Der nach Cagliari bestimmte Dampfer »Afrika« liegt im Hafen in respectvoller Entfernung vom Quai. Die Abfahrt erfolgt um Mitternacht. Irgend ein Grund zur Wahl dieser höchst unbequemen Stunde liegt selbstverständlich nicht vor, es sei denn der, daß man der Unverschämtheit der neapolitanischen Barkenführer gestatten will, sich in ihrer ganzen Glorie zu zeigen. Wie eine Horde Wilder stürzt das Gesindel dem nächtlichen Ankömmling entgegen. Es dauert eine Weile, ehe man sich auf einen einigermaßen entsprechenden Preis einigen kann. Kaum ist man auf halber Fahrt zwischen Quai und Schiff, als die Bootsleute unter Androhung der Umkehr das Dreifache des Ausbedungenen fordern. Auf geraden Wegen kommt man mit dieser Gesellschaft nicht vorwärts. Ich verspreche also Alles, was Jene wollen, werde dafür mit »Excellenza« angeredet und mit rührender Vorsorge sammt Gepäck an Bord befördert. Dort erweist sich die »Excellenza« für die plötzliche Standeserhöhung wenig dankbar, denn sie zahlt zur Strafe für begangenen Treubruch nur den ursprünglichen Tarif und nicht einen Soldo des mit Recht so beliebten Trinkgeldes. Darauf retirire ich schleunigst in die Kajüte. Hier ist man sicher, denn jetzt ist man die Beute des Stewarts, und der läßt andere Trinkgeldheischende nicht in seinen Bereich. Nach einem Wuthgeheul ziehen die neapolitanischen Hafenpiraten ab, und das Deck ist zu einer Orientirungspromenade frei. Groß ist die Passagierliste der »Afrika« nicht. Außer mir befindet sich nur noch ein deutsches Ehepaar an Bord, das ebenfalls nach Tunis will, und ein mailändischer Handlungsreisender, der mit der eigenthümlichen Rührigkeit dieser Gesellschaftsklasse bereits Mittel und Wege gefunden hat, sich den – Damensalon reserviren zu lassen.
Zauberisch schön ist der Blick vom Verdeck auf das nächtliche Neapel. Gedämpft klingt das nervenerschütternde Geräusch der lärmvollsten Großstadt herüber, in der, wie im Pariser Café Jacques Offenbachs, erst um Mitternacht das Leben beginnt. Feurigen Schlangen gleich, bergauf und bergab, durchziehen die langen Reihen der elektrischen und Gaslaternen die sich zu Bergeshöhe emporstreckende Stadt, in einige lichte Vorposten auslaufend am weit vorspringenden Posilipp. Schweigend und düster, ohne äußere Zeichen des im Innern wüthenden Feuers, überragt der Vesuv das wundervolle Nachtbild. Da schießen Raketen auf am Mercato, und bunte Feuersäulen antworten aus den höheren Theilen der Stadt, vom Capodimonte und vom Vomero. Man vergnügt sich in Neapel, wie fast allnächtlich, mit Feuerwerk. Während es drüben knattert und blitzt, während Leuchtkugeln und Schwärmer prasselnd zum Himmel fahren, setzt sich die »Afrika« langsam in Bewegung. Und bald versinkt Neapel mit seinem Lichterglanz und seinem fröhlichen Lärmen in's schweigende Meer, auf das der Mond seine zitternden Streifen breitet. Addio, bella Napoli! Es ist Zeit, die Cabine aufzusuchen.
Am andern Morgen ist die Toilette mit ungewohnten Schwierigkeiten verknüpft. Auf den Fußboden ist kein Verlaß, und das Waschbecken vollführt mit den Gläsern einen Contre-Tanz. Draußen bläst eine tüchtige Mütze voll Wind, und die »Afrika«, ein ziemlich kleines Schiff, läßt sich von den aufgeregten Wellen tüchtig werfen. Aus den übrigen Cabinen dringen seltsam stöhnende Laute, ein Beweis, daß man dort bereits an Neptun Tribut zahlt. Als die Schiffsglocke melodisch zum Frühstück ruft, versammelt sich der Herr Kapitän ganz allein am schwankenden Tische und läßt es sich stillvergnügt schmecken. Erst gegen Abend sieht der grimme Meergott, klüger, als mancher Finanzminister ein, daß Mägen, die immerfort hergeben sollen, auch Etwas einnehmen müssen, und zum Diner wird der liebenswürdige Lenker des Schiffes von der gesammten Vierzahl seiner Kajüten-Passagiere umgeben. Mit lebhafter Unterhaltung würzt er das Mahl. Zunächst betont er, daß er sich nur ausnahmsweise auf dem »Mittelländischen« bewege. Seine gewöhnliche Tour sei die transatlantische nach Buenos-Ayres und Rio de Janeiro. Nachdem wir hiervon mit gebührendem Respect Notiz genommen, entschuldigte er sich, daß er uns nicht in Neapel auf Deck begrüßt habe. Aber er könne Neapel nicht ausstehen und bleibe stets so lange in seiner Kajüte, als das Schiff im dortigen Hafen ankere. Ihm, dem Genuesen, sind die Neapolitaner die verhaßteste, greulichste »Rasse«. Er erklärte die Einwohner der bella Napoli kurzweg für die ärgsten Briganten der civilisirten Welt. Und wir können diesem landsmännischen Urtheile trotz seiner Schroffheit nicht ganz Unrecht geben. Jedenfalls ist das Gespräch ein Beweis für die Tiefe der Kluft, die sich in Italien zwischen Nord und Süd öffnet.
