Die trüben Eindrücke zu verwischen, schlug die Wirthin vor, wir sollten uns von zwei »zufällig« anwesenden jungen Mädchen die Tarantella vortanzen lassen. Da die beiden »jungen Mädchen« jedoch in zu ehrwürdigem Alter standen, als daß wir ihnen die Anstrengungen eines so lebhaften Tanzes zumuthen wollten, so verzichteten wir mit Enthusiasmus.

Dann ging es bis zur eigentlichen Villa empor, von der nur noch traurige Reste stehen. Ein Theil der Unterbauten ist zu Ställen und Schuppen eingerichtet. Das Uebrige ist verschwunden oder zerfallen. Nur hier und da sieht man noch Theile eines kostbaren Mosaikfußbodens. Was aber der berüchtigte »Zahn der Zeit« nicht zerstören konnte, das ist der überwältigende Fernblick auf die Golfe von Neapel und Salerno, den man von der Terrasse genießt. Hier auf der Stätte, wo Tiberius einst seinen heidnischen Unfug trieb, steht gleichsam zur Sühne eine einfache, lichte Kapelle. Ein Eremit haust dabei und sorgt für den kirchlichen Dienst. Für gewöhnlich stellt man sich einen Eremiten als einen verwitterten, wildbärtigen Mann in geflickter, schäbiger Mönchskutte vor. Dieser hier ist aber ein Gentleman-Eremit mit sauber rasirtem Antlitz, und tadelloser, eleganter Soutane. Im Uebrigen läßt er sich den Wein, den er credenzt, ganz nett bezahlen, und auch für das Einschreiben in das Fremdenbuch erhebt er eine kleine Taxe. Die Eremitage hier oben ist also gar kein übles Geschäft.

Beim Salto di Tiberio besteigen wir wieder die harrenden Esel, deren Aufgabe, uns über die abschüssigen Treppenstufen hinabzutragen, noch schwieriger ist, als der Anstieg. Aber die braven Thiere liefern uns wohlbehalten am Hôtel Tiberio zum Souper ab, wo wir die ziemlich primitiven culinarischen Genüsse mit einem Dutzend zierlicher Katzen theilen, deren Bettelhaftigkeit bisweilen einen etwas zudringlichen Charakter annimmt. Wir verzeihen ihnen gern die schlechte Erziehung in der Hoffnung, einigen directen Nachkommen oder wenigstens nahen Blutsverwandten des Scheffel'schen »Hiddigeigei« eine Gefälligkeit erwiesen zu haben. »Hiddigeigei« selbst genießt auf der Insel verdienten Nachruhm. Das Hauptrestaurant neben dem Hôtel Pagano nennt sich stolz nach dem philosophischen Kater »Café Hiddigeigei«. Weibliche Hände credenzen hier Löwenbräu, das bedeutend zu warm, dafür aber entsprechend theurer ist. Das hindert uns natürlich nicht, dem Andenken Tiberii einen kräftigen Verachtungsfetzen und den Manen Scheffels einen ausgiebigen Hochachtungsschluck darzubringen.

Am nächsten Morgen besuchen wir Anacapri, die zweite Stadt auf Capri, die nicht ganz so schön gelegen und fremdenreich ist, wie die »besser situirte« Schwester. Eine neue, kunstvoll in den Felsen gehauene Fahrstraße, die überraschende Ausblicke bietet, verbindet Capri mit Anacapri. Eine Bootsexcursion führt uns nach der »grünen Grotte«, die nicht gleich berühmt, aber mindestens ebenso schön ist, wie die blaue, und nach der »grotta del matrimonio«, dem Orte, wo Tiberius jene Bäder genommen haben soll, von denen Suetonius so Erbauliches zu berichten weiß. Als wir zur großen Marina wiederkehren, liegt schon der Dampfer bereit, der uns aus dieser köstlichen Idylle, zu der sich Fels, Meer und Himmel in höchster Schönheit vereinigen, entführen soll nach dem staubigen, lärmvollen Neapel.


Ein Ausflug nach Tunis.

