[210] S. abbrennen; vgl. auch anbrennen.

[211] Mit Bommerling sind gebildet die Zus. Bommerlingstöber, -kies, -brandling, -jo(h)le = Apfelbaum, -kern, -kuchen, -wein sowie (ans Ende gesetzt) Scheinlingbommerling = Augapfel. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89 (Bommerlen = Apfel); W.-B. des Konst. Hans 254 (Bommerling); Schöll 271 (Pommerling); Pfulld. J.-W.-B. 337 (ebenso, Bedtg.: = Äpfel; vgl. Pommerlingsteberling = Apfelbaum); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 66 (Bommerling, Nebenbdtg. [71]: Kartoffel); Schwäb. Händlerspr. 479, 484 (Bommerling = Apfel, Obst); dieselbe Form hat auch die Pfälz. Händlerspr. 437 (für Apfel); vgl. noch Metzer Jenisch 216 (Bomeche). Auch sonst im Rotw. seit Anf. des 18. Jahrh. bekannt. Zur Etymologie (vom französ. pomme) s. Pott II, S. 36; A.-L. 585, Günther, Rotwelsch, S. 38; Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1283.

[212] Stöber = Baum (Dimin. Stöberle = Bäumchen) wird auch als Bezeichnung einzelner Baumarten gebraucht, für die keine besonderen jenischen Ausdrücke vorhanden sind (vgl. d. W.-B. unter „Birke“), so für Birke, Buche, Eiche und Fichte. Dagegen sind für andere Bäume (bzw. baumartige Gewächse) besondere Zusammensetzgn. mit Stöber gebildet worden, so (außer Bommerlingstöber) noch: Stielingstöber = Birnbaum, Scharriselestöber = Kirschbaum, Staubertsäftlingstöber = Mehlbeerbaum, Krächer(le)stöber = Nußbaum, Blaulingstöber = Pflaumenbaum, Jahre- oder Kracherstöber = Tanne (vgl. oben [S. 108], [Anm. 179], lit. a u. b), Kupferstöber (eigtl. etwa „Grasbaum“) = Weidenbaum, Jo(h)lestöber = Weinstock, Blauhanzestöber = Zwetschgenbaum. Andere Zus. mit Stöber (am Anfang stehend) sind noch: Stöberspraus = Baumholz oder Stamm (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.), Stöberschmaler = „Baumkatze“, d. h. Eichhörnchen (s. betr. Übereinstimmg. m. d. Zigeunerspr. schon. „Vorbemerkung“, [S. 18] sowie noch unter „Baumkatze“), Stöbersschure oder -sore = Obst. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schöll 271 (Steber = Baum); Pfulld. J.-W.-B. 338 (Stöberling, vgl. [337] Pommerlingsteberling = Apfelbaum); in der schwäb. Händlerspr. (479, 487) ist dagegen nur Stemmerling = Baum, Stock bekannt. Die Etymologie des (auch sonst noch im Rotw. [bes. in d. Form Steber] vorkommenden) Wortes ist unsicher; vielleicht gehört es zu unserem „Stab“ od. damit stammverw. Ausdr. in andern Sprachen (vgl. bei Weigand, W.-B. II, Sp. 940 unter „Stab“: lit. stabarai = „trockene Baumäste“). Miklosich, Beitr. III, S. 19 (unter „Steber“) hat zunächst slaw. Ursprung (vgl. neusl. steber = „Säule“ u. bes. serb. stabar = „Stamm“) vermutet.

