Die Tombola mit ihren Tausenden von Loosen und drei Gewinnen (400, 500 und 1000 Lire) bietet ein Schauspiel, bei dem das Volk von Venedig die Hauptacteure stellt. Zwei prächtig decorirte Pavillons, der eine für die Ziehung, der andere für das Aufziehen der Nummern bestimmt, werden auf dem Marcusplatze errichtet. Dieser einzige Platz, den seine herrlichen Bauten wie eine steingewordene Märchenphantasie erscheinen lassen, erstrahlt in festlicher Beleuchtung, der gewaltig zum Nachthimmel sich reckende Campanile in bengalischem Lichte. Der Steinboden der Piazza ist zum großen Theile mit Stühlen bestellt, den übrigen Raum nehmen in fürchterlicher Enge stehende Menschenmassen ein. Die zierlichen Tauben, des Marcusplatzes beliebte Pensionärinnen, die doch von den Abendconcerten her an einen schönen Durchschnittstrubel gewöhnt sind, schwingen sich aufgeregt in die Lüfte empor. Im Handumdrehen haben sich mitten im Gewühle die landesüblichen Klein-Industrien entwickelt. Eiswasser, Bleistifte, Cigaretten, Citronen und ähnliche gangbare Artikel werden kreischend feilgeboten, bis ein kräftiger Trompetenstoß den Beginn der Ziehung verkündet. Dann lebt Alles nur noch den Ereignissen Fortunas. Mit athemloser Spannung wird jede einzelne Nummer begrüßt. Um die Personen, deren Loos-Zettel die Glückszahlen enthalten und die Besitzer dem ersehnten Quaterno nähert, bilden sich erregt gesticulirende Gruppen. Ein Schrei geht durch alle diese Menschen, als der erste vermeintliche Gewinner im Laufschritt dem Lotteriepavillon zueilt, und schrilles Pfeifen begrüßt den Unglücklichem der sich in einer Zahl geirrt hatte und darum schleunigst wieder zum Vorschein kam. Als dann der wirkliche Eroberer des Quaternos erschien und noch dazu ein waschechter Venetianer war, da gab es einen tumultuösen Applaus.
Die Regatta endlich gestaltet sich zu einem Volksfeste ersten Ranges. Der Canale grande belebt sich Stunden vor dem Beginn mit einer nicht annähernd zu schätzenden Zuschauer-Corona. Die prächtigen alten Paläste an diesem großen Wasser-Boulevard sind mit Gobelins und Teppichen festlich geschmückt und von Neugierigen bis zum Dache gefüllt. Die flankirenden Kais erscheinen mit Stühlen besetzt wie ein riesiges Parterre. Die Hauptmenge aber bewegt sich auf dem Wasser. Neben dem ganzen stattlichen Gondelaufgebot sind unzählige Barken und riesige Familienboote zur Stelle, die durch Sessel zu schwimmenden Tribünen umgewandelt werden. Ein wahrhaft lebensgefährliches Gewimmel herrscht um die Zielgegend, am Palazzo Foscari zwischen der Rialto-Brücke und dem Ponte Ferro. Hier haben die Schaulustigen sogar auf den aus dem Wasser ragenden Gondelpfählen und auf den Häuserreihen Posto gefaßt. Die Hüter des Gesetzes sind eifrig bei der schweren Aufgabe, in dem Gewimmel von Fahrzeugen freie Bahn für die Rennenden zu machen. Da die Polizei ebenfalls in Gondeln fährt, so ist ihre Actionsfreiheit sehr gehemmt. Die Art, wie die Schutzleute dennoch ihren Anordnungen den nöthigen Nachdruck verschaffen, ist ebenso drastisch wie originell. In jeder Polizeigondel steht ein Feuerwehrmann, der eine direct aus dem Canal gespeiste, riesige Spritze handhabt. Wird den Befehlen der heiligen Hermandad nicht sofort Folge geleistet – Platsch! ergießt sich ein mächtiger Wasserstrahl auf Gondelführer und Insassen. Das Mittel ist nicht fein, aber es hilft.
