Während früher die Dampfer in La Goulette anlegten und die Passagiere mit einer kleinen Bahn, die sich im Besitz von Florio-Rubattino befindet, nach Tunis befördert wurden, haben die Franzosen seit zwei Jahren einen Kanal eröffnet, der in Länge von einer Stunde die Lagune von Tunis, den See El Bahira durchschneidet. Für die Reisenden ist dadurch eine große Bequemlichkeit geschaffen, denn sie fahren jetzt unmittelbar bis an den Quai von Tunis. Den Schaden hat La Goulette und vor allen Dingen die italienische Eisenbahn.

Bevor wir im Kanal einlaufen, nehmen wir den Lootsen an Bord, der in einem mit vier Negern bemannten Boote herankommt. Gleichzeitig betreten die Postbeamten, nacktfüßige Araber in malerischen Gewändern, mit ihnen schwarze Gepäckträger und zudringliche Hôtelführer das Schiff. Man hat jetzt den vollen Blick auf das grellweiße Häusermeer von Tunis, das sich vom Strande bis zu einer Hügelkette, von welcher die Stadt im Süden umschlossen wird, emporzieht. Die »Asia« legt an, eine Treppe stellt die Communication mit dem festen Lande her, arabische und schwarze Träger ergreifen die Bagage und schleppen sie zur Douane, die höflich und ohne große Peinlichkeit geübt wird. Am bequemsten ist es, sich dann einem Hôtel anzuvertrauen, dessen Beamter das Nöthige besorgt. Meine deutschen Reisegefährten wollen Privatlogis aufsuchen, und im Nu haben sich sämmtliche anwesende Droschkenkutscher der verschiedenen Gepäckstücke bemächtigt und führen einen erbitterten Faustkampf um die Beute. Rathlos steht das Ehepaar mitten in dem tollen Gewühl, das sich zu einer allgemeinen Hauerei entwickelt, an der alle am Hafen Anwesenden vergnügt theilnehmen. Ich sehe nur noch, wie der Handkoffer von Madame als Wurfgeschoß benutzt wird und einem stämmigen Neger an den Kopf fliegt, wobei jedenfalls der Handkoffer mehr Schaden nimmt als der wollige Dickschädel. Dann führt mich der Omnibus zu den gastlichen Pforten des Grand-Hôtel.


II.
Stadt und Bevölkerung.

Culturbild auf der Trambahn. – Markthallen und Bazare. – Palast des Bey. – Der Herr Oberst nimmt Bakschisch. – Tunesisch-französische Sittlichkeit. – Sadok Bey und seine Getreuen. – Die »Ritter vom Zähringer Löwen«.

Der dem Hafen und der Lagune El Bahira zunächst gelegene Theil von Tunis macht durchaus den Eindruck einer mittleren, französischen Provinzstadt. Unmittelbar neben der Hafendouane klingelt dem Ankömmling die Pferdebahn entgegen, und wenige Schritte weiter steht ein Grand Café de Paris. Ein breiter, baumbepflanzter Boulevard führt geradlinig bis nach dem Mittelpunkt des europäischen Verkehrs, der Avenue de France. Elegante Läden mit Pariser Novitäten, zahllose Cafés und Restaurants nehmen diese Straße ein. Man würde sich in Europa wähnen, wenn sich nicht hie und da über einer Hofmauer der schlanke Hals eines Kameels erhöbe oder auf flüchtigem Roß ein Araber mit nachflatterndem weißen Burnus über den Weg dahingaloppirte. Ein frappantes Beispiel, wie in Tunis Orient und Occident einander berühren, bieten die vorbeirollenden Sommerwagen des Tramway. Die Conducteure sind meist Malteser, die Kutscher pechrabenschwarze Neger. Im Passagierraum sitzt neben dem tadellos gekleideten französischen Beamten ein schmutzig brauner Berber, neben der eleganten Modedame, deren riesige Ballonärmel sich im Winde blähen, die breithüftige Jüdin in ihren engen, um das Knie zusammengeschnürten Hosen, die zuckerhutförmige, spitze Behauptung auf dem Kopfe. Ein junger Lieutenant der Chasseurs d'Afrique klemmt das Monocle ein und fixirt ein Araberweib, aus deren schwarzer, das Antlitz dicht verhüllender Gesichtsmaske die dunklen Augen lebhaft hervorleuchten. Ein ganzes Culturbild – solch' ein tunesischer Pferdebahnwagen.

