Die Dampfer, welche viertelstündlich den Verkehr zwischen der Riva dei Schiavoni und dem Lido vermitteln, sind stets vollgepfropft mit lustig schwatzendem Badevolke: Die Damen in hellen, lichten, buntfarbigen Toiletten, die Herren in weißem Flanell und englischen Strandmützen, die Knaben in kecken Matrosen-Anzügen, die das gesunde Braun der nackten Waden freilassen, und die kleinen Mädchen in jenen entsetzlichen langen Kleidchen, wie sie die Phantasie der Frau Kate Grenaway und die Mode erdacht haben.
Kaum hat das Schiff an der Nordseite des Lido angelegt, so beginnt der allgemeine Sturmlauf nach den Pferdebahnwagen. Der Tramway, dessen Pferdepark die einzigen Exemplare dieser nützlichen Vierfüßler im Bannkreise von Venedig umfaßt, durchfährt die villen- und trattorienbesetzte Insel ihrer Breite nach in circa 5 Minuten und setzt seine Gäste direct vor dem riesigen Bade-Etablissement ab. Das Gebäude mit seinen Vergnügungs- und Bade-Anlagen, seinen zahllosen Zellen, seinen Wäscheausgabe- und Werthaufbewahrungs-Stellen ist so zweckmäßig eingerichtet, daß mancher deutsche Bade-Commissär hier mit großem Nutzen längere Studien machen könnte.
Der eigentliche in der See abgegrenzte Baderaum zerfällt in zwei benachbarte Theile, von denen der eine den Herren, der andere den Damen reservirt ist. Die Absperrung ist aber nicht so ernst gemeint. Zunächst hat das schönere Geschlecht officiellen Zutritt im Herrenbade, ein Recht, das ebenso von den Damen der besseren Gesellschaft, wie von den Vertreterinnen der pikanten Gattung benutzt wird. Ferner sind die im Damenbad angestellten »Badefrauen« – Männer, und das inmitten der Abtheilung haltende Wachtboot ist ebenfalls bemannt und nicht beweibt. Man kann sich denken, daß diese wackeren Leute nicht allzu eifrig bestrebt sind, Herrenbesuche vom Gestade der Seligen fern zu halten. Hie und da kommt es freilich vor, daß eine zornige Dame aus jener Altersklasse, nach der sich die bösen Eindringlinge nicht mehr umzusehen pflegen, so lange Lärm schlägt, bis die schläfrigen Wächter in ihrem Boote zu ihrer Pflicht erwachen und die unterschiedlichen Adams aus dem Paradiese treiben. Nach einer halben Stunde ist aber regelmäßig der status quo ante wieder hergestellt, und der amüsante Flirt im Wasser nimmt seinen ungestörten Fortgang.
Derartige Beobachtungen entschädigen reichlich für die Zahmheit des Seebades selbst. Das Adriatische Meer weist im Sommer sehr hohe Temperaturen (durchschnittlich 24–28 Grad Celsius) und zumeist wenig oder gar keinen Wellenschlag auf. Besinnt es sich einmal darauf, daß ihm als reputirlichem Meere eigentlich eine wildere Physiognomie gebührt, so streikt alsbald das italienische Publicum. Bei etwas kälterem Wasser oder einem mäßigen Wellentreiben, das einem Sylter oder Helgoländer Stammgaste noch wie eitel Süßwasserspielerei erschiene, geht kein Italiener in das balkenlose Element hinein. Dann ist es leer am Lido, und von den wenigen Kühnen, die, von den Badedienern angestaunt, den Kampf mit den Wellen wagen, hört man ausschließlich englische oder deutsche Laute.
Nach dem Bade findet man sich auf dem in's Meer hineinragenden Restaurationspavillon zusammen, wo man bei einem Glase Vermouth das laute Treiben der Badenden, die dicht vor der Terrasse ihre schönsten Künste steigen lassen, beobachten oder aber, wenn man Liebhaber einer schlechten Musik ist, der concertirenden Kapelle seine Aufmerksamkeit schenken kann. Für Junggesellen ist indessen diese Terrasse nicht ungefährlich, denn auf ihr nehmen zahlreiche im Wasser angesponnene Romane ein Ende mit Schrecken. Hier ist das Reich der Mütter, hier verlobt man sich. Die Privatstatistik weiß Wunderdinge über die Häufigkeit solcher Fälle zu berichten. Es ist recht sonderbar, daß Paolo Mantegazza, der Feuilletonist unter den Medicinern, diese seltsame Erscheinung bisher unbeachtet gelassen und noch kein Buch geschrieben hat mit dem Titel: »Das Seewasser und sein Einfluß auf den Verehelichungstrieb der Menschen.«
Mit allen diesen Attractionen sind aber die Reize des Lido keineswegs erschöpft. Nicht blos der Naturfreund, der Sittenschilderer, der Modeschriftsteller, der Gourmand und die – Schwiegermutter, auch der Theaterschwärmer kommt zu seinem Recht. Im großen Saale des Restaurants ist meist eine Operntruppe installirt, die allerdings keine übermäßige Anziehungskraft ausübt.
Die musikliebende Fremdencolonie findet man Abends auf dem Canale grande um die unterschiedlichen »Serenaten« der Volkssänger-Gesellschaften Revue passiren zu lassen. Der beliebteste Gondelsänger ist der Tenor Giacomelli, der mit weicher, schmachtender Stimme seine Liebeslieder voller Verve und Inbrunst vorträgt. Die in ihren Gondeln lauschenden Missis finden ihn very nice indeed und bedauern nur, daß er nicht an allen Abenden zu hören ist. Bisweilen nämlich zuckt der Gondelier, dem man zuruft »alla serenata Giacomelli«, die Achsel und meldet geheimnißvoll, das der Gesuchte heute nicht sänge. Bei dringender Nachfrage erfährt man dann, daß der arme Giacomelli das Schicksal der meisten Tenöre theile und von Frauengunst stark umworben sei. Neuerdings habe ihm eine schöne principessa ihr Herz geschenkt, und dieser Giacomelli sei kein venetianischer Joseph, der den Mantel bei seiner Potiphar lasse, um auf den canalazzo singen zu gehen. Ist dieser Roman nur Reclame, so ist sie gewiß nicht ungeschickt ersonnen. Denn läßt der glückliche Tenorist an seinen principessa-freien Abenden die Stimme erklingen, so erscheint er allen Damen noch einmal so interessant als sonst. Rudert nach beendetem Ständchen die bunt beleuchtete Sänger-Gondel heran, so regnet es blankes Silber in den herumgehenden Sammelhut. Dem Geliebten einer principessa kann man doch kein Kupfer geben. Noblesse oblige!
Im Uebrigen verläßt sich die Stadt Venedig nicht allein auf Privatunternehmer, wenn es gilt, den vergnügungssüchtigen Einheimischen und den schaulustigen Fremden Unterhaltung zu bereiten. Drei große »Nummern« pflegt das splendide Municipio allsommerlich loszulassen: eine Riesen-Serenata, ein Wohlthätigkeits-Tombola und endlich, als Culminationspunkt, die altbeliebte Gondel-Regatta.
Für die Serenate wird ein rundes Holzschiff erbaut und mit farbigen Lampen reich geschmückt. Auf dieses schwimmende Podium postiren sich ein Orchester von ca. 80 Mann, ein ebenso starker Chor und mehrere Solisten. Die mannigfachen Vorträge bereiten einen wirklichen Kunstgenuß, der im eigenartigsten Concertsaale der Welt mit dem Wasser als Boden, den Gondeln als Logen und dem sternbesäten Himmel als Decke empfangen wird.