Auch die auf 9 Uhr festgesetzte Abfahrtszeit wird selbstverständlich nicht innegehalten. Es wird reichlich ein Stündchen später, aber der erfinderische Sinn der Neapolitaner sorgt für Unterhaltung. Zwei schwimmend das Boot umkreisende Knaben ersuchen ein verehrliches Publicum, Soldistücke in's Meer zu werfen. Durch das lichte Wasser, in dem man die Bewegungen der nackten Körper bis in die Tiefe verfolgen kann, tauchen sie zum Grunde und holen die Geldmünzen herauf. Der glückliche Finder macht dann eine dankende Verbeugung und steckt das Geld, in Ermanglung anderer Taschen, in die Backentasche. Das artige Taucherstücklein findet mehr Anklang als der Schwarm von Händlern, die an Bord Lava, Cameen, Schildpatt u. s. w. anbieten. Bevor man die knappe Hälfte der Offerten zurückgewiesen hat, ist die Verspätungsstunde verstrichen. Auf einen älteren Herrn, den der unmögliche Loofah-Hut, das seit längerer Zeit im Dienst befindliche Jägerhemde und die riesigen Stiefel auf hundert Schritte als provinzdeutschen Touristen erkennen lassen, hat es das zudringliche Händlervolk besonders abgesehen. Da er noch neu ist auf italienischem Boden, fehlt ihm die nöthige Partie gediegener Grobheit, ohne die es unmöglich ist, diese Kletten los zu werden. Aus Dank für geleistete Hilfe erzählt mir der Befreite im schönsten, sächsischen Dialekte seine bisher auf der Südlandsreise gewonnenen Eindrücke. Italien wäre so weit ganz schön, aber es hätte auch arge Fehler. Die Kopfkissen der Hotelbetten wären zu klein, das Bier zu theuer, und die meisten Menschen verständen nicht Deutsch. Ich mußte diese Bemerkungen als unzweifelhaft richtig zugeben und fügte noch mit einem Blick auf das Jägerhemde des biederen Sachsen als weiteren Uebelstand hinzu, daß sich auch die Wäscherinnen hier zu Lande viel zu gut bezahlen ließen. Das wäre ihm noch nicht aufgefallen, meinte der Wackere. Ich glaubte ihm das auf's Wort.
Endlich setzt sich der Dampfer in Bewegung. Sein Cours geht zunächst nach Sorrent, an Vico Equense vorüber. Vico Equense wurde in der letzten Zeit viel genannt, weil hier im Jahre 1885 jener Knabenmord passirte, den die Geschworenen von Bourges zum Unglücksfall erklärten, als sie zehn Jahre später den Marquis de Nayves freisprachen.
In Sorrent, das bei den Italienern als Badeort in hoher Beliebtheit steht, verlassen unseren Dampfer die wenigen Einheimischen, die er mit sich führte. Der Steamer nähert sich jetzt den Felsenkolossen Capris, zwischen die hineingeschmiegt die grande marina (der große Hafen) und darüber auf waldiger Kuppe das Städtchen Capri liegen. Vorerst dampfen wir stolz daran vorüber zur »blauen Grotte«, deren Besuch für jeden Caprineuling obligatorisch ist. Die »blaue Grotte« ist, wie bekannt, im Jahre 1826 von dem deutschen Maler Kopisch, als er um Capris Felsenküsten schwamm, wieder entdeckt worden. Den größten Gefallen hat Kopisch damit dem Municipium von Capri erwiesen, in dessen Säckel bisweilen solche Ebbe herrschte, daß es den Schutzheiligen der Insel, den heiligen Constantin, dessen silberne Statue sich in der Hauptkirche befindet, bei neapolitanischen Geldmännern versetzen mußte. Jetzt zieht die Stadtverwaltung von der blauen Grotte eine stattliche Einnahme. Man hat eine schwimmende Kasse vor dem Zugange etablirt. Gegen Erlegung von 1½ Francs erwirbt man das Recht, sich auf den Boden eines sehr schmutzigen Kahnes lang auszustrecken und auf diese Weise durch die kaum über das Meeresniveau emporragende Grottenöffnung hineinbefördern zu lassen. Die Grotte selbst gehört zu den wenigen italienischen Sehenswürdigkeiten, die schlechter sind als ihr Ruf. Die Dichter und Maler, die das Lob der Höhle sangen und pinselten, dürften ihre Phantasie arg strapazirt haben. Wirklich malerisch schön ist nur der fluctuirende Boden, das Wasser, das noch um einige Nuancen blauer und durchsichtiger ist als draußen im freien Meere.
