[710] Mit Kenem (= Laus, Filzlaus, plur. Keneme = Ungeziefer) sind zusammengesetzt: a) am Anfang: Kenemebenges, -benk od. -fi(e)sel = „Lausbub“; b) am Ende: Muffkenem (d. h. eigtl. „Stinklaus“) = Wanze (vgl. Aas). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Kinum = Läuse); Pfulld. J.-W.-B. 342 (Künum = Laus, plur. hier: Künumer); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 71, 72 (Kinum od. Kinem = Läuse, Kinumrechen = Kamm [vgl. das volkstüml. „Lauseharke“]); Schwäb. Händlerspr. 488 (Kenum, Kînum od. Kîneme [in Pfedelb. (211): Kinnem] = Laus, in Pfedelb. [211] auch Kinnemrechen = Kamm); s. auch noch Pfälz. Händlerspr. 438 (Kînum = Laus). Zur Etymologie aus dem Hebr. (bibl. kinnîm od. kinnâm, eigtl. = „Stechmücken“, jüd. kinnim = „Läuse“) s. Günther, Rotwelsch, S. 67 u. Anm. 67 vbd. mit A.-L. 538 u. 390 u. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 387; vgl. auch Weber-Günther, S. 157 (unter „Kinnem“), woselbst auch noch weitere Belege aus d. Rotw. angeführt sind.

[711] S. Daumen.

[712] Oberman(n) = Hut (Haube, Kappe, Mütze) kommt auch noch in folgenden Zus. vor: a) am Anfang: Oberman(n)pflanzer = Hutmacher (Kappenmacher) od. Kürschner; b) am Ende: Lanengeroberman(n) = Helm od. Soldatenmütze, Grandicher-Sins-Oberman(n) (d. h. eigtl. „Königshut“, zu grandich Sins = König [s. oben unter „Bischof“], weshalb genauer Grandich-Sins-Oberm. zu erwarten wäre) = Krone (s. d. betr. die Übereinstimmg. mit d. Zigeun.) u. Süslingoberman(n) = Zuckerhut (wobei der Ausdr. — wie in Grif[f]lingoberman[n] — im übertrag. Sinne gebraucht ist). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 94 (Obermann = Hut, dann auch Rahm); Pfulld. J.-W.-B. 339-342 (Aberma = Filzhut, Oberma = Hut, auch Milchrahm, Obermäne = Kappe); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 71 (Obermann = steifer Hut, vgl. Strohmann = Strohhut); Schwäb. Händlerspr. 482 (Oberman = Hut; dazu in Pfedelb. [210] noch: Obermannspflanzer = Hutmacher). Über weitere Belege in Rotw. usw. sowie die Erklärung des Ausdrucks s. Groß’ Archiv, Bd. 49, S. 336, Anm. 4; vgl. auch Weber-Günther, S. 191/92 (unter „Öwermännche“).

[713] Reifling = Ring (Fingerring) kommt (in übertrag. Bedeutg.) auch noch vor in der Zus. Flösselreifling (d. h. eigtl. „Wasserring“) = Regenbogen (s. d. betr. Übereinstimmg. m. d. Zigeun.). Das (natürlich zu unserem „Reif[en]“ gehörende) Wort ist auch der schwäb. Händlerspr. (485) bekannt, in sonstigen Geheimspr. dagegen kaum gebräuchlich. Das Pleißlen der Killertaler (436) hat Raifle = Ring.

[714] S. Abend.

[715] Flössling wird (ähnlich wie Flederling = Vogel für bestimmte Vogelarten) auch für einzelne Fischarten verwendet, so z. B. für den Karpfen und (wie wohl auch in der Gaunerspr. [s. A.-L. 541]) für den Hering (s. in letzterer Bdtg. als argum.: Flösslingschottel = „Heringbüchse“), der übrigens auch genauer durch Spronkertsflössling (d. h. „Salzfisch“) oder Begertflössling (d. h. „toter Fisch“) wiedergegeben wird (s. hierzu auch betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr. Näh. unter „Hering“; vgl. auch schon „Vorbemerkg.“, [S. 18], [Anm. 45]). Für andere Fischsorten erscheinen Verbdgn. od. Zus. mit den Synon. Schwimmerling (s. unten Anm. 4) gebräuchlicher. Zusammensetzgn. mit Flössling am Anfang sind noch Flösslingachilerei od. -bikus = Fischessen. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 (Flösling); Schöll 271 (Flößling); Pfulld. J.-W.-B. 339 (Fleßling, vgl. fleßlinge = fischen); Schwäb. Händlerspr. 480 (Flößling [plur.] = Fische). Etymologie: Nach Stumme, S. 24 ist der — im Rotwelsch schon im 15. Jahrb. (s. z. B. Basl. Betrügnisse um 1450 [15]) auftretende — Ausdruck „weniger von der Flosse des Fisches (s. dazu Weigand, W.-B. I, Sp. 559) als von Floß = ‚Wasser‘ (s. dazu Weigand, a. a. O., Sp. 559 unter „Floß“ Nr. 2; vgl. für d. Rotw. z. B. Schintermicherl 1807 [289: Flos = Wasser]) ausgehend zu deuten“. S. auch A.-L. 541 (unter „Floß“). — Vgl. oben flösle(n) usw. unter „austreten (leicht)“.