[213] Kies, eigentl. a) = Stein (Gestein), bes. auch Kieselstein, dann auch b) = Kern, kommt in beiden Bedeutgn. in zahlreichen Verbindgn. u. Zusammensetzgn. vor, so in der Bdtg. unter a: in den Verbdgn. dofer Kies = Diamant, Edelstein u. grandicher Kies = Felsen (s. dazu schon oben [S. 100], [Anm. 165]) od. Quaderstein sowie in den folgenden Zus.: α) mit K. vorne: Kieslobe = Pflastergeld (eigtl. „Steingeld“) u. Kiesguffer = Steinhauer, Steinmetz; β) mit K. am Ende: Kittlekies = Backstein od. Dachziegel, Funkkies = Feuerstein, Begerkies = Grab-, Leichenstein, Flu(h)tekies (eigtl. „Wasserstein“) = Insel (vgl. schon oben [S. 36], [Anm. 126]); Stradekies = Kilometer-, Meilenstein; ferner in der Bedtg. unter b: (außer Bommerlingkies) noch: Stieling-, Scharrisele-, Kräckerle-, Blauling- u. Blauhanzekies = Birnen-, Kirschen-, Nuß-, Pflaumen- u. Zwetschgenkern. — Eine Ableitg. von Kies = Stein ist das Adj. kiesich = steinig. Zu trennen ist der Etymologie nach: Kies = Geld, worüber das Näh. unter „Bank“. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 344 (Kißel = Stein); Schwäb. Händlerspr. 487 (Kûß od. Kisel [in Lütz. (215): Khis] = Stein; vgl. auch [484]: Kîseler [in Pfedelb. (218): Kieseler], Kî(e)slerspink- od. Kî(e)slerfisl = Maurer). Etymologie: wohl jedenfalls zu unserem gemeinsprachl. „Kies“ bzw. „Kiesel“ (mhd. kis, kisel); vgl. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 9 (unter „Kîseler“), auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 420 (unter „Kis“, Nr. 4, c), 422 (unter „Kisel“, Nr. 3) u. 872 (unter „Kus“).

[214] Brandling (-leng) = Kuchen erscheint noch in d. folgenden Zus. a) am Anfang stehend: Brandlingschei (= eigtl. „Kuchentag“) = Kirchweihe u. Brandlingweisleng (eigtl. „Kuchensonntag“) = Kirchweihsonntag; b) ans Ende gesetzt: (außer Bommerlingbr. noch): Bäzemebrandling = Eierkuchen, Niesichescheibrandling = Fastnachtskuchen, Krachersäftlingbr. = Heidelbeerkuchen, Girall- od. Räslingbr. = Käsekuchen, Scharriselebr. = Kirschkuchen, Süßlingbr. = Lebkuchen, Blauhanzebr. = Zwetschenkuchen, Sorebrandling = Zwiebelkuchen. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 342 (Brandling = Küchlein); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 73 (Form ebenso, Bedtg.: Pfannkuchen); Schwäb. Händlerspr. 483 (Bedtg.: Kuchen, in Pfedelb. [212] = Pfannkuchen). Vielleicht ist auch statt Bundling = Kuchen im Dolm. der Gaunerspr. 35 zu lesen: Brandling. Etymologie: Das Wort, das sonst im Rotwelsch, wenigstens in der Form Brändling (od. Brendling), für „Kaffee“ (s. z. B. auch schon Dolm. der Gaunerspr. 94 [Brendling]) oder „Schnaps“ (vgl. A.-L. 526) u. dergl. m. (s. z. B. schon Körners Zus. zur Rotw.-Gramm. v. 1755 [209: Brandling = „Kofent“]) vorkommt, gehört wohl zu unserem Zeitw. brennen.