Höhlenbewohner, natürlich nur zur Zeit des Fremdenbesuches, ist ein halbwüchsiger Knabe, der, wenn sich genügende Entlohnung für ihn findet, zum Grunde taucht, um zu zeigen, wie das Wasser den Körper versilbert. Die diesmaligen Besucher der Grotte waren offenbar Anhänger der Goldwährung, denn der nöthige Garantiefonds für dieses im Bädeker gepriesene bimetallistische Experiment wollte nicht zu Stande kommen.
Die kleine Enttäuschung war rasch verwunden, als der Anker angesichts der großen Marina in's Wasser rasselte. Einige Herren, die bisher auf dem Dampfer promenirten und ganz gegen italienische Gewohnheit freiwillige und höfliche Auskunft über allerlei Wissenswerthes gegeben hatten, ohne ein Trinkgeld zu verlangen, entpuppten sich jetzt im entscheidenden Momente als Geschäftsführer capresischer Hotels, deren Vorzüge und Billigkeit sie in lichtesten Contouren erscheinen ließen. Der alterprobte Grundsatz, in Italien vorher nach allen Preisen zu fragen und dann principiell höchstens die Hälfte zu bieten, that auch hier seine Schuldigkeit. Die ursprünglich ziemlich insolenten Forderungen gingen auf ein bescheidenes Maß herunter, und bald saßen wir bei einem auf dem Balcon des Hotels »Grande Bretagne« servirten Dejeuner. Die unten auf der Straße versammelten Vertreter der capresischen Bevölkerung verfehlten nicht, uns das Mahl durch kleine Scherze zu würzen. Einige Damen reiferen Alters, die in Begleitung mehrerer melancholisch dreinschauender Esel erschienen waren, priesen uns ihre Schützlinge als die besten und edelsten Esel unter der Sonne, liebe Thierchen, auf deren Rücken eine kleine Excursion die reinste Wonne sei. Die anwesenden Droschkenkutscher behaupteten dagegen, daß es miserable, traurige Esel wären, während ihre Carozzellen und die davor gespannten Pferdchen uns mit Windeseile nach jedem gewünschten Punkte befördern würden. Diese Soli wurden durch einen Chor weiblicher Wesen fundirt, die in allen Tonarten Korallen feilboten. Wir nahmen alle diese Offerten mit größerer Gemüthsruhe als sonst entgegen, da wir uns auf hohem Balcone sicher vor allzu heftiger Zudringlichkeit wähnten. Die Enttäuschung folgte alsbald. Da wir uns zu theilnahmslos verhielten, eröffneten die guten Capresinnen ein kleines Bombardement mit Korallenketten. Diese flogen auf Tische und Stühle, eine begab sich sogar in die Suppenterrine. Sofort war auch die geschickte Schützin zur Stelle mit der Behauptung, wir müßten wenigstens die im Suppentopfe verunglückte Kette kaufen. Erst als wir in aller Ruhe den Spieß umdrehten und ihr bemerkten, sie müsse die Suppe bezahlen, da diese durch das Hineinfliegen der Korallen verdorben sei, verschwand die übereifrige Handelsfrau aus dem Süden und ward nicht mehr gesehen.
