Ist es kein Vergnügen, sich einer hiesigen Droschke anzuvertrauen, so ist die neapolitanische Pferdebahn ebenfalls kein ideales Beförderungs-Institut. Sie versieht ihren Betrieb nicht nur mit Pferden, sondern mehr noch mit Mauleseln. Diese zähe Mischrasse dient zumeist als Vorspann, und es gewährt einen seltsamen Anblick, wenn an den Stellen, wo die Trace schlimme Steigungen zu überwinden hat, wie bei dem Anstiege vom Quai S. Lucia zur Piazza del plebiscito die Viererbespannung zur Hälfte aus Pferden, zur Hälfte aus Mauleseln besteht. Die Wagen des Tramway führen hier zwei Klassen. Der Tarif richtet sich nach »Sectionen« (eingetheilte Wegstrecken) und die zweite Klasse ist durchschnittlich um 1–2 Soldi billiger, als die erste. Letztere bietet gepolsterte Sitze, die erstere bloße Holzbänke. Vorzuziehen wäre die ungepolsterte Sitzgelegenheit, da die in Neapel so zahlreichen, blutgierigen Hüpfer – vulgo Flöhe genannt – ein ungestörtes Dasein in den Kissen führen und mit Vorliebe dem Passagier einen kleinen Besuch abstatten, wenn nicht andererseits das Publikum zweiter Klasse so reich mit diesen Parasiten versehen wäre, daß es ebenfalls gern von seinem Ueberfluß an Bedürftige abgiebt. Nicht minder lästig sind die zahlreichen Bettler, die sich überall, wo die Pferdebahn Schritt zu fahren durch die Terrain-Verhältnisse gezwungen ist, aufhalten und die Wagen so lange mit Winseln und Heulen begleiten, bis der Kutscher seine Gäule wieder in Trab setzen kann. Die fliegenden Händler finden sich selbstverständlich auch auf den Trittbrettern der Pferdebahnwagen ein und verstärken durch ihr mißtönendes Gekreisch den ungeheueren Wirrwarr.
Die naive Unhöflichkeit des Neapolitaners zeigt sich am deutlichsten auf der Trambahn. Die Bänke der Sommerwagen sind auf vier Personen berechnet. Niemals aber werden drei Leute, die es sich bequem gemacht haben, dem aufsteigenden Vierten aus freien Stücken Platz machen. Das einzige Mittel ist, sich energisch auf die Kniee eines der Fahrenden fallen zu lassen und so sein Wegrücken zu erzwingen. Das Unleidlichste aber ist die Einrichtung, daß nicht nur an den Haltestellen, sondern überall auf Verlangen gehalten wird. Der Neapolitaner steigt principiell nur vor seinem Hause auf, resp. läßt sich bis dorthin fahren. Ob eine Haltestelle zwei Schritte entfernt ist, ob eben eines Anderen wegen gehalten worden ist, das ist ihm sehr gleichgiltig. Niemals nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Wagen einen Stillstand zu ersparen, sondern giebt, kaum daß dieser sich wieder mühsam in Bewegung gesetzt hat, das Zeichen zu erneutem Aufenthalt. So braucht man zu einer Strecke, die unter normalen Verhältnissen in fünf Minuten zu bewältigen wäre, oft das Drei- und Vierfache. Dabei macht die Pferdebahn glänzende Geschäfte. Trotz ihres hohen Tarifes, trotz der Concurrenz der Droschkenkutscher, die oft zu Pferdebahnpreisen fahren, sind die Tramwagen überfüllt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
Das Zug- und Lastthier des kleinen Mannes von Neapel ist der Esel. Dieses bei uns als störrisch und widerwillig bekannte Vieh ist hier das fleißigste und anspruchsloseste Geschöpf unter der Sonne, es leistet Alles, was man von ihm verlangt, und man verlangt nicht wenig von ihm. Oft verschwindet sein Körper unter der ihm aufgebürdeten Riesenlast, aber er schleppt sie tapfer zum Ziele. An dem Tragsattel befinden sich weit hinausragende breite Querbalken, auf denen sich allerlei Körbe mit Waaren schaukeln. So gleicht das arme Eselein, von dem man nur die melancholisch wackelnden Ohren hervorschauen sieht, einem wandelnden Laden. Ist es vor einen zweirädrigen Karren gespannt, so liegen auf diesem außer der eigentlichen Last meist noch ein viertel Dutzend mangelhaft bekleideter Leute spazieren, eines süßen Schlafes im Sonnenbrande pflegend. Auch als Reitthier dient der brave Asinus. Er bekommt dann einen Strick in's Maul, ein brauner Bengel, mit einem Hemde, oder auch mit »gar Nichts« angethan, schwingt sich auf Esels Rücken, und fort geht's im Galopp. Findet sich ein zweites Paar hinzu, so wird ein kleines Wettrennen veranstaltet. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich sogar das Phänomen eines durchgehenden Esels beobachten können. Er fühlte sich seinem Reiter, einem höchstens fünfjährigen Bürschchen, überlegen, »nahm ihm die Hand,« brach auf der »geraden Bahn« aus und setzte »über die Barrière« mitten in die Körbe und in die Conversation einiger Gemüse- und Fischweiber hinein. Ueber diese schweren Hindernisse kam er mit großer Eleganz, bis er endlich seinen Jockey mit einer regelrechten Lançade in einen Fischtrog placirte und dann geduldig wartete, bis der kleine Held wieder aus dem unfreiwilligen Bade emporgestrampelt war und die Prügel der erzürnten Damen der Halle geerntet hatte. Abgesehen von solchen Ausnahmefällen ist jedoch das wackere Grauthier geduldig und beklagt sich über sein schweres Loos nur durch ein langgezogenes Gestöhne, das mit dem »I–ah« seiner deutschen Eselsvettern nicht die mindeste Aehnlichkeit hat und darum alle mit der italienischen Eselssprache noch nicht Vertrauten weidlich erschreckt, weil sie glauben, es sei ein Schwerverwundeter in der Nähe, der um Hülfe schreit.
