Ganz anders sein Römischer Berufsgenosse. Ihm läßt die Polizei manche Freiheit, und er benutzt sie redlich. Das Institut der Halteplätze kennt man auch hier, aber der Kutscher, der keine Lust zur Geselligkeit hat, stellt sich einfach hin, wo es ihm gerade gefällt. Und nun beginnt die Hauptbeschäftigung des Römischen »Numerirten«: der Kampf um den Fahrgast. Nähert sich seinem Standorte eine Person, die halbwegs aussieht, als könne sie sich den Luxus einer Fahrt leisten, so erhebt sich der Kutscher vom Bocke und winkt mit beiden Armen auf das Lebhafteste, während ein freundliches Lächeln sein Antlitz überzieht. In diesem Augenblicke macht er ganz den Eindruck, als habe er einen alten, lieben Freund wiedergefunden und deute diesem pantomimisch an, daß er leider den Bock nicht verlassen könne und daher um einen Besuch bitte. Folgt der also Aufgeforderte der Einladung nicht, so stellt der Kutscher die Diagnose auf Augenschwäche. Denn nunmehr nimmt er die Peitsche und knallt so heftig, daß selbst die an solche Klänge gewöhnte Rosinante unruhig die Ohren spitzt. Hilft auch dieses Mittel nicht, so theilt der Unermüdliche dem unterdeß näher Gekommenen vorwurfsvoll mit, daß hier eine carozza stehe, und frägt in schmeichlerischem Tone »vuole?« (»Wollen Sie?«) Für gewöhnlich, d. h. in Stadtgegenden, wo sich keine Sehenswürdigkeiten befinden, sind damit seine Künste erschöpft. Glaubt er aber, einen forestiere vor sich zu haben, dessen Schüchternheit einer besonderen Aufmunterung bedürfe, so setzt er, ganz, wie wenn er gerufen worden wäre, seinen Gaul in Trab und fährt dem Dahinschreitenden derart vor die Füße, daß diesen ein Fortsetzen seines Weges unbedingt in den Wagen führen muß. Macht der also Verfolgte geduldig einen Umweg und geht etwa auf eine in der Nähe befindliche Omnibus- oder Pferdebahn-Haltestelle zu, so hat er stets die Droschke zur Seite, deren Lenker jetzt allerhand mysteriöse Zeichen zu machen beginnt. Er legt einen Finger quer über die Mitte des anderen, d. h. zeigt seine Bereitwilligkeit an, für die Hälfte des Tarifs zu fahren. Oder er unterbietet sich noch weiter und tritt mit den Preisen der Pferdebahn in ernsthafte Concurrenz. Letztere Manöver sind natürlich nur im Sommer, in den Monaten der Fremdendürre, üblich. Zu den Zeiten, wo Rom von Bädekern überfluthet ist, versucht es der Römische Automedon eher mit einer eigenmächtigen kleinen Erhöhung des Tarifes.
An den Gefährten selbst, deren Form den Berliner Droschken erster Güte gleicht, fällt eine merkwürdige Einrichtung auf. Rechts vom Kutscher befindet sich die Bremse, die bei den 7 Hügeln, auf denen Rom, wie jeder Klippschüler weiß, erbaut wurde, eine entschiedene Nothwendigkeit ist. Zur Linken des Fahrers aber ragt eine dicke Holzstange von Meterhöhe empor. Erst bei Regenwetter enthüllen sich die Zwecke dieses geheimnißvollen Instrumentes. Auf ihm wird dann nämlich ein riesiger Regenschirm aufgesteckt, gegen dessen Dimensionen sich die umfangreichsten Regendächer unserer Hökerweiber wie zierliche Entoutcas ausnehmen. Diese sinnreiche Einrichtung hat zweierlei Vortheile: erstens schützt sie den Kutscher vor dem Regen, und zweitens wird der Fahrgast noch weit nässer als sonst, denn er kommt buchstäblich aus dem Regen in die Traufe.
