Es mangelt nicht an abendlichen Vergnügungen in Tunis. Zwar die Theater, von denen eines den für Schaubühnen nicht ganz gewöhnlichen Namen Teatro Cohn führt, spielen im Sommer nicht. Dafür giebt es Zuaven-Musik, arabische Cafés und französische Tingel-Tangels, nach Pariser Muster »Beuglants« genannt.
Die Zuaven-Kapelle läßt sich wöchentlich drei Mal auf der kleinen Promenade der Avenue de la Marine hören. Dort sitzen die Musiker auf eleganten Gartenstühlen, und in weiter Corona um sie herum das lauschende Publicum. Das Programm ist jedenfalls nicht vom chauvinistischem Standpunkte aus aufgestellt. Seine Haupt- und Paradestücke bilden eine Phantasie aus der »cavalleria rusticana« – selbst in Tunis kann man den Wimmertönen des Intermezzos nicht entgehen – Weber's »Aufforderung zum Tanz« und Beethovens »Adagio aus der Cis-Moll-Sonate«. Die Leute spielen ganz brav, aber das Beethoven'sche Adagio von einem kriegerischen Trompeter-Corps vorgetragen zu hören, bleibt ein zweifelhafter Genuß, zumal, wenn man ihn öfters hat. Und da die Zuaven immer dasselbe Programm executiren, mit kleinen Variationen nur in den Nebenstücken, so sind die Verdienste des Dirigenten um die tunesische Musikpflege keine ganz unbestrittenen.
Die großen arabischen Cafés, die von den Fremden hauptsächlich besucht wurden, des dort gezeigten Bauchtanzes wegen, der seit der Weltausstellung auch in Paris heimisch ist, gruppiren sich um den viereckigen Platz Halfa-Ouïne. Seit einiger Zeit ist jedoch den dortigen Etablissements die Erlaubniß zur Production des Bauchtanzes entzogen worden, und die Cafés von Halfa-Ouïne dienen jetzt nur noch zur Erholung für die arabischen Elegants, die sich allabendlich in dichten Schaaren einfinden und mit Andacht ihren »Kaoua« schlürfen. Der Bauchtanz hat sich in die Stadt zurückgezogen und kann dort von kunstsinnigen Interessenten aufgesucht werden. Sehr comfortabel sind die betreffenden Locale nicht. Eine Bretterbude mit Segeltuch bedeckt und mit langen Holztischen ausgestattet, an denen die Gäste sitzen. Im Hintergrunde erhebt sich die kleine bühnenmäßige Estrade, auf der das Tänzerinnen-Corps Platz nimmt. Es sind Mauresken oder Jüdinnen, mit interessanten, scharfgeschnittenen Gesichtern, die sie häufig durch eine kinnbartartige Tätowirung entstellen. Die obligate Musik besteht aus Clavier, Mandoline und Flöte. Sie ist von hervorragender Eintönigkeit. Die ersten beiden Instrumente bewegen sich unausgesetzt auf Mitteltönen, und dazu wirft die Flöte, alle drei Tacte etwa, ein paar gellende Quietscher ein. Der »Bauchtanz«, der zu dieser nervenreizenden Musik geleistet wird, besteht in einem eigenthümlichen, halb wiegenden, halb watschelnden Schreiten, das von heftigen, krampfartigen Zuckungen der mittleren Körpertheile begleitet wird. Hat sich die Tänzerin bis zu einem gewissen Grade begeistert, so feuert sie ein schaurig-schöner Chorgesang der Gefährtinnen zu weiterem Thun an. Die Bewegungen werden immer heftiger und wilder, bis die tunesische Balleteuse erschöpft innehält und – sammeln geht. Die Dame, deren Bauchkünste zu schauen mir vergönnt war, hatte dabei ihren besonderen Truc. Von den einheimischen Gästen nahm sie ruhig den üblichen Sou entgegen, bei den Fremden aber wies sie das Kupfer zurück und verlangte Silber. Als diesem Verlangen nicht entsprochen wurde, schmollte die Schöne und erklärte, ihre anregende Thätigkeit nicht eher wieder aufnehmen zu wollen, bis sie Silber gesehen habe. Um diesem »Bauchtanz-Strike« ein Ende zu machen, zogen wir es vor, das Local zu räumen. Noch ehe wir die Schwelle erreicht hatten, war die strikende Tänzerin bei uns, erklärte sich jetzt bereit, auch Kupfer zu acceptiren, und streckte das mit Hennah roth gefärbte Händchen hin. Ich begnügte mich, der jungen Dame freundschaftlich die Hand zu drücken. Die Undankbare aber bewies keinen Sinn für civile Umgangsformen, denn sie überhäufte mich mit einer Fluth nationaler Schimpfworte.
