Durst); Schwäb. Händlerspr. 487 (schwächen, in Pfedelb. [208, 209, 212-14]: ausschwächen, ferner Schwäche = Trank, Schwächem = Durst, Schwächere = Wirtshaus, schwecherisch = durstig, Schwächbruder = Saufbruder, in Lütz. [215] Schwächer = Rausch). Vgl. noch Metzer Jenisch 216, 217 (schwäche = trinken, beschwächt = betrunken). Zur (nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden) Etymologie s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter „Schwächer“); vgl. auch Weber-Günther, S. 169 (unter „Schwäche“). —

Das zweite (in der Zus. Schwächerlemamere enthaltene) Wort, Mamere = Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg. Patres (d. h. Vater) und Mamere = Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein eigenes Wort für „Eltern“ hat [vgl. auch „Vorbemerkung“, [S. 17], [Anm. 44]]) sowie in den folgenden Zus.: a) am Anfang stehend: Mamereglied, das drei Bedeutgn. hat, nämlich α) Oheim (als „Mutterbruder“), β) Tante (als „Mutterschwester“), γ) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zu α u. β betr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter „Oheim“ u. „Tante“), weiter Mameregroenikel = Mutterschwein; b) ans Ende ges.: Grandichemamere = Großmutter, Kittmamere = Hausmutter, Schoflemamere (eigtl. „schlechte Mutter“) = Stiefmutter. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Mamaire = Mutter), Schöll 271 (Mammere); Pfulld. J.-W.-B. 342 (Mamere); Schwäb. Händlerspr. 484 (wie Schöll). Zur Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw. vorkommende) Wort — wie übrigens auch schon Schöll 271 vermutet hat — wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. „mamère“. Eine Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B. auch die Sulzer Zigeunerliste v. 1787 (251) ausdrückl. das rotw. Mammere dem gleichb. zigeun. Mamma (vgl. Finck, S. 71: máma) gegenübergestellt hat.

[174] Auch die Zigeunerspr. hat denselben Ausdruck (momĕlin) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe, Leuchter); s. Liebich, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen s. über Schei(n). Näh. schon oben unter „alltäglich“.

[175] S. unter „absingen“ u. „Adler“.

[176] Auch die Zigeunersprache kennt (wie schon in der „Vorbemerkung“, [S. 17] erwähnt) diese Umschreibung (eigtl. „großer Herr“ für „Amtmann“ u. dergl. (s. Liebich, S. 127 u. 174: bāro rai; vgl. auch Jühling, S. 225 [= „Bezirksamtmann“]), desgl. für die Bedeutgn. „Richter“, „Herrscher“ u. „Oberherr“ (s. d. Vork. im W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. „Fürst“ u. „Landesherr“ bes. Benennungen bestehen. Über grandich Sins = König (fem. grandich Sinse) — wobei grandich als Superlativ zu betrachten — s. d. Näh. noch unter „Bischof“; vgl. auch schon „Vorbemerkung“, [S. 17], [Anm. 42]. Zusammensetzgn. mit Sins (od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl. fem. Sinse od. Sense = Herrin (Dame, Edeldame) u. d. Dimin. Sinsle = Junker]) sind: a) im Anfang: Sinsekitt = Herrenhaus, Herrschaftshaus u. Sinseschrende = Herrenzimmer, während in Sinsemoss = Herrin (Dame, Edeldame) und Sinsemodel = Fräulein doch wohl eher das fem. Sinse steckt; b) am Ende (beliebt bes. als Berufsbezeichngn.): Begersins = Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazu schofler Begersins = Quacksalber, vgl. auch oben [S. 98], [Anm. 157]), Bich-, Kies-, Lobesins = Bankier (Bichsins auch = Münzmeister), Fehtesins = Quartierherr (fem. -sinse = Quartierfrau), Sturmkittsins = Ratsherr, Dupfsins = Wundarzt, Näpflingsins = Zahnarzt. Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254, 259 (Sinz = Herr, Sinst = der regierende Herr); Schöll 272 (Sens = Herr); Pfulld. J.-W.-B. 338, 340, 341 (Sens = Herr, Obersens = Beamter, Senserei = Herrschaft, Kanzlei); Schwäb. Händlerspr. 482 (Sens = Herr, in U. [213] = Amtsrichter [in Pfedelb. (208) dafür: Seetzer] u. Senserei = Amtsgericht). Über weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt sei, daß grandiger Sims für „Amtmann“ od. „Edelmann“ schon bei A. Hempel 1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere) Etymologie s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter („Sens“).

