III. Zum Teil gleichfalls auf die Mundarten beschränkt, zum Teil aber auch allgemein volkstümlich erscheinen gewisse (übrigens nur neben den schriftdeutschen Formen auftretende) Veränderungen (namentlich Kürzungen) verschiedener (kurzer) Wertgattungen) so: 1) des (bestimmten und [häufiger] des unbestimmten) Artikels; s. Nr. 11 (d’ Schmaler = die Katzen); Nr. 18 (in de’ Griffling = in der Hand; auf’em Kiebes = auf dem Kopfe); Nr. 19 (vor’m Jahne = vor einem Jahre); Nr. 25 (s’ Glied = der Sohn; in’s Steinhäufle = in die Stadt); bes. aber (betr. a’ = ein [einer, eine]; vgl. dazu v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 1 u. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 578): Nr. 24 a’ jenisches Model; a’ jenischer Fiesel); Nr. 25 (a’ Schuberle; a’ Schafnas’; a’ Finkelmoss); 2) des adj. Zahlpronomens kein (-ner, -ne) = kei’ (vgl. dazu Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 310); s. Nr. 25 (kei’ Kenem = keine Laus); 3) des besitzanzeigenden Fürworts mein (-ner, -ne) = mei’; s. z. B. Nr. 11 (mei’ Keiluf); Nr. 14 (mei’ Patris); Nr. 15 (mei’ Moss); Nr. 35 (mei’ Kluper); 4) der persönlichen Fürwörter in Verbindung mit Zeitwörtern; vgl. z. B. a) du = d’; s. z. B. Nr. 13 (bis d’ umbohlst = bis du umfällst); b) dir = der; s. Nr. 27 (Schmusder nobis = sag’ dir[’s] nicht); c) dich = te in der (z. B. in Nr. 20, 25 [öfter] begegnenden) Imperativform schupfte (für: schupf dich) = hör’ auf (schweig’ still); d) ihm = (e)m; s. Nr. 20 (ich schmusem’s = ich sage es ihm); e) sie (Nom. u. Akkus.) = s(e); s. z. B. 23 (hauretse ...? = ist sie ...?); Nr. 25 (ich ... bukles’ = ich trage sie); Nr. 28 (schniffse = nimm sie); Nr. 32 (gneistse lore ...?); f) es (Nom. u. Akkus.) = ’s; s. Nr. 8, 9, 18 (s’ schefft od. s’ hauret ein Sins = es ist ein Herr; ich spann’s = ich sehe es; er gneist’s = er merkt es); Nr. 19, 25 (s’ hauret = es ist) u. a. m.; g) man = mer (vgl. dazu v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 382 unter „mer“, Nr. 1; Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1433 unter „man“; auch Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1642 unter „mir“, lit. c); s. Nr. 22 (... da bestiebtmer nobis = ... da bekommt man nichts); h) wir = mer oder (etwas seltener) mir (vgl. v. Schmid, a. a. O., S. 382 unter „mer“, Nr. 2 u. S. 533 unter „wir“; Fischer, a. a. O. IV, Sp. 1433 unter „man“ a. E.; Schmeller, a. a. O. I, Sp. 1641 unter „mir“, lit. b); Beispiele: α) für mer: Nr. 11 (bostemer = gehen wir; bestiebemer = bekommen wir); Nr. 19 (ruedlemer ...? = fahren wir ...?; buttemer ...? = essen wir ...?); Nr. 25 (Wo schlaunetmer = Wo schlafen wir?) u. a. m.; β) für mir: Nr. 25 (Dann [Jetzt] pfichet mir in Sauft[linge] = dann (jetzt) gehen wir zu Bett; bostet mir = gehen wir; pflanzet mir Blatt = übernachten wir im Freien; bestiebet mir = bekommen wir); i) ihr = er; s. Nr. 25 (durmeter noch nobis? = schlaft ihr noch nicht?); Nr. 27 (haureter? = seid ihr?); k) euch = ich; s. Nr. 25 (schupfetich = seid still; der Koele mussich bukele = der Teufel muß [soll] euch holen). — Oft werden auch die persönl. Fürwörter ganz weggelassen; s. z. B. Nr. 4 (hauerst begerisch? = bist du krank?); Nr. 6 (was sicherst? = was kochst du?); Nr. 13 (in Nolle hauret = im Krug ist er [näml. d. Most]); Nr. 25 (spannst nobis = siehst du nichts; dann scheffte schiebes = dann gehe ich fort; pflanze = mache ich) u. a. m.