Die äußere Erscheinung der Herren Droschkenkutscher bestätigt den alten Satz: Wie der Herr, so's Geschirr. Auf den Kutschböcken solcher Wagen, von denen sich der Gast mit Grausen wendet, sitzen Gestalten von wahrhaft imponirender Schmutzigkeit. Daneben überwiegt, wie überall, die Menge derer, die im Guten wie im Schlimmen den Mittelweg einhalten. Endlich aber giebt es auch »Zeuge«, die von Sauberkeit und Frische leuchten und deren Lenker ohne Weiteres als Typen des Bock-Gigerls zu bezeichnen sind. Moderngelbe Schuhe, heller Sommeranzug, schwarzes Künstlerhütchen und genial geschlungene Cravatte bewirken, daß der Kutscher bisweilen eleganter ausschaut als sein Fahrgast. Diese noblen Fiaker finden sich am häufigsten auf der Piazza di Spagna, dem Mittelpunkte des Fremdenviertels. Sie befleißigen sich besonders Damen gegenüber einer Höflichkeit, die beinahe an's Courschneiden grenzt. Diese immerhin auffällige Erscheinung hat ihren guten Grund. Vor wenigen Jahren nämlich hat sich eine schon etwas angejahrte, aber um so reichere Engländerin in einen dieser Rosselenker verliebt und den schwarzlockigen Jüngling als ihren Ehegemahl nach dem Inselreiche entführt, wo der Glückliche, einem on dit unter seinen früheren Collegen zufolge, nunmehr nur noch »mit Vieren lang« fährt. Seitdem drängt sich die Elite der Römischen Droschken-Kutscher auf der Piazza di Spagna, und mit schmachtenden Blicken verfolgen sie jedes weibliche Wesen, welches große Füße hat und einen rotheingebundenen Bädeker trägt. Ob solche Bemühungen eine zweite Auflage des eben skizzirten Romans gezeitigt haben, darüber schweigt meine Quelle.
Die Stätten, an denen der Römer am liebsten frische Luft schöpft, sind die Villa Borghese und die Villa Doria-Pamfili. Die erstere, deren fürstliche Besitzer arg verschuldet sind, steht jetzt unter der Verwaltung der Stadt, die aber wenig für ihren Pflegling zu thun scheint. Die riesigen Waldanlagen, die sich am Fuße des Monte Pincio hinziehen, sind ziemlich verwildert, und nur das Casino, in dem sich einige berühmte Rafaels, Tizians und Correggios befinden, prangt in altem, unvermindertem Glanze. Weit vortheilhafter präsentiren sich die Anlagen der Villa Doria, die, auf den Anhöhen jenseits des Vatican gelegen, wundervolle Ausblicke nach außen und köstliche Landschaftsbilder nach innen bietet. Sie ist jedoch schwerer zu erreichen und seltener geöffnet, daher nicht so populär, wie die Villa Borghese. Beide Parks beleben sich erst gegen Abend, wenn man die Schaaren von Kindern ausnimmt, die auch tagsüber auf den Wiesen ihr lautes, lustiges Wesen treiben. Zur Zeit des späten Nachmittags rollen dann die Wagen in endloser Reihe heran. Die Villa »Borghese« erhält vor der schöneren Rivalin schon deswegen den Vorzug, weil der Weg zu ihr durch den Corso, die Hauptstraße Roms, führt. Kein größeres Vergnügen für den Römer, der Equipage hält oder miethet, als dieser Corso auf dem Corso. Nicht Jeder vermag dieses Vergnügen nachzufühlen, denn der Corso ist eng, staubig und von beängstigendem Menschengewühl erfüllt. Und dennoch ist der Ausflug nach den Alleen der Villa eigentlich nur ein Vorwand, um ein halbes Dutzend Mal über den Corso fahren zu dürfen. Das Equipagengedränge ist hier um die Abendstunden oft so arg, daß die Wagen sich kaum im Schritt vorwärts bewegen können. Dem Zuschauer dieses mondainen Schauspiels