Zu Luxuszwecken dient der Esel nur, wenn humoristische Zwecke beabsichtigt werden. So erscheinen auf dem Corso, den die elegante Welt Neapels allabendlich auf dem herrlichen Quai Caracciolo längs der Via Nazionale abhält, niedliche Miniaturgefährte, angefüllt mit reizenden Kindergestalten und gezogen von winzigen Eseln. Im Uebrigen geht es sehr vornehm zu bei diesem Corso, der, was die landschaftliche Umgebung betrifft, nicht seines Gleichen auf dieser Erde hat. Wollte man von der Zahl und Ausstattung der Equipagen Schlüsse auf die Wohlhabenheit ihrer Besitzer ziehen, so wäre Neapel die Stadt der Millionäre. Nichts aber wäre falscher, als eine derartige Meinung. Mancher dieser Equipagenbesitzer begnügt sich mit einer Wohnung und einer Nahrung, die bei uns der Kleinbürger verschmähen würde. Um so besser werden Pferde, Dienerschaft und Wagen gehalten, damit man Abends beim Corso gute Figur mache. Man sieht denn auch wirklich correcte und vornehme Gespanne in Menge, die den Vergleich mit den besten Mustern aus dem Bois de Boulogne oder dem Hyde-Park aushalten können. Herren wie Damen führen häufig in Person die Zügel, und die Aufgabe, ein feuriges Gespann durch das Gewimmel und den Lärm des Corsos zu bringen, ist wahrlich keine leichte.
Auch der in Neapel residirende Kronprinz von Italien, der Abend für Abend an den Gesellschaftsfahrten Theil nimmt, lenkt seine Rosse selbst. Er ist ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit ernsten Gesichtszügen und aufgewirbeltem, röthlichem Schnurrbart. Er trägt stets Uniform, und die Neapolitaner, die keine besonderen Militärfreunde sind, wollen daraus einen bewußten Gegensatz zu seinem Vater construiren, der sich mit Vorliebe in Civil kleidet. Natürlich ist das heller Unsinn. Der Kronprinz ist activer General und übt die Functionen eines solchen mit voller Pflichttreue aus. Da es den italienischen Offizieren so streng, wie den deutschen, verboten ist, außerhalb des Dienstes die Uniform zu verlassen, so geht der Kronprinz seinen Untergebenen einfach mit gutem Beispiel voran. Für solche militärische Erwägungen sind aber die Neapolitaner nicht zu haben, und sie beginnen immer von Neuem ihre sehr ungerechtfertigten Raisonnements über die »Uniformschwärmerei« ihres künftigen Königs. Wenn sie gegen die prinzlichen Equipagen Einwendungen erhöben, so wäre das eher zu begreifen. Unter den luxuriösen Gespannen, die den Prinzen rings umgeben, fällt die geringe Eleganz seiner Wagen und Pferde doppelt auf. Nun ist er ja junger Ehemann. Vielleicht wird Prinzessin Helene dafür sorgen, daß ihre Equipagen nicht hinter denen ihrer Unterthanen an Vornehmheit zurückstehen.
Vom Eiland des Tiberius.
Abfahrt von Neapel. – Der Landsmann mit dem Jägerhemde. – Die blaue Grotte und der heilige Constantin. – Korallen in der Suppe. – Völkerpsychologie einer kleinen Capresin. – Das Deutschthum auf Capri. – Ein Besuch bei »Don Timberio« und des Cäsaren Geschichte in localer Beleuchtung. – Ein Gentleman-Eremit. – »Hiddigeigei's« Nachkommen.
Das Dampfboot, das den Verkehr vermittelt zwischen Neapel und Capri, liegt Morgens 9 Uhr am Quai Santa Lucia zur Abfahrt bereit, so heißt es nämlich in den betreffenden Anzeigen. Trotzdem es aber an besagtem Quai sehr hübsche Stellen giebt, wo ein Dampfer anlegen könnte, hat er doch weit draußen im Hafen Posto gefaßt. Man muß sich also zunächst einem Ruderboote anvertrauen. Der unverhältnismäßig hohe Preis, der für die kurze Bootsfahrt gefordert wird, bildet eine Nebeneinnahme der Dampfergesellschaft, deren Forderungen für die eigentliche Ueberfahrt im Uebrigen ebenfalls nicht an Bescheidenheit kranken.