[215] Jo(h)le = Wein (Rebensaft) kommt noch vor in der Verbdg. gesicherter Jo(h)le = Glühwein, Punsch, und in den folgenden Zusammensetzgn.: Jo(h)lesore = Weinfaß, Jo(h)leglansert = Weinglas od. -flasche, Jo(h)lekitt, -spraus, -schnall, -stöber = Weinhaus, -rebe, -suppe, -stock. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans (G’finkelterjole = Branntwein [vgl. dazu oben „Einltg.“, [S. 28]]); Pfulld. J.-W.-B. 346 (Jole = Wein); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 77 (ebenso); Schwäb. Händlerspr. 488 (Jole od. Jôli [in Pfedelb. (214): Jole od. Säftlingsjole] = Wein; vgl. 484]: Stielingsjôle [eigtl. „Birnenwein“] = Most); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (Jôle od. gwanter Jôle = Wein) u. Metzer Jenisch 217 (Jole = Wein). Die Form Joli hat schon das Basl. Glossar v. 1733 (202). Die Etymologie ist unsicher; nach Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 103/4 (unter „Jole“, Nr. 1) handelt es sich vielleicht um eine der zahlreichen rotw. Verunstaltungen des hebr. jajin = Wein (s. darüber Näh. bei Weber-Günther, S. 156; vgl. auch A.-L. 550 u. Günther, Rotwelsch, S. 81).

[216] Zu Bog(g)elo (od. Bogalo) = Hunger (Appetit) vgl. noch die Verbdg. grandich Bogelo = Heißhunger u. die Ableitung bogelich, das aber im W.-B. nur durch „gierig“ od. „knickerig“ (nicht durch „hungrig“) wiedergegeben ist. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.) nur: Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [215]: Boggelo = Hunger). Etymologie: aus der Zigeunerspr. (s. „Einleitg.“, [S. 29]); vgl. A.-L. 526 (unter „Bock“ [wo auch bokelo (-kalo) = hungrig, Bokillo = Geiz u. bockelig = geizig od. hungrig als gaunersprachl. angeführt ist]) u. Günther, Rotwelsch, S. 31 vbd. mit Pott II, S. 396 (unter „Bokh“), Liebich, S. 129, 201, 206, 211 (bōk = Hunger, Geiz, Habgier, bōkĕlo [od. -ŏlo] = hungrig, geizig, habgierig), Miklosich, Beitr. I/II, S. 20, 25 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 180/81 (unter „bokh“: bei den deutsch. Zig.: bōk = Hunger), Jühling, S. 220 (Bok = Hunger), Finck, S. 52 (bok = Hunger, Geiz u. bok’elo = hungrig, geizig). Über d. Ursprung aus dem Altind. s. Pott u. Miklosich, a. a. O.

[217] Mit Put(t)lak = Hunger (Appetit, auch Gier) ist gebildet die Verbdg. grandich P. (= gr. Bogelo), also = Heißhunger. Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 340 (Buttlak = Hunger); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 69 (puttlachen = essen). — In der Form Buttlack (nebst d. Adj. buttlakig = hungrig) tritt die Vokabel auch sonst im Rotw. des 19. Jahrh. auf (vgl. z. B. Pfister 1812 [296] u. bei Christensen 1814 [318]; v. Grolman, Aktenmäß. Gesch. 1813 [313] u. W.-B. 12 u. T.-G. 103; Karmayer 24). Etymologie: Der erste Bestandteil des Wortes gehört wohl ohne Zweifel zu butten = essen (worüber das Näh. schon oben [S. 38], [Anm. 130] unter „Abendessen“). Einige Schwierigkeiten macht dagegen die Endung -lak. Vielleicht dürfte sie in Beziehung gesetzt werden zu dem rotw. bezw. geheimspr. Adj. la(c)k = schlecht, böse, schlimm u. dgl. (s. z. B. aus dem verw. Quellenkr.: Dolm. der Gaunerspr. 100 [lack = übel]; Pfullend. J.-W.-B. 337, 338, 344 [lak = abgemattet, bös, schlimm]; Schwäb. Händlerspr. 480, 486 [lack = dumm, schlecht (in Pfedelb. [209] auch bös, vgl. ebds. lacke Schix = Dirne)]; mit flekt. Endung [laker = liederlich,falsch], bei Schöll 272, womit zu vgl. locker = falsch, schlecht bei Pfister bei Christensen 1814 [325], zu welcher Form dann wieder noch lock = klein, schlecht, arm usw. in dem [freilich nicht mehr verwandten] Hennese Flick von Breyell [456] paßt). Danach wäre dann Put(t)lak od. Buttla(c)k zu deuten etwa als Umschreibung für „(mit dem) Essen (steht es) schlecht“ oder als reine Negation „Essen — nicht“. Fraglich bleibt übrigens auch noch die Herkunft des Adj. la(c)k. Während z. B. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 910 ff. das zigeun. láko = „leicht, gering“ (Finck, S. 69) herangezogen hat, ist darin vermutl. eher eine mundartl. Nebenform zu lau = „nicht frisch, matt, abgestanden, ohne Salz, ungewürzt“ u. dgl. (vgl. Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1432; Grimm, D. W.-B. VI, Sp. 34 vbd. m. Sp. 285/86) zu erblicken (nach gefl. Mitteilungen von Dr. A. Landau).