[716] Flotscher (od. Pflotscher) erscheint weniger gebräuchlich als die Synon. Flössling u. Schwimmerling, auch in Zus., von denen nur Spronkertflotscher = Hering (vgl. [Anm. 715]) u. Flotscherkahlerei = Fischessen zu nennen sind. Außerdem hat aber Flotscher od. Pflotscher[t] auch noch die Bedeutung: Schirm, bes. Regenschirm. (Zus.: Bogeiepflotschert[t] = Fischbeinschirm [vgl. dazu unten [Anm. 719]] u. Pflotscherpflanzer[in] = Schirmflicker[in]). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 (Flotschen = Fisch, Flotschenkitt = Fischkasten; Schwäb. Händlerspr. 480 (Flotscher = Fisch; vgl. auch [488]: pflötsche = [sich] waschen). Zur Etymologie: In der Bedeutg. „Fisch“ dürfte Flotscher doch wohl in letzter Linie mit fließen (im Sinne von „schwimmen“ [s. Weigand, W.-B. I, Sp. 554 unter „fließen“, Nr. 2 u. 559 unter „Flosse“ a. E.]) als Stammwort irgendwie zusammenhängen. Zu der zweiten Bedeutg. (Regenschirm) gibt Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1068 (unter „Pflotsch“) vbd. mit Sp. 1057 (unter „Pflatsch“) u. 1058 (unter „pflatsche[n]“) einigen Aufschluß. Danach bedeutet im Schwäb. pflatsche(n) „mit klatschendem Laut (eigtl. mit dem Laut: „pflatsch“) auf den Boden fallen“, was besonders vom Wasser und Regen gebraucht wird, daher Pflatschregen od. auch bloß Pflatsch (Pflatscher) od. Pflotsch = Regenguß (vgl. „Platzregen“). Das Wort geht (nach Fischer) „etwa parallel mit patschen“ (worüber zu vgl. Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 215), „nur daß es sich weit mehr auf das Wasser bezieht“ (vgl. auch v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 406). Übrigens läßt Fischer (a. a. O.) es noch dahingestellt sein, ob pflotsche[n] (das auch für „im Wasser waten“ vorkommt) nicht „ein Wort für sich“ sein könnte.

[717] Matsche kommt (gleich Flössling) ebenfalls in der spezielleren Bedeutg. „Karpfen“ vor. Zus. damit: Matschebutterei = Fischessen; Ableitungen davon: matschen = fischen u. (davon wieder) Matscher = Fischer. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. 480 (Matsche = Fische, in U. [214] auch d. sing. Mătsch = Fisch); nur vereinzelt auch im Rotw. bekannt (s. z. B. Pfister 1812 [302: Matsche = Fisch]; v. Grolman 46 [ebenso] u. T.-G. 93 [hier: Matscho als sing.]; Karmayer G.-D. 209 [wie v. Grolm.]). Zur Etymologie: (aus der Zigeunerspr. [vgl. „Einleitung“, [S. 30]]) s. Fischer, Schwäb. W.-B. IX, Sp. 1525 (unter „Matsch“) vbd. mit Pott II, S. 437 (unter „Maczo“), Liebich, S. 145 u. 197 (mādscho od. mādschin), Miklosich, Beitr. III, S. 14 (bei d. deutsch. Zigeun.: mādšo od. -šin) u. Denkschriften, Bd. 27, S. 8 (unter „mačo“: bei den deutsch. Zigeun.: māčo [mādscho]), Jühling, S. 224 [Matscho, plur. -e) u. Finck, S. 73 (mātšo). Nach Miklosich (a. a. O.) läßt sich die Vokabel bis ins Altindische (matsja) zurückverfolgen.

[718] Auch Schwimmerling kommt (gleich Flössling u. Matsche) noch spezieller für „Karpfen“ vor. Für andere Fischarten erscheint es in der Verbindg. dofer Schwimmerling (d. h. etwa „schöner Fisch“) = Forelle sowie in der Zus. Fuchsschwimmerling = Goldfisch u. Spronkertschwimmerling = Hering (vgl. die Synon. Spronkertflössling u. -flotscher). An den Anfang gestellt ist dieses Wort in der Zus. Schwimmerlingbikerei = Fischessen u. Schwimmerlingsflederling = Fischreiher (d. h. eigtl. nur „Fischvogel“). In dem verw. Quellenkr. ist die Vokabel (die natürlich zu „schwimmen“ gehört) nicht bekannt, im sonst. Rotw. vereinzelt anzutreffen, während die Kundenspr. ein kürzeres Schwimmling = Hering kennt. S. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 314 u. Anm. 1.

[719] Dieses Wort (mit dem die Zus. Bogeiepflotschert = Fischbeinschirm [s. oben [Anm. 716]] gebildet ist) hat auch die schwäb. Händlerspr. 480 (Bogeie = Fischbein), während es sonst m. Wiss. nirgends bekannt ist. Seiner Etymologie nach stammt es wohl aus der Zigeunersprache her (vgl. „Einleitung“, [S. 29]), in der es allerdings statt mit B mit G anlautet u. zugleich eine allgemeinere Bedeutg. zu haben scheint. S. bes. Jühling, S. 222 (wo Gogcia = „Beiner[?]“ u. als Sing. Gogalo [= Bein] angeführt ist, das auch in anderen Sammlungen vorkommt [s. Liebich, S. 137, 182 u. 215 (gogālo od. kokālo = Bein od. Knochen); Miklosich, Denkschriften, Bd. 26, S. 243 (unter „kokalo“: bei den deutsch. Zigeun.: gogālo); Finck, S. 65 (kókalo = „Knochen, Bein, Knöchel“)] und [nach Mikl., a. a. O ] mit dem neugriech. κόκαλον zusammenhängt).