IV. Auch allerlei Abkürzungen durch Weglassung der Endsilben (Buchstaben) oder der Anfangssilben — bei Haupt-, Eigenschafts-, Umstands-, namentlich aber Zeitwörtern — stehen (gleich den Fällen unter III) in Übereinstimmung mit der allgemein oder doch mundartlich üblichen Redeweise des Volkes überhaupt. Beispiele: 1) für Kürzung durch Weglassung der Endsilbe -e (-en): a) bei Substantiven: Nr. 25 (a’ Schafnas’); b) bei Adjektiven: u. a. Nr. 16 (die jenisch Moss); Nr. 19 (mit der dof Beizere); Nr. 25 (in die dof Duft; die dof Latt) usw.; c) bei Adverbien: Nr. 11 und öfter (heut’ [Leile] = heute [Nacht]; d) bei Verben: hier ist dieser Sprachgebrauch für die erste Person Präsentis und den Imperativ so häufig, daß er fast als Regel erscheint, immerhin finden sich in diesen Fällen auch noch die volleren Formen, und zwar zuweilen unmittelbar neben den kürzeren; vgl. z. B. (für die 1. Person Präs.) Nr. 16 (Ich boste und beschrenk’ = ich gehe und schließe zu) und (für den Imperativ) Nr. 28 (Pflanz’, doge mir ein Funkerle = Mach’, gib mir ein Streichholz); 2) für Kürzung durch Weglassung der Anfangssilbe (ge-): bei Zeitwörtern (Partizipien): Nr. 17 (’buttet = gegessen); Nr. 25 (ein’bascht = eingekauft; ’pflanzte Sore = gemachte Ware; ’dalft = gebettelt); Nr. 33 (’dogt = gegeben) usw. Den Übergang dazu vermittelt g’ statt ge-; s. z. B. Nr. 24 (g’schallet = gesungen); Nr. 25 (abg’schunde Gleis, g’sprunkt, g’hauret usw.).
V. Eine spezielle (wohl auch auf mundartlichen Einfluß zurückzuführende) Eigentümlichkeit des Wittichschen Jenisch ist endlich noch der Gebrauch der Endsilbe -et statt des im Schriftdeutsch üblichen -en in mehreren Zeitwortformen, nämlich für den Infinitiv, für die erste und für die dritte Person Pluralis des Präsens, wofür sich übrigens mehrfache Beispiele auch schon im W.-B. des Konstanzer Hans („Schmusereyen“) finden, dessen Ähnlichkeiten mit unserem Jenisch ja auch sonst mehrfach auffallen (vgl. schon „Vorbemerkung“, [S. 3], [Anm. 4], [S. 6] u. in dieser Anm. oben [S. 73] sowie noch weiter unten die [Anm. 2284] zu den „jenischen Schnadahüpfeln“). Beispiele: 1) für den Infinitiv: a) in W.-B. des Konst. Hans: 256 u. 258 (z’ malochet = zu plündern; z’ holchet = zu laufen); 259 (z’ kahlet und z’ schwächet = zu essen und zu trinken); b) in Wittichs Sprachpr.: Nr. 12 (z’ schwächet = zum Trinken [zu trinken]); Nr. 21 (z’ biket und z’ schwächet = zu essen und zu trinken); Nr. 25 (z’ buttet = zu essen; z’ dalfet = zu betteln); 2) für die erste Person Plur. des Präs.: a) im W.-B. des Konstanzer Hans: 256 (Holchet mir ...? = Kommen wir ...?); b) in Wittichs Sprachpr.: Nr. 11 (vielleicht bestiebemer ... und spannet = vielleicht bekommen wir ... und sehen); Nr. 18 (dass wir ... schmuset = daß wir ... sprechen); ebds. (wir pfichet = wir gehen); Nr. 19 (Schwächet und buttemer ...? = Trinken und essen wir ...?); Nr. 20 (Wir zeinet ... und schefften schiebes = wir bezahlen ... und gehen fort); Nr. 25 (wir kemeret = wir kaufen usw.); ebds. ([schon oben unter Nr. III, 3 lit. h als Belege für den Gebrauch von mer und mir = wir angeführt]: Wo schlaunetmer?; Jetzt pfichet mir in Sauft; bostet mir; pflanzet mir Blatt; bestiebet mir); 3) für die dritte Person Plur. des Präs.: a) im W.-B. des Konst. Hans: 256 (... den Kochem, die schiaunet = ... den Dieben, die schlafen; S’e schmuset = sie sagen; Jetzt schwächet s’e = Jetzt trinken sie); 260 (... Grandscharrle schefftet lau und Prinzen schefftet lau schofel = ... Die Hatschier’ sind für nichts, und die Herren sind gar nicht scharf); b) in Wittichs Sprachpr.: Nr. 4 (Buz und Scharle hauret ... dof = Polizeidiener und Schultheiß sind ... gut); Nr. 25 (Durmet die Schrawiner? = Schlafen die Kinder?; herles pfichet Ulme = hier kommen Leute; die Horboge hauret am Kaim = die Kühe gehören dem Juden) u. a. m. — Die sonst noch vorkommenden Abweichungen von der Schriftsprache bedürfen kaum einer besonderen Hervorhebung oder Erläuterung.