Ein farbenfroher und glänzender Umzug der städtischen Festordnergondeln eröffnet die Regatta. Die Municipal-Fahrzeuge sind wundervoll mit Peluche, Seide, Metallbehängen und phantastischem Figurenaufputze decorirt. Ihre Lenker stecken in prächtigen mittelalterlichen Trachten von Sammet- und Brocatstoffen, die mit den Bootsfarben harmoniren. Ein Stück des alten Venetianer Glanzes aus den Blüthezeiten der mächtigen Republik scheint in's Leben zurückgekehrt. Einigermaßen contrastirt mit der wirklichen feenhaften Ausschmückung der Boote ein im Mitteltheile jedes Schiffleins aufgepflanzter Weinzuber, aus dem die romantisch gekleideten, mit blonden Pagenperrücken versehenen Ruderjünglinge bei jeder Haltegelegenheit »Einen nehmen«. Je Einer trinkt, und drei Andere halten das Ungethüm von Flasche, das ungefähr den Umfang eines größeren Luftballons hat. Es ist leicht zu begreifen, daß gegen das Ende des Umzuges der Ruderschlag an Präcision Einiges eingebüßt hat.
Die eigentliche Regatta ist kein allzu aufregendes Ding. Es concurriren mehrere der Gondelform nachgebildete schmale, niedere Rennboote mit je zwei stehend arbeitenden Ruderern. Da die zu durchmessende Strecke weit über eine Wegstunde lang ist und von einem sportsgerechten Training der Gondoliers keine Rede sein kann, so sind die Gestarteten vor dem Ziele so erschöpft, daß ein ernstlicher Endkampf nicht stattfindet. In weiten Abständen kommen die vier Ersten einher, um ihre Siegesfahnen, an die ein stattlicher Geldpreis geknüpft ist, in Empfang zu nehmen. Dann Tusch, und die Regatta ist zu Ende.
Unter den Zuschauern aber beginnt nun der Kampf um's Wegkommen. Die Polizei und ihre Kanonenspritze wären jetzt vortrefflich am Platze, aber Beide sind längst verschwunden. So muß jeder Einzelne sehen, wie er dem Chaos entrinnt. Aller Augenblicke krachen die Boote aufeinander, die Gondoliers fluchen, die Insassen halten bei den fortwährenden Stößen mühsam Balance. Für zartbesaitete Gemüther ist dieses Schlußvergnügen mäßig. Immerhin weiß der Festbericht am nächsten Morgen nur von einem halben Dutzend zertrümmerter Boote und keinem einzigen ernstlichen Unglücksfalle zu berichten. Wahrhaftig, diese Venetianer haben an ihrem heiligen Marcus einen wackeren Schutzpatron.
Römische Momentbilder.
Römische Rosselenker. – In der Villa Borghese. – König und Königin. – Corso. – Auf der Piazza Colonna. – Ben Akiba und die capitolinische Venus.
Der römische Droschkenkutscher hat mit seinem deutschen Collegen fast Nichts gemein, als die – Droschke. Geburt und Erziehung haben gleichmäßig zu der Verschiedenheit der Arten beigetragen. Heißeres, unruhigeres Blut rollt in den Adern des südländischen Rosselenkers, und seine Erziehung hat die Polizei arg vernachlässigt. Der deutsche Droschkenführer fühlt das strenge Auge des Gesetzes beständig auf sich gerichtet. Er hält sich und sein Gefährt in vorschriftsmäßiger Ordnung, kennt das paragraphenreiche Reglement auswendig und harrt auf seinem Kutschbocke in stoischer Ruhe der Fahrgäste, die nicht immer kommen wollen. Natürlich ist er, wie so Vieles in Deutschland, uniformirt.