I. Von Neapel bis Tunis.

Im Bureau Florio-Rubattino. – Neapolitanische Barkenführer bei Nacht. – Der Herr aus Mailand im Damensalon. – Addio, Napoli! – Die »Afrika« und ihr Kapitän. – Wie man in Cagliari Feste feiert. – Der Witzbold von Cagliari und der »nervöse Herr«. – Die weißen Handschuhe des Stewart. – Afrika in Sicht. – Ankunftsscherze.

Nach Rom führen bekanntlich alle Wege, von Rom nach Tunis aber nur zwei. Und diese beiden Wasserstraßen sind Monopol der großen italienischen Schifffahrtsgesellschaft Florio-Rubattino. Ihr muß man sich anvertrauen, ob man über Cagliari oder über Palermo der tunesischen Küste zustrebt. Das erweckt dem, der die italienischen Beförderungsmittel und ihre zweifelhafte Sauberkeit kennen gelernt hat, zunächst keine angenehmen Empfindungen. Und die ersten Schritte, die man thut, um sich für die Ueberfahrt einen Platz zu sichern, sind keineswegs geeignet, diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die Bureaubeamten der Gesellschaft Florio-Rubattino ähneln an Schwerfälligkeit und begrenztem Auskunftsvermögen ihren Collegen von der Eisenbahn. Auf der Agentur in Rom befindet sich zwar ein Schalter mit der schönen Aufschrift »Informationen«, und dahinter sitzt ein sorgfältig frisirter junger Mann. Aber da er bei meinem Besuche gerade die »Riforma« las und sein Nachbar den »Don Chisciotte«, so konnte es nicht ausbleiben, daß erst ein längerer Meinungsaustausch in politischen Dingen, ein Rede-Duell »hie Cavallotti, hie Crispi«, stattfinden mußte, ehe der Mann der Informationen für das Publicum Zeit hatte. Dann wußte er nicht, wann der Dampfer für Cagliari aus Neapel abging, auch nicht, ob überhaupt ein Fahrplan der verschiedenen Linien existirte oder wieviel die Ueberfahrt kosten würde, sondern er wußte nur, daß man diese nützlichen Dinge »vielleicht« auf der Direction wissen würde. Ein um 11 Uhr nach dieser Centralstelle angetretener Gang bereicherte zunächst die allgemeinen Erfahrungen dahin, daß die directorialen Localitäten nur von 2 bis 6 Uhr geöffnet sind, offenbar um eine Ueberarbeitung der Betheiligten zu vermeiden. Der vierstündige Normal-Arbeitstag – welch' ein Ziel auf's Innigste zu wünschen – hier ist er eingeführt. Von 2–6 Uhr aber war man wirklich vorhanden. Nur war Genaues auch hier nicht zu hören. Dagegen kam ein riesiger Fahrplan zum Vorschein, groß genug, um eine Zimmerwand zu tapeziren. Leider verlor das kostbare Schriftstück einigermaßen an Werth durch die bei der Uebergabe ausgesprochene Bemerkung, man möge sich auf diesen Fahrplan nicht verlassen, denn Aenderungen seien sehr häufig. Endlich an der dritten Stelle, in Neapel, erlangt man nach einiger Mühe und unterschiedlichen Formalitäten Auskunft und Billet. Ein neuer Scherz steht erst bei der Bezahlung bevor. Der Beamte verweigert die Annahme italienischen Papiergeldes. Er verlangt Gold! Also eine italienische Gesellschaft, die von der Regierung mit jährlich 10 Millionen Lire subventionirt wird, schlägt die einzig gangbare italienische Münze aus und verlangt Gold, trotzdem man Jahre in Italien leben kann, ohne jemals ein italienisches Goldstück zu sehen. Französisches Gold, das bereitwilligst acceptirt wird, beseitigt auch diese Schwierigkeit, und endlich hat man die Bescheinigung in Händen, daß sich die Gesellschaft Florio-Rubattino verpflichtet, den Passagier bis nach Tunis zu befördern und zu beköstigen. In aller Eile leistet sich der Herr hinter dem Schalter noch die unwahre Mittheilung, daß die Gesellschaft für Ein- und Ausbarkirung der Passagiere und Bagagen Sorge trägt. Es fällt der Gesellschaft natürlich gar nicht ein, den Reisenden dieses mühevolle und kostspielige Geschäft abzunehmen.