Auf der Piazza giebt es des Abends großes Concert. Bei der Vorliebe, welche die Italiener für Musik im Allgemeinen und Gratismusik im Besonderen haben, ist es selbstverständlich, daß der biedere, alte Marc Aurel vor seiner stolzen, den Platz beherrschenden Säule allabendlich auf ein riesiges Menschengetümmel herabsehen muß. Der Arbeiter wie der Elegant, der Offizier wie der Rekrut promeniren um die Musiktribüne. Auch lichtscheue Elemente giebt es genug im Haufen. Vor Taschendieben wird gewarnt! Natürlich fehlen die ambulanten Verkäufer nicht. Mit kreischender Stimme bieten sie Zeitungen, Hosenträger, Wachshölzer, Spazierstöcke, Eiswasser und Pfirsiche, kurzum Alles an, was sich nur irgend im Umherziehen transportiren läßt. Wer das Römische Volksleben von heute an der Quelle studiren will, der begebe sich zum Abendconcert nach der Piazza Colonna.

Meist concertirt hier die banda municipale, das Musikcorps der Stadt Rom. Die Kapelle ist vor einiger Zeit in Deutschland zu Gaste gewesen und hat freundnachbarliche Erfolge geerntet. Die Truppe bildet auch ein wackeres Ensemble, überragt aber keineswegs den Durchschnitt unserer besseren Militärkapellen. Deutsche Musik spielt die »banda« mit Vorliebe, besonders Wagner. Leider! Denn die »Fantasie« aus »Valkiria«, »Siegfrido«, »Tristano« etc. sind Muster von Potpourris, wie sie nicht sein sollen, ein wahrer italienischer »Salat« von allerlei wahllos zusammengestoppelten Leitmotiven. Dazu schlägt der Dirigent, cavaliere Vessella, einen mehr oder minder richtigen Tact. Aber vom Geiste Wagners ist auch nicht ein Hauch zu spüren. Fremde und Italiener athmen auf, wenn Vessella und seine »banda« sich wieder auf vertrautes Gebiet zu Verdi und Ponchielli begeben.


Seit Gutzkow seinen »Uriel Akosta« geschrieben hat, ist der gute Rabbi Ben Akiba niemals wieder zur Ruhe gekommen. Fast täglich kann man in den Zeitungen eine unerhörte, sensationelle Geschichte lesen, der die Bemerkung angehängt ist, daß Derartiges, trotz des alten Ben Akiba noch nicht dagewesen ist. Ebenso regelmäßig erscheint dann nach wenigen Tagen der unumstößliche Nachweis, daß Ben Akiba doch Recht habe und die betreffende Geschichte nicht ohne Präcedenzfall dastehe. So ungern ich mich den Gegnern des wackeren Rabbis zugeselle, so kann ich doch nicht umhin, nachfolgenden Vorfalles zu gedenken, zumal ich damit auf eine Merkwürdigkeit ersten Ranges aufmerksam mache, die noch in keinem Reisehandbuche verzeichnet steht. Am Sonntag ist in allen staatlichen Galerien und Museen Italiens der Eintritt unentgeltlich. Jüngst profitirte ich von dieser Liberalität der italienischen Regierung, um der schönsten Frau Roms, der capitolinischen Venus, wieder einmal meine Aufwartung zu machen. Als ich von dieser Visite hochbefriedigt zurückkehrte, drückte ich dem Galeriediener, der meinen Stock aufbewahrt hatte, das übliche Trinkgeld in die Hand. Aber welch Unerhörtes begab sich – mit einer stolzen Handbewegung gab mir der Brave die gespendeten Soldi zurück. Ein italienischer Galeriediener, der kein Trinkgeld nimmt, der ist – alle Besucher dieses gesegneten Landes werden es mir bestätigen – wirklich noch nicht dagewesen.


Napoli in festa.

Feste estive. – Der Mercato. – Konradin und Masaniello. – Neapolitanische Feuerwerkerei. – Die Seebade-Saison. – Die Gassenjungen und die Polizei. – Die Cloaken als Schlupfwinkel. – Am Schlosse der »Donna Anna«. – Wie Luigia deutsch spricht.

Neapel im Festgewande … Kein anderes Land ist so reich an Feiertagen, kirchlichen und nationalen, allgemeinen und localen, wie Italien. Trotzdem begnügt sich der aus Lärm und Lustbarkeit gerichtete Sinn des Südländers keineswegs, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Wo sich irgendwo eine größere Pause zwischen Feierdaten einschiebt, ist man alsbald dabei, solch unziemliche Lücke auszufüllen. Für Neapel bringen hauptsächlich Frühjahr und Herbst die traditionellen Vergnügungstage. So würde der Sommer in dieser Hinsicht zur saison morte, wenn eben nicht die Neapolitaner ausgiebig vorsorgten. Da der Kalender keine Feste ansagt, erfindet man welche. Um diese populäre Arbeit gleich gründlich zu thun, constituirt sich ein Comité und eröffnet eine Subscription. Die hier ansässige Fremdencolonie spendet einige nette Summen, und auch die wenigen Italiener, die noch Etwas zu verschenken haben, lassen sich nicht lumpen.

Das Resultat dieser Bemühungen ist zunächst ein sehr schönes buntes Placat, dessen Mitte den feuerspeienden Vesuv zeigt, zu seinen Füßen eine dürftig angezogene berittene Sirene aus dem Meere emportauchend. Das Ganze trägt die Ueberschrift »Feste estive (Sommerfeste) Napoli« und verheißt der Menge Illuminationen und Feuerwerke, Sängerfeste und Volkslieder-Concurrenzen, Militärkapellen-Wettstreit und Bootsturniere, Regatten und Taubenschießen, Trab- und Velociped-Rennen. Omnibusse, Pferdebahnen und Droschken schmücken sich mit bunten Fahnen, und die Zeitungen meinen, daß nun für ganz Italien und Europa Nichts mehr im Wege stände, nach Neapel zu kommen, der schönsten, gastfreundlichsten (?) und saubersten (??) Stadt der Welt. Man darf es den Gazetten nicht übelnehmen, wenn sie den Mund etwas voll nehmen. Die Prahlerei liegt dem Italiener im Blute, und die Journale lassen dabei wenigstens fremden Städten auch Etwas zu Gute kommen.