Im modernen Theile der Stadt liegen die Bahnhöfe: der italienische für La Goulette, La Marsa (Residenz des Beys) und Carthago; der französische für Hammann el Lîf, Biserta und Algier. In der Rue d'Allemagne erhebt sich ein prachtvolles, sehr zweckmäßig eingerichtetes neues Postgebäude und nicht weit davon das umfängliche Viereck der Markthallen. Diese, wie alle europäischen Markthallen, sind im Grunde nichts Anderes, als eine solidere Nachahmung der türkischen Bazare, Sûks genannt, in denen sich die Läden an überwölbten Wegen zusammendrängen. Das Leben und Treiben in diesen vornehmlich der europäischen Colonie dienenden Räumen ist besonders zur Vormittagszeit eigenartig. Zunächst fällt dem Beschauer auf, daß alle Verkaufsstände von Männern eingenommen werden. In Tunis giebt es also keine Hökerweiber, sondern nur Hökermänner. Die Geschwätzigkeit scheint aber nicht am Geschlecht, sondern am Gewerbe zu hängen, denn die Verkäufer vom männlichen Stamme reden mindestens eben so viel, wie ihre deutschen Colleginnen. In der Mitte des weiten Hofes erhebt sich der im maurischen Stil kokettirende Fisch-Pavillon. Dort herrscht der meiste Lärm – wiederum tout comme chez nous. Im Hofe lagern nachlässig dahingestreckt schmutzige Kameele, und in dichten Reihen drängen sich mißmuthige Esel aneinander, die riesigen Marktkörbe auf dem Rücken. Zwischen der Thierwelt hocken Araber und Juden, zanken, feilschen und gerathen sich einander in die Haare. Der französische Polizist, correct und scheinbar waffenlos – er trägt einen Revolver unter dem Rocke – mischt sich nur ein, wenn der freundschaftliche Streit in allzu grobe Thätlichkeiten ausartet. Durch all diesen Wirrwarr schreiten mit der Ruhe der Gewohnheit die Damen der europäischen Colonie und machen ihre Einkäufe. Jede hat einen braunen, barfüßigen Berberjungen hinter sich, in dessen seltsam geformten, runden Tragekorb die Waaren gelegt werden. Die kleinen Kerle, die sich bescheiden an den Thoren der Markthalle mit den Worten »Madame, moi porter«, anbieten, tragen eine sackartige Kapuze über Kopf und Rücken. Ueber diese Kapuze ziehen sie die Schnur des Korbes um die Stirn und schleppen so mit dem Kopfe oft ganz beträchtliche Lasten. Kostspielig sind diese kleinen, hübschen und stets vergnügten Dienstmänner nicht; denn sie geben sich mit ein paar Sous zufrieden, die dann das Capital bilden für ein am Nachmittag mit einigen Collegen zu entrirendes kleines Jeu. Sie spielen mit sehr schmutzigen Karten und ungeheurem Eifer ein Hazardspiel, das mit Poker eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint.