Das Diner an Bord ist im Uebrigen ausgezeichnet. Zum Schluß giebt es einen Marsala, der das Entzücken der Kenner erregt. Er stammt aus den Kellern Florio's, des sicilianischen Mitbegründers der Gesellschaft, der nicht nur Schiffsrheder, sondern auch Weinhändler ist. Eine seiner besten Marken wird auf den Schiffen gewissermaßen als Reclame-Weine credenzt. Es ist überhaupt an der Zeit, der Compagnie Florio-Rubattino eine Ehrenerklärung zu machen. Ihre Comptoirs am Lande mögen nicht tadellos eingerichtet sein, ihre Schiffe aber lassen Nichts zu wünschen übrig. Tadellose Sauberkeit, aufmerksame Bedienung, zweckmäßig eingerichtete Cabinen und brillante Verpflegung machen den Aufenthalt auf den Florio-Rubattino-Dampfern zu einem durchaus angenehmen.
Am Morgen des nächsten Tages kommt die Südküste Sardiniens und Cagliari, die Hauptstadt der Insel, in Sicht. Die Stadt ist malerisch auf schroff aus dem Golf emporstrebendem Hügel gelagert, zu dessen Füßen sich weite, öde Ebenen ziehen, die Salzsümpfe Cagliaris. Die Stadt ist sauber und nett. Abgesehen von einigen Bauten aus der Pisaner-Zeit giebt es eine hübsche, dem Fels abgerungene Terrassen-Promenade mit schöner Aussicht auf das Meer und die gelblich schimmernden Salzläger. Um so interessanter ist unser Spaziergang, zu dem ich mich den deutschen Reisegefährten angeschlossen habe, für die Einheimischen. Fremde scheinen hier noch ein seltener Artikel zu sein, denn halb Cagliari ist uns auf den Fersen, um die Inglesi zu bewundern. Als wir die Cagliaresen dahin aufklären, daß wir keine Engländer, sondern Deutsche seien, giebt es ein ungeheueres Staunen, daß diese klugen Prussiani ein verständliches Italienisch reden. Der Enthusiasmus hierüber setzt sich in eine feierliche Einladung um, ein abendliches Wohlthätigkeitsfest mit unserer Gegenwart zu verschönen. Trotzdem uns der Hauptgewinn der Tombola, ein sardisches Nationalcostüm und eine Büchse Sardinen so gut wie sicher versprochen wird, müssen wir doch mit schmerzlichem Bedauern ablehnen. Die »Asia«, ein anderer größerer Florio-Dampfer, der uns nach Tunis bringen soll, ruft die Säumigen mit greller Stimme an Bord.
Hier giebt es noch Manches zu beobachten, ehe die Schraube des Dampfers sich zu drehen beginnt. Zum Hafen steigt eine große Procession, unter Entfaltung vielen Pompes, hernieder. Musik, Pistolenschüsse, Feuerwerk, kurz Alles, was zu einem richtigen italienischen Rummel gehört, läßt sich vernehmen. Man feiert das Fest des heiligen Antonius von Padua. Wir schreiben den 16. Juni, und das Fest des Heiligen ist am 13. Auf meine bezügliche Frage kommt eine reizende Aufklärung. Cagliari zerfällt nämlich in vier Bezirke. Jeder Bezirk feiert seinen Festtag für sich, während jeweilig die drei anderen daran Theil nehmen. Auf diese höchst ingeniöse Art vervierfachen sich die Feiertage in Cagliari.
