Als Führer durch alle diese Sehenswürdigkeiten dient ein beleibter, uniformirter Herr, dessen stolze Brust mit Orden bedeckt ist und vor dem die tunesischen Wachen präsentiren. Es ist der »Schloßhauptmann«, der den martialischen Titel »Oberst« führt. Mit Würde geleitet er mich wieder zur Pforte und hält dann die Hand hin. Sollte der Herr Oberst etwa ein »Backschisch« wollen? Bädeker sagt in seiner mit Recht so beliebten Kürze: Trinkgeld 1 Franc. Es ist auch mehr als genug in Anbetracht der mäßigen Wunderdinge, die der Palast enthält. Aber einem Herrn, der so hoch auf der tunesischen Rangliste hält und so viele schöne Orden besitzt, einen Franc zu geben, ist mißlich. Ich wage es dennoch, in der Befürchtung, daß der gekränkte Würdenträger mir die Münze vor die Füße werfen oder mich auf krumme Türkensäbel fordern wird. Nichts von alledem. Der Herr Oberst macht einen tiefen Bückling, sagt ein gerührtes »Merci« und murmelt ein paar arabische Worte, die nach Aussage meines Dolmetschers bedeuten: Beehren Sie mich bald wieder.
Der Bey und seine Getreuen sind nämlich sehr knapp bei Kasse. Dahin sind die schönen Zeiten, wo der Fürst und seine Minister ungezählte Millionen von ihren lieben Unterthanen erpreßten. Die Franzosen haben die Verwaltung in die Hand genommen, Seiner Hoheit die Schulden bezahlt und ihm außerdem eine jährliche Rente von einer Million Francs ausgesetzt. Davon muß der zur Ruhe gesetzte Ali Bey seine Hofhaltung und seine Armee (250 Mann stark) bestreiten. Kein Wunder, daß der Sold nicht immer prompt gezahlt wird. Und man versichert glaubwürdig, daß der Herr Oberst, der Commandirende des Schlosses, lediglich auf die Fremden-Trinkgelder angewiesen sei. Der Bey, ein alter Herr von 80 Jahren, residirt in seiner Villa zu La Marsa, die dicht am Meer und wenige Minuten von den »Trümmern Carthago's« entfernt liegt. Dort hat er seinen Marstall und seinen stark besetzten Harem, der freilich, Angesichts des hohen Alters des Fürsten, mehr decorativen Zwecken dient.
Die einzige Herrscherthätigkeit, die der Bey noch ausübt, ist die Rechtsprechung. Bei wichtigeren Criminalfällen, besonders zu solchen, auf denen Todesstrafe steht, begiebt der Bey sich nach der Stadt und sitzt zu Gericht. Doch giebt es einen Recurs gegen seinen Richterspruch an den obersten Kadi. Auch sonst ist die Jurisdiction über die Eingeborenen in den Händen der tunesischen Richter geblieben, während in allem Uebrigen das französische »Protectorat« in Wahrheit die französische Herrschaft bedeutet.
Die hiesige französische Garnison, deren Commandant zugleich tunesischer Kriegsminister ist, besteht aus je einem Regiment Zuaven, Chasseurs d'Afrique und Spahis. Besonders die Zuaven sind ein brillantes Corps. Schlanke Leute mit kühnen, gebräunten Gesichtern, denen die im türkischen Stile gehaltene Uniform – man kennt sie in Deutschland von 1870 her – vortrefflich steht. Wenn die Schaarwache der Zuaven des Abends im Laufschritt, Trompetengeschmetter vorauf, und die Mannschaft mit Fackeln in der Hand, die Straßen der Stadt durcheilt, begleitet von Neugierigen in den buntscheckigsten Gewändern, so bietet dieser Aufzug einen Anblick von ganz besonderen phantastischen Contouren.
