Bezeichnend für den geringen Ernst, den das italienische Publicum für seine musikalischen Kunstwerke übrig hat, war die »Bereicherung«, die der dritte Act erfuhr. Signor Cesarotto hatte nämlich seine serata d'onore (Benefiz) und anläßlich dieses Ereignisses erschien er plötzlich im Gesellschaftsanzuge ohne Rigoletto-Maske im Herzogspalaste, um aus dem vorgehaltenen Notenhefte einen unglaublich sentimentalen Singsang anzustimmen, in dessen Refrain er stets behauptete: la mia sposa sera la mia bandiera (Mein Weib wird meine Fahne (!) sein«). Das schöne Lied stammt von Rotoli und ist noch trivialer, als die Leierkastenmusik des Signor Tosti, neben dem für einen richtigen Italiener kein anderer Lieder-Componist existirt. Aber da die Nummer der hohen Stimmlage des Sängers beste Gelegenheit zur Entfaltung gewährte, so mußte das schaurige Ding gleich mehrmals unter den begeisterten Bis-Rufen der Corona widerholt werden, worauf der glückselig lächelnde Bariton abtrat und sich die Rigoletto-Maske wieder anschminkte. Derlei Geschmacklosigkeiten werden hier absolut nicht als solche empfunden. Im italienischen Zeitungsstil heißt das »eine gelungene Episode«.
Trotz dieser unvorhergesehenen Zuthaten fanden auch die blutrünstigen Morithaten Rigolettos ihr Ende und um einen Kunstgenuß reicher fuhren wir durch die schweigende Campagna nach Padua zurück. Frau Luna, hell am sternenklaren Nachthimmel schimmernd, versprach einen wunderschönen Folgetag. Wie recht aber der Rigoletto-Textdichter mit seinem eben so knappen, als wahren Ausspruche »La donna e mobile« hatte, sollte sich hier wieder einmal zur Evidenz erweisen, denn Frau Luna hatte gelogen und am nächsten Tage regnete es scheußlich.
Venetianische Feste.
Die Venetianer als Fischmenschen. – Das Seebad am Lido. – Männliche Badefrauen. – Herrenbesuche im Damenbad. – Die Restaurationsterrasse und Verlobungen bei Musik. – Der Gondeltenor und seine Potiphar. – Volksfeste und die Polizei-Spritze. – Heiliger Marcus, hilf!
Venedig im Sommer ist so recht geeignet, das in Deutschland herrschende Vorurtheil zu widerlegen, Italien sei in der heißen Jahreszeit für den Nordländer ungenießbar. Für Theile des südlichen Italiens, speciell für Rom, sei gern zugegeben, daß ein Besuch im Frühjahr oder Herbst empfehlenswerther ist, obgleich auch dort um diese Zeit das eigentliche Volksleben auf der Gasse fehlt, das in seiner Art mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdient, wie der überströmende Reichthum an Kunstschätzen und Architectur-Schönheiten.
Venedig insbesondere belebt sich erst, wenn die Sonne heiß herniederbrennt. Dann steckt die ganze Bevölkerung vor ihren Thüren im Wasser. Der Venetianer wird zum Fischmenschen. Die Familie wandelt innerhalb des Hauses im Badeanzug einher, und jede freie Minute wird rasch zu einem Schwimmausflug vor das Haus benutzt. Eine Gondelfahrt durch das Gewirre von Canälen und Canälchen gewährt gegen den Abend hin einen sonderbar belustigenden Anblick. Pustend, schnaubend und spritzend, wie eine Bande übermüthiger Wasserthiere, tummeln sich Männer, Weiber und Kinder in dem belebenden Element. Aller Augenblicke öffnet sich eine Thür, und heraus stürzt sich eine nothdürftig bekleidete Menschengestalt im Kopfsprunge. Andere halten es noch bequemer und springen gleich vom Fenster aus, ein paar Stockwerke hoch, in die Fluth. Ein deutsches Schutzmannsherz würde sich umdrehen Angesichts dieses ungebundenen Treibens. Die venetianische Polizei erlaubt es sogar officiell und wünscht nur, daß ein gewisses Minimum von Costüme stets vorhanden sei. Damit ist freilich nicht gesagt, daß dieser Ukas überall und immer befolgt wird.
In dem nicht allzusauberen Canalwasser tummelt sich natürlich nur das ärmere Volk. Der Wohlhabende an Zeit und Geld fährt hinaus nach dem Lido. Venedig ist nicht blos eine große, mit Wundern aller Art gesegnete Stadt, es ist auch das fashionable Seebad für die angrenzenden Provinzen Ober-Italiens. Dem eleganten Lombarden oder Veneter ist die Saison zu Venedig ebenso de rigueur, wie der Strand von Heringsdorf oder Kolberg dem Berliner.