Unter den neu eingetroffenen Passagieren befindet sich ein behäbiger, junger Mann, der von einer ganzen Cohorte Abschied nehmender Freunde begleitet ist. Er macht furchtbaren Lärm, redet die Gepäckträger »meine Herren Cavaliere« an, drückt ihnen, als sie ihren Lohn heischen, gerührt die ausgestreckten Hände, wirft sich zur Begrüßung vor dem Kapitän auf den Bauch und läßt beim Abschied von den Gefährten klatschende Knallerbsen anstatt der Thränen auf das Verdeck fallen. Die Corona der cagliaresischen jeunesse dorée heult bei jedem dieser Impromptus vor Vergnügen. Kein Zweifel, wir haben einen der gefürchtetsten Witzbolde Cagliari's an Bord. Weniger vergnügt ist ein anderer Jüngling, der die Mütze tief in die Stirne gezogen hat und mit nervöser Hast, fortwährend sich erkundigend, ob man noch nicht abfährt, auf dem Verdeck herumläuft. Gerade als das Signal zur Reise gegeben wird, erfolgt unmittelbar Contreordre; denn vom Lande stößt ein Boot ab, das zwei lebhaft winkende Carabinieri enthält. Bei ihrem Anblick ist der nervöse junge Mann plötzlich verschwunden. Die Beamten der öffentlichen Ordnung klettern an Bord und schicken sich an, das Schiff zu durchsuchen, da man glaubt, daß ein seit Monaten aus dem Gefängniß ausgebrochener Gauner sich auf dem Dampfer befinde. Sehr schlau fangen die Herren Carabinieri ihre Nachforschung nicht an. Sie steigen in die verschiedenen Kajüten hinab und lassen die zahllosen Schlupfwinkel, die solch ein großer Dampfer bietet, undurchforscht. Ohne Resultat kehren die Carabinieri in ihr Boot zurück, und die »Asia« beginnt endlich ihre Fahrt gen Süden.
Unten in seiner Cabine liegt der nervöse Herr, läßt sich Eisumschläge machen und hat das »sardinische Fieber«. Auch zu Tische erscheint er nicht, dafür setzt sich der Witzbold, geladen mit angenehm zur Tafel passenden Scherzen, neben den Kapitän. Aber der erwartete Beifall bleibt vollständig aus. Ist es nun diese schmerzliche Enttäuschung oder der Umstand, daß die »Asia« die hohe See erreicht hat und in weichem Rhythmus sich zu heben und zu senken beginnt – plötzlich wird der Witzbold bleich, murmelt ein paar Worte, stürzt nach seiner Koje und wird nicht mehr gesehen.
Die vorhin gerühmten Vorzüge der »Afrika« finden sich in verstärktem Maße auf der »Asia« wieder. Letztere, ein Steamer, der bisher die Route Genua-Bombay befuhr, ist ein mächtiges Schiff mit eleganter Einrichtung und elektrischer Beleuchtung. Der Kapitän, ebenfalls Genuese, ein schmales, feines Männchen, gebietet über einen unversiegbaren Redestrom, dem es ganz gleich ist, ob er sich über die Klippen der Politik, der Philosophie oder des Klatsches ergießt. Küche und Keller sind wiederum vorzüglich, und der Stewart bedient bei Tische sogar in weißen Handschuhen. Dieser Luxus wirkt um so beruhigender, als der Ganymed die entschiedene Neigung hat, beim Serviren den Daumen in die Suppe zu stecken. Dem Stewart sei diese angenehme Manier nicht abzugewöhnen, versichert der Kapitän, und deshalb habe er einen täglichen Wechsel der Handschuhe angeordnet. Man könnte sonst im Consommé am Ende die Spargelsuppe von gestern schmecken. Der Kapitän ist ein Gourmet. Jedenfalls nimmt er hier seinen Ausgangspunkt zu einem halbstündigen Speech über die Macht der Gewohnheit. Dazu schaukeln von der Salondecke herab einige Orchideenkästen, leise den weichen Bewegungen des Schiffes folgend. Kein Wunder, daß sich bald allgemeine Müdigkeit einstellt und die Cabinen frühzeitig aufgesucht werden. Der Kapitän stopft sich ein frisches Pfeifchen und steigt, über eine Gesellschaft kopfschüttelnd, die seine Unterhaltung genießt und dennoch müde werden kann, langsam zum Deck empor.
Am andern Morgen frühzeitig kommt die afrikanische Küste in Sicht. Zuerst erscheint ein kahles Inselchen mit einem kleinen Leuchtthurm, dann, als man in den Golf von Tunis einläuft, das Vorgebirge von Karthago mit den weißschimmernden Häusern des Dorfes Sidi bou Saïd, und bald darauf zeigen sich die schlanken Thürme der Kathedrale, die auf den Trümmern Karthagos errichtet ist. Man nähert sich La Goulette, der früheren Hafenstadt von Tunis, und plötzlich weicht der frische Seewind dem glühenden Hauche, der vom Lande herüberweht. Das ist der heiße Athem Afrikas, der Scirocco.