Der europäische Theil der Stadt reicht bis zur Porte de France, die architektonisch sehr wirksam die Avenue de France abschließt. Dies war früher die streng verschlossene Hauptpforte von Tunis, und ihre jetzt Tag und Nacht weit offen stehenden Thürflügel, über denen die stolze Chiffre R. F. (République Française) prangt, bezeichnen den Weg, durch den die abendländische Cultur ihren Einzug gehalten hat. Von der kleinen Place de la Bourse, die sich hinter dem Thore rundet, streben fächerförmig vier Straßen nach den verschiedenen Quartieren, in denen sich die Hauptstämme der Bevölkerung, die Araber und Mauren, die Malteser und Juden, zusammengeschlossen haben. Die wichtigste dieser Verkehrsadern, die schmale Rue de la Kasbah, führt in unablässigem Zickzack durch das Herz des arabischen Quartiers nach der Kasbah, der Citadelle von Tunis. Ein Gang durch diese Gasse versetzt den Spaziergänger sofort in die bunte Welt des Orients. In malerische, weite weiße Gewänder gehüllt, den Turban oder den Fez auf dem Haupte, sitzen würdevolle Araber mit gekreuzten Beinen in ihren winzigen Lädchen und Werkstätten und harren geduldig eines Käufers. Behutsam watscheln voluminöse Jüdinnen vorbei, deren gassenfüllender Corpulenz schwer auszuweichen ist, und, stummen Schatten gleich, huschen vermummte Araberfrauen scheu die Mauer entlang. Rechts und links öffnen sich Ausblicke in die dem Fremden untersagten Thorbögen einer Moschee oder in majolicagepflasterte Höfe, in denen sich buntgekleidete, lustige Kinder tummeln. Das Alles giebt ein Bild, das, so oft es auch geschildert worden ist, seinen ganzen, geheimnißvollen Reiz erst ausübt, wenn man es selbst erschaut. Was gerade dem aus Italien kommenden Fremdling sehr angenehm auffällt, das ist die Ruhe auf der Straße, das zurückhaltende Benehmen der Bevölkerung, die Sauberkeit der Häuser. Kein überflüssiges Geschrei der Verkäufer, keine kindisch belästigende Neugier und alberne Zudringlichkeit, keine ekelerregenden Schmutzhöhlen. Man sagte mir einmal als Entschuldigung für das widerwärtige Treiben, das in den schmutz- und lärmerfüllten Straßen Neapels herrscht, Neapel wäre schon mehr eine afrikanische, als eine europäische Stadt. Man hat mit diesem leichtsinnigen Ausspruche Afrika schweres Unrecht gethan. Das unsauberste und übelriechendste Quartier von Tunis ist denn auch richtig das der Malteser und Italiener.

Nur in den tunesischen Bazars oder Sûks gebrauche man dieselbe Vorsicht, die in den Läden Neapels und Venedigs angebracht ist. In den engen Abtheilen dieser an bedeckten Straßengängen sich entlang ziehenden Verkaufshallen liegen wahrhafte Schätze an Schmucksachen, kostbaren Essenzen, prachtvollen Teppichen und Seidenstoffen verborgen. Aber schon der Einkauf einer Kleinigkeit gehört zu den zeitraubendsten und unangenehmsten Aufgaben. Die meisten Händler sprechen und verstehen nicht Französisch. Man ist also auf einen Dolmetsch oder Führer angewiesen und diesen Herrschaften, die mit den Kaufleuten unter einer Decke stecken, ist erst recht nicht zu trauen. Die wenigen, fremde Sprachen beherrschenden Verkäufer wollen aus diesem Vorzuge besonderes Capital schlagen und verlangen enorme Preise. Wer unbedingte Sachkenntniß besitzt – es wimmelt von allerlei gefälschten Kostbarkeiten! – wer die Geduld hat, drei- bis viermal den Laden zu verlassen und sich eben so oft wieder zurückholen zu lassen, wer so zäh ist, daß er ungefähr den fünften Theil des ursprünglich Verlangten bietet und an diesem Standpunkte stundenlang annähernd festhält, der wird vielleicht in den Sûks kaufen können, ohne allzu arg übervortheilt zu werden. Wer aber diese Sachkenntniß nicht besitzt oder aber ungeduldigen Temperamentes ist, der verzichtet besser auf die zweifelhaften Freuden eines Einkaufes.

Verläßt man die Bazare und wandelt bis an's Ende der Rue de la Kasbah, so erreicht man einen baumgeschmückten Platz, der von der alten Citadelle, der jetzigen Kaserne des französischen Zuaven-Regiments, dominirt wird. Zu ihr im rechten Winkel steht das Schloß des Beys, das jedem Besucher zugänglich ist. Allzu viel ist freilich darin nicht zu sehen. Man zeigt einige Säle mit schönen Stuckfiligran-Plafonds, dann die Privatzimmer des Bey mit wurmstichigen Möbeln, endlich den früheren Berathungs-Saal mit dem sehr wackeligen Thron – wohl symbolisch aufzufassen! – und einer den Ministertisch überziehenden, ehemals rothen Decke, die so fleckenbesät ist, als hätten die dereinstigen Würdenträger von Tunis ihre ganze Wuth über den Tractat mit den Franzosen in Tinte verspritzt.