[177] Bu(t)z bedeutet bes. auch noch Büttel, Polizeidiener, Polizist. Eine Verbindung damit ist grandicher Bu(t)z = Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung) grandich Bu(t)z = Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter „Bischof“). Zusammensetzgn. damit sind: a) am Anfang: Bu(t)zekeiluf od. -kib = Polizeihund; b) am Ende: Dofes-, Kittle- oder Lekbu(t)z = Gefangenwärter. Eine Ableitung ist: Bu(t)zerei = Polizei (dazu weiter die Zus. Bu[t]zereikitt = Polizeiamt). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 338 (Butz = „Bettelvogt“); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 63, 73 (Buz = Polizei, verdeckter Buz = Geheimpolizist): Schwäb. Händlerspr. 485 (Butz od. Betz [in Pfedelb. (212): auch Buz] = Polizist; vgl. in Lütz. [215]: Grünlingsbutz = Waldhüter). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 u. Metzer Jenisch 216 (Buts bzw. Butz = Polizist). Zur Etymologie des (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw. (in der Form Putz schon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl. Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa noch Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter „Butz“, Nr. 3, b).

[178] S. auch unter „Weinbeere“ u. „Weintraube“. Zus. mit dem Worte sind (außer Jahre- od. Krachersäftling, das in gleicher Weise für Brombeere, Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl. Staubertsäftling = Mehlbeere (so daß Säftling also bes. auch die „Beere“ bedeutet [vgl. Wittichs Bemerkg. im Text], obwohl es dafür [ohne Zus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich — nicht aufgeführt ist) sowie (am Anf. stehend) Säftlingsore = Weinberg (s. dazu betr. Sore Näh. unter „Brücke“). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 100 (Saftling = Trauben); Pfulld. J.-W.-B. 343 (Säftling = Rebe); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 75 (Säftling = Traube); Schwäb. Händlerspr. 487 (ebenso; vgl. im Pfedelb. [214]: Säftlingjole = Wein). Der Etymologie nach gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr. Saft; vgl. Günther, Rotwelsch, S. 61.

[179] a) Mit Jahre = Wald (Forst, Gehölz, auch bes. Fichtenwald) sind (außer Jahresäftling) noch folgende Zus. gebildet worden: Jahrekrächerle = Haselnuß, Jahrestöber (d. h. „Waldbaum“ = Tanne; Jahreschure (d. h. etwa „Waldding“) = Hirsch u. Jahrestierer (d. h. „Waldhuhn“) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.). Als Verbindg. erscheint Jahre bosten (eigtl. nur „[in den] Wald gehen“ [vgl. oben [S. 40], [Anm. 137]]) für das Zeitw. „jagen“. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254 (Jahre = Wald); Schöll 271 (Jaare); Pfulld. J.-W.-B. 346 (Jahre; vgl. [339, 341]: Jahrhegel = Förster, Jäger); Schwäb. Händlerspr. 488 (Jâre). Über weitere rotw. Belege sowie die Etymologie (vom hebr. jaa’r = „Wald“) s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter „Jahrhegel“) sowie noch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter „Jare“).

b) Mit Kracher (das in denselben Bedeutgn. wie Jahre gebraucht wird) sind im wes. auch die gleichen Zusammensetzgn. gebildet worden, so außer Krachersäftling noch Kracherkrächerle (= Haselnuß), Kracherstöber (= Tanne) u. Kracherschure (= Hirsch); dagegen ist neben Jahrestierer (= Rebhuhn) allerdings nur Krachergachne als Synon. angeführt. Auch Kracher bosten hat den gleichen Sinn wie Jahre bosten. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 340, 346 (Krach = Holz, Wald); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 77 (Kracher = Wald sowie die geogr. Bezeichg. Schwarzkracher = Schwarzwald); Schwäb. Händlerspr. 488 (Kracher = Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zur Etymologie (von unserem gemeinspr. Zeitw. krachen) s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 11 (u. Anm. 1) u. 12; vgl. auch Weber-Günther, S. 181 (unter „Krachet“) u. Fischer Schwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter „Krachert“).