Die feste estive werden eröffnet mit einem großen Volksfeste auf dem Mercato, dem an historischen Denkwürdigkeiten reichsten Platze Neapels. Hier wurde Konradin von Schwaben hingerichtet, mit ihm der treue Friedrich von Oesterreich. Hier nahmen alle Aufstände Neapels ihren Anfang. Hier hat auch Masaniello, der kein ganz so eleganter und tenorsingender Herr gewesen sein mag, als der er in der Auber'schen Oper auftritt, dafür aber ein energischer wilder Volksmann, die Menge zum Siege begeistert, um dann auf demselben Platze den Tod zu erleiden. Der Mercato hängt auf seiner Ostseite eng zusammen mit der Piazza del Carmine. Die Kirche, die diesem Platze den Namen giebt, ist von Karl von Anjou, dem Hohenstaufenmörder, errichtet worden. In ihr haben spätere Geschlechter – o Ironie des Schicksals! – den ursprünglich im Mercato verscharrten Leichen Konradins und Friedrichs ein geweihtes Plätzchen gegeben, und darüber erhebt sich eine von Maximilian II. von Bayern gestiftete, von Schöpf nach Thorwaldsen ausgeführte Marmorstatue des unglücklichen Hohenstaufensprossen.

Konradin und Masaniello, die Helden des Mercato, sind auch die Helden des jüngsten Volksfestes. Den Musikpavillon auf dem Mercato überragt eine Gypsimitation des Thorwaldsen-Monuments Konradins, und neben dem Orchester auf dem Carmineplatze thronte ein großer Masaniello aus Majolica, das Beil in der Hand, mit heroischer Geste zum Sturm auffordernd. Zu ihren Füßen drängte sich eine nach Tausenden zählende Menge, die sich an der geschmackvollen, bunten Lämpchen-Illumination des Festraumes, an der elektrischen Beleuchtung, aus der sich der ehrwürdige Glockenthurm der Carmine-Kirche phantastisch heraus hob, an den Klängen der Musik, vor Allem aber am eigenen Thun und Treiben ergötzte. An den Borden der Plätze waren unzählige Bänke und Tische aufgestellt, und an ihnen schmauste man die vielgestaltigen Maccaroni, die nicht immer appetitlich aussehenden frutta di mare (darunter Meerspinnen und Tintenfische), am Feuer geröstete Maiskolben und ähnliche Lieblingsspeisen der Neapolitaner. Das Alles war in Kesseln und Tellern angehäuft, die von Schmutz und Oel trieften. Aber ein bischen Schmutz, ein bischen viel Schmutz sogar, gehört nun einmal zur neapolitanischen Gemüthlichkeit. Man spült ihn mit gutem Wein hinunter, dem feurigen Rothen vom Posilipp und von Salerno. Da für diesen Abend kein officielles Feuerwerk angesagt ist, so wird eines improvisirt. Aller Orten läßt man kleine brennende Papierballons zum Nachthimmel emporsteigen. Der Anblick ist schön, aber das Spiel ist nicht ungefährlich. Der Wind treibt einen der Ballons in ein offenes Fenster und verursacht einen kleinen Gardinenbrand. Abgesehen von solchem, hier nicht ausrottbarem Unfug und von dem unerhörten, betäubenden Lärm, den die vergnügte Menge veranstaltet, betragen sich die Massen musterhaft. Betrunkene sieht man hier ebenso wenig wie sonst in Italien. Der Wein, so gut und so billig er ist, wird überall in bescheidenen Quantitäten genossen. Um so fleißiger ist die Zunft der Taschendiebe an der Arbeit.

Noch größeren Zulaufs erfreute sich das um wenige Tage später stattfindende Feuerwerk auf der Piazza del Plebiscito. Dieser riesige Raum ist der gegebene, vornehme Festplatz für Neapel. Seine imponirende Fläche wird begrenzt von dem gewaltigen Königspalaste, der Präfectur und der Kirche S. Francesco, die, im Innern dem römischen Pantheon nachgebildet, sich hinter einem malerischen Colonnadenvorbau erhebt. Die nach dem Platze führende Hauptstraße Neapels, der enge Toledo, war prächtig illuminirt. Mit farbigen Lämpchen besetzte Bögen überspannten in phantastischen Formen den Fahrweg. Selbst die Laternen haben ihr nüchternes Aussehen verloren. Man hat sie mit bunten Transparenten umzogen, in denen der Teufel und seine Großmutter eine große Rolle spielen. Durch den Toledo wogt die unentwirrbare Volksmenge, Droschken und Equipagen mitten im Knäuel, nach dem Platze, der, besät mit Menschen, einem immensen Theatersaale gleicht. Die Ungeduld zu zügeln, spielt dort ein Riesenorchester, aus sämmtlichen Militärkapellen Neapels zusammengesetzt, rauschende Weisen. Endlich giebt ein Kanonenschuß das Zeichen zum ersehnten Beginn. Auf den Dächern der Kirche und den angrenzenden Colonnaden haben die Pyrotechniker ihr Hauptquartier aufgeschlagen, und von dort her leuchtet es plötzlich auf. Wohl eine Stunde hindurch schießen Raketen zum Himmel empor, prasseln Feuerräder, schwirren allerlei Feuerwerkskörper durch die Luft. Und als zum Schluß auf der Kuppel der Kirche die in allen Farben strahlende Inschrift emporsteigt »Es lebe Neapel, die Sirene des Südens« – da bricht donnernder Applaus los, und oben auf der Brüstung der Kirchenkuppel erscheint, winzig anzuschauen', der Obrist-Feuerwerker und verneigt sich mit bewegter Geste vor seiner dankbaren Zuschauerschaft. Kaum ist das pyrotechnische Schauspiel beendet, als sich ein neuer dumpfer Knall vernehmen läßt. Diesmal ist es der Vesuv, der eine dunkelrothe, mächtige Feuerlohe zum Nachthimmel schickt, als wollte er ironisch sagen: Was plagt ihr euch mit eurer armseligen Feuerwerkerei, ihr Menschen? Ich verstehe die Sache doch besser, als ihr.