Unten lockt das Meer zu erfrischendem Bade. Freundliche Badehütten, den verschiedenen Hôtels zugehörig, stehen zu diesem Zwecke bereit. Eine kleine Capresin, die das Aufschließen und die Wäsche besorgt, hockt sich als Wächterin vor den in der Hütte deponirten Schätzen am Meeresufer nieder. Zwischen zwei Schwimmtouren sonnt man sich behaglich, halb auf dem Strande, halb im Wasser liegend. Das kleine Bade-Fräulein nimmt die Gelegenheit wahr, eine Conversation zu eröffnen. Sie beginnt: »Die Franzosen sind sehr gute Leute.« Ich bin zu wenig Chauvinist, um diesem Satze zu widersprechen, habe aber auch keine Ursache, das Gegentheil zu thun. Ich schweige also. Schon weniger sicher erfolgt nun die zweite Behauptung: »Die Engländer sind auch ausgezeichnete Menschen.« Meinerseits wieder stummes Spiel. »Was ist denn der Signor für ein Landsmann?« kommt endlich die längst erwartete Frage. »Holländer,« sage ich, mir die Nationalität meines Reisegefährten auf einige Minuten ausleihend. »Die Holländer,« meint die Kleine, von ihrer Ungewißheit befreit, aber sehr schwer an dem ungewohnten Worte kauend, »sind besonders vortreffliche Leute, ebenso wie die Capresen. Nur die Neapolitaner sind schlechtes Volk. Sie stehlen Taschentücher und Uhren und sagen den Fremden, daß sie nicht nach Capri kommen sollen. Hier in Capri können Sie ein Taschentuch – dieses Nasen-Instrument dünkte ihr offenbar eine besondere Kostbarkeit – mitten auf den Weg legen und Sie bekommen es zurück.« Ich war natürlich entzückt von diesem Beweise capresischer Ehrlichkeit, hegte aber im Stillen meine Zweifel, ob solche Tugend sich ebenso bewähren möchte, wenn man statt des Taschentuches etwa einen 100 Lire-Schein verlieren würde. Nachdem die kleine Volkspsychologin genug von ihrer Wissenschaft zum Besten gegeben, wandte sie sich ihrer eigenen Persönlichkeit zu und berichtete, daß ihr deutsche Maler schon viel Geld geboten hätten, wenn sie ihnen Modell stehen wollte. Sie habe ja auch Lust dazu gehabt, aber der Papa habe es nicht erlaubt. »Und wissen Sie,« fügte sie naiv hinzu, »jetzt commandirt noch der Papa.« Nach diesem einen tröstlichen Ausblick in die Zukunft eröffnenden Worte hob sie in begreiflicher Ideenverbindung an, einige Romane aus der capresischen chronique amoureuse zu erzählen, von der Bella Margherita, die einen reichen deutschen Fabrikanten geheirathet habe, von der lustigen Santina, die jetzt mit einem berühmten Maler in Rom lebe, von der armen Luigia, die sich in's Meer gestürzt habe, weil der Engländer, den sie geliebt, Capri verließ. Es ist selbstverständlich, daß ich, theils aus Dankbarkeit für so interessante Unterhaltung, theils aus Rücksicht auf mein holländisches Adoptiv-Vaterland, das Trinkgeld besonders reichlich bemaß. So schieden beide Theile befriedigt von einander: Ich mit dem Eindrucke, daß die Capresinnen ebenso schwatzhaft sind, wie die Damen bei – uns zu Hause; die kleine Plaudertasche mit der bestärkten Ansicht, daß die Holländer wirklich »ganz ausgezeichnete Leute« sind.
Der Weg von der großen Marina zur Stadt Capri führte über einen schön angelegten, sanft ansteigenden Fahrweg zwischen hellen Villen und üppigen Gärten empor, überall findet man deutsche Firmen und Inschriften. Auch lebende Beweise von dem Einflusse des Deutschthums fehlen nicht. Unter der lustig lärmenden Kinderschaar, die gerade die Schule der französischen Mönche verläßt, tummeln sich zahlreiche Blondköpfe. Man nennt die so aus der Art Geschlagenen bezeichnender Weise »Deutschenkinder«. Die in Wort und Bild oft gepriesene Anmuth des capresischen Menschenschlages ist übrigens zum Glück keine Legende. Während man sonst im Süden gar oft nach den traditionellen »schönen Italienerinnen« suchen muß, ohne sie zu finden, sieht man hier bildhübsche Mädchen, deren frische Lieblichkeit es begreiflich erscheinen läßt, daß so mancher Fremdling hier sein Herz verloren hat.