[2284] Nach dem Wörterbuch bedeutet ni(e)sich und nillich sowohl dumm als auch verrückt.
[2285] Das hier in Verbindung mit „wo“ (für „woher“) vorkommende Wort schureles habe ich nicht ins jenisch-deutsche Wörterbuch eingestellt, weil es sehr schwierig erscheint, eine passende Verdeutschung dafür (ohne Rücksicht auf den ganzen Satz) zu geben. (Das einfache „her“ würde kaum deutlich genug sein.) In der schwäbischen Händlersprache in Unterdeufstetten (213) ist schurles für „fort!“ gebräuchlich. Dahingestellt lasse ich es auch sein, ob dieses Adverb — etwa gleich dem Zeitw. schurele(n) — noch in Verbindung mit dem — einen Aushilfscharakter an sich tragenden — Hauptw. Schure (Schurele) gebracht werden darf oder etwa anders zu erklären ist.
[2286] Eine wörtliche Übersetzung dieser Redensart erscheint nicht gut möglich. Ins W.-B. ist sie deshalb nicht mit eingetragen worden.
[2287] Wittich hat hierzu in einer Anmerkung bemerkt, daß er von einer Übersetzung dieser „Schnadahüpfel“ abgesehen habe, weil teils ihr Sinn sich leicht mit Hilfe des jenisch-deutschen Wörterbuchs herausbringen lasse, teils dagegen (wie z. B. bei Nr. 3) eine Wiedergabe der jenischen Unflätigkeiten im Deutschen kaum möglich erscheine. Ich kann dem nur beistimmen. Die Gründe, weshalb ich von diesen „Schnadahüpfeln“ — trotz ihres groben Inhalts — nichts gestrichen habe, sind in meiner „Vorbemerkung.“, [S. 3], [4] angegeben worden.
[2288] Die Nummern 1 u. 2 (bezw. 4) der „Schnadahüpfel“ stimmen (wie schon in der „Vorbemerkg.“, [S. 3], [Anm. 4] erwähnt) auffälligerweise dem Inhalte nach fast ganz und auch in der Form zum Teil noch mit „ein paar Strophen aus Jauner-Liedern“ überein, die sich am Schluß des „Wörterbuchs des Konstanzer Hans“ von 1791 (bei Kluge, Rotw. I, S. 260) abgedruckt finden. Da mir nun Wittich auf eine Anfrage hin versicherte, daß ihm das W.-B. des Konstanzer Hans gänzlich unbekannt gewesen sei, so muß man wohl schlechterdings annehmen, daß es sich hier um alte, bis in die Gegenwart hinein erhaltene Überlieferungen aus der Blütezeit des deutschen Gaunertums handelt, die bei den „jenischen Leuten“ nur in der äußeren Form einige Abänderungen erfahren haben. — Von Nr. 1 lautet (nach Kluge, a. a. O.) die ältere Fassung folgendermaßen:
Ey lustig seyn Kanofer (die Diebe, Schorne)
Dann sia thun nichts als Schofle;