Neben diesen grandiosen Lustbarkeiten, an denen die ganze Stadt theilnimmt, feiert man in einzelnen Vierteln eine Art von Localfesten, meist mit Bezug auf den kirchlichen Patron des Bezirks. Die Gassen sind dann auch hier mit Lampionbögen bunt decorirt, die Leute sitzen schmausend und zechend vor ihren Thüren und ergötzen sich an einem aus Privatmitteln beschafften Feuerwerke. Kurz, diese kleinen Vergnügungen sehen den großen recht ähnlich. Originell an ihnen ist nur, daß eine Musikbande von Thür zu Thür zieht, nach eingeholter Erkundigung die Lieblingsstücke des Hausherrn spielt und zur Freude der umhertanzenden Kinder nicht eher vom Platze weicht, bis sie für ihre musischen Thaten entsprechend belohnt worden ist.

Ein sehr umfängliches Fest, das ununterbrochen vier Wochen dauert, bedeutet die Seebadesaison. Der Neapolitaner beginnt mit seinen Seebädern nie vor dem 15. Juli und beschließt sie unweigerlich mit dem 15. August. Einen Grund für diese Beschränkung weiß Niemand anzugeben. Es ist eben eine Sitte, und kein Einheimischer weicht von ihr ab. Dafür wird in diesem knappen Zeitraume mit vieler Lust und allem Raffinement gebadet, und die kurze Stagione ist für den Neapolitaner ein wirkliches Fest, das auch officiell von den vereinigten Besitzern der Bade-Etablissements als solches bezeichnet wird. Die Anstalten, lustige, elegante Holzbauten, erstrecken sich mit kurzen Abständen vom Quai S. Lucia angefangen bis nach den Ausläufern des Posilipps, den vornehmsten Theil Neapels in Länge einer halben Meile flankirend. Am bequemsten zu erreichen sind die Stabilimenti längs der Villa Nazionale, der öffentlichen Promenade Neapels. Sie haben nur einen sehr großen Fehler für diejenigen, welche beim Baden die – Sauberkeit lieben. Unterhalb der Villa Nazionale münden nämlich die Kloaken der Stadt und entladen dort ihren unappetitlichen Inhalt, das Meer auf Meter hinaus verschlammend und verseuchend. Man sollte meinen, daß kein vernünftiger Mensch eine Badeanstalt aufsuchen wird, die in solch' zweifelhafter Fluth errichtet ist. Der Neapolitaner aber wird, wie schon oben bemerkt, niemals in seinen Vergnügungen durch eine Portion Schmutz gestört, und er tummelt sich in den trüben Wellen mit unvermindertem Behagen. Wenn schon die Neapolitaner, die ihr Bad bezahlen, wenig skrupulös sind, so sind es natürlich erst recht die Unzähligen, die gratis dem Meere einen Besuch abstatten. Es wimmelt tagsüber von Knaben und Jünglingen, welche die Kampen und Vorsprünge zwischen den Anstalten zum Aus- und Ankleiden benutzen und die Schwimmhose als ein höchst entbehrliches Kleidungsstück betrachten. Die Neapolitanischen Gassenjungen sind nicht nur eine auffallend hübsche, sondern auch überaus komische und stets urvergnügte Rasse. Dazu sind sie alle kleine Schwimmkünstler, und so entwickeln sich die drolligsten Scenen im Wasser, die am Lande regelmäßig sehr zahlreiche und sehr dankbare Zuschauer versammeln, unter denen nicht selten die Maler und ihre moderne Concurrenz, die Amateurphotographen, zu finden sind, um einige Genrescenen per Stift oder Apparat zu fixiren.