Nicht nur an der heranwachsenden Bevölkerung, auch an dem Städtchen Capri selbst kann man germanische Einwirkung verfolgen. Es ist da so sauber, so still, so gemüthlich, kurz so ganz anders, wie sonst in italienischen Orten, daß man sich in einem deutschen Gebirgsneste wähnen könnte, wären nicht zur Rechten und zur Linken die weiten Fernsichten in die schimmernde See, die in einer Farbengluth erstrahlt, wie sie nur südlichen Meeren zu eigen ist. Der beliebteste Ausflug geht nach der »Villa des Tiberius«, den Trümmern des alten Kaiserpalastes, welcher einst das Ostkap der Insel, Sorrent gegenüber, krönte. Der Weg dahin ist steil, langgedehnt und sonnig. Wir unterliegen also den wiederholten Offerten einer ihre Esel anpreisenden Vermietherin, und auf dem Rücken dieser in Deutschland so verrufenen, in Italien so beliebten Thiere geht es munter durch die engen Straßen und Thorbögen der Stadt. Wir stören allerlei häusliche Verrichtungen, die sich auf der Gasse abspielen, denn das Reitthier nimmt gerade die ganze Breite des Verkehrsweges ein. Aber alle diese Leute weichen höflich aus und grüßen freundlich dazu. Bald liegt das Städtchen hinter uns, und der Weg zieht sich zwischen Landhäusern und Vignen in die Höhe. Die meinen Esel begleitende Matrone führt einen Stecken in der Hand, und wenn Grauchen auf den landesüblichen Antreibungslaut »Aaah!« nicht genügend reagirt, so bekommt er den Stock zu fühlen. Im Allgemeinen aber trottet er mit seiner gewichtigen Last munter vorwärts, die kleinen, elastischen Beinchen fest zwischen Geröll und Treppenstufen aufsetzend. Nur wenn am Wege Orangenschalen liegen, bleibt er einen Moment stehen und frißt sie. Orangenschalen sind nun einmal seine Leibspeise.
Nach dieser einleitenden Bemerkung über die verfeinerte Geschmacksrichtung des Eseleins gedenkt die Führerin keineswegs, die so nett begonnene Unterhaltung wieder einschlafen zu lassen. Da es stets erfreulich ist, ein Stückchen Geschichte in volksthümlicher Beleuchtung zu genießen, so gestatte ich mir die Frage, wer denn eigentlich der Signor Tiberio gewesen sei, nach dessen Villa wir uns begeben. Ein mißtrauischer Blick der Alten sänftigt sich, als sie mein wißbegieriges Antlitz sieht, und sie beginnt ihre Vorlesung. Don Timberio (so verstümmelt der capresische Dialekt den Namen des Cäsaren) war kein einfacher Signor, sondern ein reicher König von Neapel. Als er alt wurde, kriegte er das Regieren satt – denn die Neapolitaner sind ein häßliches, schlimmes Volk – und kam hierher, weil er so viel gehört hatte von der Nettigkeit und Höflichkeit der Capresen. Er erbaute sich auf der Felsenspitze ein Schloß, ganz aus Marmor und Mosaik. Bald begann er sich aber trotz der herrlichen Aussicht zu langweilen und wurde so grausam, daß er sich zahllose Sklaven kaufte, um sie zu Tode zu martern. Der Herr Pfarrer warnte ihn oft genug vor diesem sündigen Treiben, aber wer nicht hören will, muß fühlen. Der Teufel wartete nur, bis Don Timberio mal einen Ausflug auf's Festland machte – denn nach Capri wagt sich der Teufel nicht – und flugs war er in Timberios Schlafzimmer und erstickte den alten Herrn mit seinem Kopfkissen. Unter so lehrreichen Erzählungen waren wir zu einer freundlichen Osteria gelangt, die den Eingang bildet zum »Salto di Tiberio«, der Localität, wo Tiberius seine Schandthaten mit Vorliebe ausübte. Wenigstens behauptet die französische Inschrift, daß hier der Ort sei, »wo man eine schöne Aussicht genießt und Tiberius seine Verurtheilten in's Meer stürzen ließ.« Da gerade keine Sklaven zur Hand waren, so machte die führende Wirthin das Experiment mit einem großen Steine, den sie über die Brüstung hinabwarf. Es dauerte eine unheimliche Weile, bis man das Aufklatschen des Steines im Meere hörte. Die armen Gemarterten hatten also während des Hinabfallens noch genügende Zeit, die »schöne Aussicht« zu genießen.