bleibt somit Zeit genug, die Eleganz der Gefährte zu bewundern, die an Pracht der Anschirrung, Correctheit der Dienerschaft und Trefflichkeit des Pferdematerials durchaus mit Paris, ja beinahe mit London concurriren können. Dieser Equipagenluxus fällt umsomehr auf, als man fortwährend von dem finanziellen Ruin Roms hören und lesen muß. Als Erklärung solchen Widerspruchs wird vorgebracht, daß die angesehenen Familien lieber an Wohnung und sonstigem Haushalte sparen, ehe sie ihre Equipage aufgeben. Die ungemessene Eitelkeit der Italiener, die Alles auf den äußeren Schein zu berechnen pflegen, läßt diese verkehrte Handlungsweise wohl glaublich erscheinen. Das Wagendefilé bietet aber noch ein anderes Interesse. Im Fond der vorbeiziehenden Carrossen erblickt man die vornehme Damenwelt Roms, die sonst nirgends zum Vorschein kommt. In der That zeigt sich die elegante Römerin höchst selten auf der Straße. Man kann von jeder distinguirten weiblichen Erscheinung, die man zu Fuße lustwandelnd trifft, mit Sicherheit annehmen, daß sie eine Fremde ist. So ist die abendliche Stunde der Ausfahrt die einzige, in der Rom seine geburts- und finanzaristokratischen Schönheiten erblickt.
Regelmäßige Theilnehmer an diesen Gesellschaftsfahrten sind König und Königin. Der Erstere erscheint in einer äußerst einfachen, aber vortrefflich bespannten Halbkalesche. Die Einfachheit erstreckt sich auch auf die dunkle Livrée der Dienerschaft. Der König trägt stets Civil, während sein Begleiter in voller Adjutanten-Uniform prangt. Deutsche, die sich gemeiniglich einen König ohne Uniform so wenig vorstellen können, wie Kinder einen Herrscher ohne seine Krone, pflegen nicht selten dem Adjutanten ihren ergebensten Gruß darzubringen und scheiden darum von dem denkwürdigen Momente dieser Begegnung mit dem Eindruck, daß der König seinen Bildern recht wenig ähnlich sieht. In Wahrheit würde es aber selbst dem schlechtesten Photographen schwer fallen, das charakteristische Antlitz Humbert's I. nicht zu treffen, dessen mächtiger Schnurrbart nunmehr völlig ergraut ist.
Die Ankunft der Königin erfolgt weniger überraschend, als die ihres Gemahls, da ihre Dienerschaft blutrothe, weithin leuchtende Livrée trägt. Um so schlichter ist das Costüm der hohen Dame selbst, die meist in dunkler Kleidung und schwarzem Capotehütchen erscheint. Königin Margherita ist nicht mehr die blendende Schönheit, die sie einstens war, aber immer noch eine anmuthige Frau mit edlen, ernsten Zügen. Ihre Popularität ist von allen Stürmen der letzten Zeit unberührt geblieben. Ist sie doch eine Fürstin, die sich von politischen und staatlichen Angelegenheiten völlig abseits hält und nur in den Vordergrund tritt, wenn es Werken der Wohlthätigkeit und der Kunstförderung gilt.
Die piazza colonna, die den Corso ziemlich genau halbirt, ist das moderne Forum der Römer. Es hat seit einigen Jahren eine umfängliche Erweiterung erfahren, nachdem die Stadt den die Ostseite des Platzes einnehmenden Palast des Fürsten Piombino für einige Millionen angekauft und dann niedergerissen hat. Niemand weiß, warum! Augenblicklich sind Bestrebungen im Gange, diese Lücke wieder mit Bauten zu belegen. Aber da nicht allzuviel Gelder, sehr viel sich widersprechende Ansichten und recht mäßige Projecte vorhanden sind, so dürften diese Constructionen noch manches Jahr auf sich warten lassen.