[218] Ruf = Hunger (Appetit) ist m. Wiss. in dem speziell verw. Quellenkr. nicht bekannt, dagegen die Form Roof u. ähnl. (sowie d. Adj. roofig = hungrig) sonst hier u. da im Rotw. usw. anzutreffen (vgl. z. B. Christensen 1814 [318 u. 324]; v. Grolman 57 u. T.-G. 1 B.; Karmayer G.-D. 215; Thiele 297; A.-L. 592 u. Groß 487 [hier Roëw, Roow u. Raiwon]; Rabben 112; Ostwald 123; in der Pfälz. Händlerspr. [438]: Rôch od. Rauch). Zur Etymologie (vom hebr. râ ’âb = „Hunger“ s. A.-L. 592 u. 457 unter „Roëw“).

[219] Schnurrand od. (besser) Schnurrant hat auch noch die (etwas allgemeinere) Bedeutgn. „Gaukler“ od. „Komödiant“ (Schauspieler). S. dazu die Zus. a) mit Sch. voran: Schnurrantekitt = Komödien-, Schauspielhaus, Schnurrantekritzler = Komödienzettel, Programm; b) mit Sch. am Ende: Randeschnurrant = Taschenspieler. In dem verw. Quellenkr. m. Wiss. unbekannt, dagegen hat d. Kundenspr. II (423): Schnurrant = Bettler. Zur Etymologie s. A.-L. IV, Sp. 293: „Nach dem mhd. snarrence ist Schnurrant der umherziehende Bettelmusikant, wahrscheinlich vom schnarrenden Laute seiner Leier so genannt“. Es handelt sich (nach Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1413) bei dem mundartlich, besonders auch in Schwaben, verbreiteten Ausdruck (s. v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 475), der aber auch noch der Schriftsprache unserer klassischen Literatur (z. B. bei Goethe) — für einen „Possenreißer“ — geläufig gewesen, um eine Ableitung von dem latinisierten Zeitwort schnurrare, gleichbed. mit schnurren (od. schnorren), d. h. eigtl. „(mit der Schnurrpfeife [u. dgl.]) als Bettelmusikant umherziehen“, dann „betteln“ überhaupt (vgl. Grimm, a. a. O., Sp. 1420, Nr. 8), wofür es insbes. bekanntl. auch im Rotwelsch usw. verbreitet erscheint (vgl. A.-L. 293 u. 602 sowie [aus dem verw. Quellenkr.]: Dolm. der Gaunerspr. 90 [schorren (sic) = betteln]; W.-B. des Konst. Hans 255 [Schnurrer = Bettelleute]; Schöll 273 [Form ebenso]; Pfulld. J.-W.-B. 336 bis 338 [schnurren = (ab)betteln, ausschnurren = ausbetteln, Schnurrer = Bettler]; Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 68 [schnurren (gehen) = betteln (gehen), auf die Schnurre = auf den Bettel]); Schwäb. Händlerspr. 479 [schnurren]). In Wittichs W.-B. ist es aber nicht angeführt.