Die Araber von Tunis sind im Allgemeinen von weit friedlicherer Art, als ihre Stammesgenossen in Marokko. Sie lassen sich ruhig das französische Regiment gefallen, ohne es freilich zu lieben. Wenigstens sind sie der ewigen Steuererpressungen ledig, unter denen sie früher zu leiden hatten. Die Franzosen sind auch klug genug, die Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten der Eingeborenen zu respectiren. Z. B. darf kein Europäer die Moscheen betreten, während jene von Algier dem Besucher freigegeben sind. Nur im Punkte der öffentlichen Sittlichkeit sind die neuen Herrscher energisch vorgegangen und mit dem Erfolge, daß in dieser Beziehung Tunis den meisten europäischen Großstädten zum leuchtenden Muster dienen konnte. Selbst in der Nacht sind die Straßen rein von zweifelhaften Elementen, und der Fremde, der nach Tunis geht, um »Sittenstudien« zu machen, kommt nicht auf seine Kosten.
Das hier Erreichte ist um so bemerkenswerther, als in Tunis in den siebziger Jahren die zügellosesten Zustände herrschten. Sadok Bey, Ali's Vorgänger, gab seinen Unterthanen nicht die besten Beispiele in seiner persönlichen Führung. An seinem Hofe machte sich die ausgesprochenste Günstlingswirthschaft breit, ja die sämmtlichen Minister und Vertrauensmänner des Fürsten verdankten ihre Stellungen weniger ihrer Tüchtigkeit, als – anderen Eigenschaften. So war der allmächtige Vezier, Mustapha ben Ismaïl, ursprünglich Barbiergehilfe gewesen, ehe er es verstanden hatte, dem Bey durch seine Schönheit aufzufallen. Seitdem leitete er die Geschicke des Reiches, dessen Kasse er nicht selten mit der seinigen verwechselte. Als seine Herrlichkeit zu Ende ging, konnte er wohlgezählte 80 Millionen Francs redlich gestohlener Gelder mit auf den Weg des Ruhestandes nehmen. Der schnöde Mammon ist freilich nicht bei ihm geblieben. Der gute Mustapha ging nach Frankreich, und dort haben ihm die freundlichen Damen von Paris und die Croupiers von Monte-Carlo seinen Reichthum allmählich wieder abgenommen. Der Reichskanzler und Millionär a. D. lebt jetzt in Konstantinopel von einem Gnadengehalt, das ihm der Sultan zahlt. Mustapha ben Ismaïl war allerdings der Hauptspitzbube, aber er hatte zahlreiche Genossen, die mit ihm um die Wette raubten und plünderten. Man kann sich kaum einen Begriff machen, woher diese Blutsauger die Unsummen genommen haben, denn Tunis, arm an Industrie und Handel, ist keineswegs ein reiches Land.
Die Erinnerung an diese saubere Gesellschaft wurde kürzlich auf eine für Deutschland nicht gerade rühmliche Weise aufgefrischt. Von Baden aus recherchirte man zu irgend einem statistischen Zwecke nach dem Verbleib der tunesischen – Ritter vom Zähringer Löwen. Es waren, wenn ich recht berichtet wurde, drei Würdenträger des Sadok Bey, die wahrscheinlich bei einem fürstlichen Besuch den hohen Orden erhalten hatten. Die Schicksale des einen Decorirten, eben jenes Mustapha ben Ismaïl, habe ich eben erzählt, der zweite ist gestorben oder verschollen, der dritte heißt Elias Chaloum und war früher Kriegsminister. Jetzt ist er etwas bescheidener geworden und fungirt als – Steuereinnehmer an der Bab el Kadrah mit einem Gehalte von 3 Francs täglich. Ob er bei seinem jetzigen Geschäfte immer den »Zähringer Löwen« trägt?
III.
Tunesische Vergnügungslocale.
Zuaven-Concerte. – Der Bauchtanz. – Die »Beuglants«. – Die Riesendame haut. – Mr. Rheyal und der Moralist von Tunis. – Auf den Trümmern von Carthago. – Bjil Kader. – Ein afrikanisches Seebad.