Natürlich ist dieses ungenirte Treiben behördlich verboten, nicht weil man überhaupt prüde ist – denn die neapolitanische Bevölkerung läßt ihre Kinder auch auf der Straße unbekleidet herumlaufen, ohne daß die Polizei intervenirt – sondern weil es sich in dem vornehmsten Theile der Stadt entwickelt, in dem die großen Hôtels und die Fremdenpensionen sich befinden. Verbote sind aber in Neapel noch weniger dazu da, befolgt zu werden, als anderswo in Italien. Das Municipium hat erst kürzlich wieder eine Bekanntmachung erlassen, in der allen außerhalb der Anstalten Badenden mit Confiscation der Kleider und anderen fürchterlichen Strafen gedroht wurde. Gefruchtet hat sie aber Nichts, wenigstens nicht für die Tagesstunden. Die Polizei hat nämlich auf eigene Faust einen Compromiß mit dem Badebedürfniß und der Toilettenfeindseligkeit der Herren Jungens geschlossen. So lange die Sonne ihre Strahlen auf die lustige Gesellschaft niedersendet, läßt sich kein Polizist an Ort und Stelle blicken. Erst gegen sechs Uhr, kurz vor Beginn des glänzenden Wagencorsos, der sich allabendlich auf der Fahrstraße zwischen dem Meer und der Villa Nazionale abspielt, debouchirt aus den Baumgängen der Villa eine Abtheilung Polizei gegen das Meer, um die Missethäter zu verjagen. Aber auch dieser Angriff geschieht mit einer Gemüthlichkeit, welche einen deutschen Schutzmann höchlichst verblüffen würde. Die scherzhaften Versuche der Polizisten, die am Ufer lagernden Kleiderbündel mitzunehmen, werden mit fröhlichem Lachen oder energischen Wasserspritzern beantwortet. Ein sehr beliebter Witz der lieben Jugend besteht darin, sich in die finsteren Kloaken-Mündungen zurückzuziehen, wohin kein Schutzmann seine Nase – zum Glück für die Nase – stecken kann, und dann, nachdem die heilige Hermandad sich entfernt hat, mit Jubelgeheul wieder zum Vorschein zu kommen. So hat der Corso oben auf der Via Caracciolo oft schon längst begonnen, ehe es den sanften »Hütern des Gesetzes« gelungen ist, alle Badenden aus dem Gesichtskreis der vornehmen Equipagen-Insassen zu vertreiben.

Draußen am Posilipp geht es ruhiger zu und vornehmer. Dort baden neben denjenigen Neapolitanern, die sich in sauberem Wasser zu erfrischen vorziehen, die zahlreichen Angehörigen der Fremdencolonie. Hier ist nicht nur das Meer von durchsichtigster Klarheit, man genießt auch den Blick auf eine Umgebung, deren sich kein zweites Seebad rühmen kann. Zur Rechten hat man das zerfallene Schloß der »Donna Anna« (es war dies eine spanische Vicekönigin, nicht etwa die Comthurstochter aus dem »Don Juan«), hinter sich die imposant ansteigende, reich belebte Fahrstraße und die wilden Felsklüfte des Posilipp. Vor sich erblickt der Schwimmende das weite Meer, aus dem in bläulich-rothen Umrissen Capri emportaucht, zur Linken aber das unvergleichlichste Panorama: die amphitheatralisch hingelagerte gewaltige Stadt mit ihren zahllosen, übereinander gethürmten Häusern, daneben die lichtfarbig schimmernden Ortschaften von Portici, Resina und Torre del Greco, im dritten Plane die Berge der Sorrentinischen Halbinsel und als beherrschenden Mittelpunkt des Ganzen den majestätischen Vesuv.

In diesen Bädern am Posilipp hört man mehr deutsch reden, als italienisch, und nicht nur von Deutschen allein. Die deutsche Sprache ist jetzt modern hier zu Lande, und es gilt als unzweifelhaft chic, sie zu sprechen. Täglich erscheinen in den nachmittäglichen Badestunden die jugendlichen Zöglinge der am Posilipp zahlreich vertretenen, vornehmen Mädchen-Pensionate, selbstverständlich gehütet und geleitet von ihren respectiven Lehrerinnen. Die obligatorische Unterhaltungssprache im Wasser ist deutsch. »Maria«, rief neulich solch eine kleine Wassernixe ihrer Freundin zu, »ich abe serr gut geschwimmt auf das Rücken, und abe geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt.« Leider hatte die begleitende Gouvernante nicht blos große Füße, sondern auch lange Ohren, denn sie antwortete statt der Angeredeten: »Sie machen so grobe Fehler, Signorina Luigia, daß Sie heute Abend keinen Kaffee zum Pranzo haben werden!« Mir that die arme Gemaßregelte herzlich leid trotz ihres geringen Respects vor der deutschen Grammatik, denn erstens hatte die kleine Luigia wunderschöne, nachtschwarze Augen, und dann ist man versöhnlicher Stimmung, wenn man hat »serr gut geschwimmt auf das Rücken und geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt«.