Durchaus im europäisch-pariserischen Stile gehalten sind die »Beuglants«. Es giebt deren in unmittelbarer Nähe der kurzen Avenue de France nahezu ein Dutzend, die sich durchweg mit dem Namen der großen Pariser Tingel-Tangels brüsten. Man trifft da eine »Horloge«, ein »Café des Ambassadeurs«, ein »Grand Eden« u. s. w. Gepflegt wird hauptsächlich das französische Chanson und der Pariser Cancan. Die Leistungen sind fast durchweg gräßliche. Es muß ein ungelöstes Räthsel bleiben, wie es den artistischen Leitern der besagten Etablissements gelungen ist, eine solche Menge ältlicher, häßlicher und total stimmloser Damen aufzutreiben. Die Eintrittspreise sind freilich sehr niedrig bemessen, aber der Besuch einer Vorstellung wird trotzdem ziemlich kostspielig durch die Sitte des Einsammelns seitens der »Künstler«. Wie eine Fußnote des Programms ausdrücklich mittheilt, erhalten die Artisten seitens der Direction nur die Beköstigung und sind im Uebrigen auf die Erträgnisse des Sammelganges angewiesen. Sowie also die Chansonnette ihre Nummer erledigt hat, schlägt sie ein Tuch um die entblößten Schultern und steigt zum Volke herab. Sie ist dabei bescheidener als ihre arabische Collegin, denn der übliche Obolus im Betrage von einem Sou wird stets mit Dank in Empfang genommen. Da aber ungefähr 20 Damen an der Vorstellung theilnehmen, deren Jede bei der Kürze ihrer Nummern zwei- bis dreimal zum Sammeln kommt, so ergiebt sich ein ganz nettes Sümmchen, das der Besucher für die zweifelhaften Genüsse aufzuwenden hat. Das Hübscheste an den Vorstellungen sind allerlei Episoden, die nicht auf dem Programm stehen. So geschah es eines Abends im Grand Eden, daß ein mißmuthiger Araber sich nicht nur weigerte, seinen Sou zu spenden, sondern der drängenden Sängerin noch einen Fußtritt versetzte. Auf der Stelle erhielt er von zarter Hand eine so kolossale Ohrfeige, daß er buchstäblich vom Stuhle fiel. Als das Publicum dieser muskulösen Vertreterin des schwachen Geschlechts Ovationen brachte, lehnte sie diese bescheiden mit dem Bemerken ab, sie sei früher – »Kraftdame« gewesen.
Ein anderes Intermezzo ereignete sich in den »Ambassadeurs«, wo Mr. Rheyal de Paris, »diseur des chansons rabelaisiennes« auftrat. Das Chantant befindet sich in einem offenen Garten, und als Mr. Rheyal sich gerade mitten in einem seiner saftigsten Vorträge befand, erscholl plötzlich vom Dache eines Nachbarhauses der liebenswürdige Ruf: »Sie Possenreißer, hören Sie doch endlich auf mit ihren Schw…! Ganz verblüfft antwortete Mr. Rheyal: »Aber das Lied ist von Béranger.« »Mir gleich,« klang es zurück, »Schw… sind es doch.« Man sieht, es giebt noch streng moralische Leute in Tunis.
Die Umgebung der Stadt bietet manche Gelegenheit zu Ausflügen. Obligatorisch sozusagen ist natürlich die Fahrt nach Carthago. Man benutzt hierzu die italienische Eisenbahn von Florio-Rubattino, eine höchst merkwürdige Anlage. Sie verbindet Tunis mit La Goulette und La Marsa in einem regelrechten Dreieck. Da die Station für Carthago zwischen den beiden letztgenannten Orten liegt, so differirt die Fahrtdauer zwischen 30 Minuten und 1½ Stunden, je nachdem man eine oder mehrere Seiten des Dreiecks absolviren muß. Um sich in dem verzwickten Fahrplan dieser Kleinbahn zurecht zu finden, dazu gehört an sich schon ein beträchtliches Orientirungsvermögen.
Man verläßt den Waggon in La Malka, einem kleinen schmutzigen Berberdorfe, in dem das Vieh in innigster Gemeinschaft mit dem Menschen lebt. Der triste Ort verdient aber doch eine eingehendere Besichtigung. Er ist nämlich auf den Cisternen Carthagos erbaut, die verhältnißmäßig gut erhalten sind. Die Bewohner benutzen diese Baulichkeiten als Keller, Ställe oder Sommerfrische. Als ich mich in eine der mächtigen unterirdischen Wölbungen wagte, störte ich zunächst das Wochenbett einer Katze, dann traf ich einen ehrwürdigen älteren Herrn, der Wein pantschte, und endlich drei wild blickende Berber, die bei Fackelschein einen arabischen Dreimänner-Skat klopften.
Von La Malka aus sind es nur wenige Schritte bis zur Byrsa, dem Burghügel von Carthago. Er war der Mittelpunkt des wüthenden Schlachtens, als Scipio seine Legionen gegen die verzweifelten Carthager führte. Jetzt liegt der niedere Hügel freundlich im Sonnenlichte, und sein Plateau krönt eine gewaltige, im orientalischen Stil erbaute Kathedrale, deren impertinent weißer Anstrich das Auge blendet. Die Kirche verdankt ihr Entstehen dem bekannten Cardinal Lavigerie, der bei seinem 1892 erfolgten Tode hier beigesetzt wurde. Außer dieser Grabstätte bietet das in großen Dimensionen gehaltene Innere nichts Sehenswerthes. Hinter der Kathedrale liegt ein freundlicher Garten, der einige minderwerthige Antiken, ein kleines Museum und die Kapelle mit der angeblichen Grabstätte des heiligen Ludwig beherbergt. Sein Standbild überragt den Altar.
Von den ursprünglichen Riesenbauten der Byrsa ist Nichts erhalten geblieben. Am östlichen Abhange hat man einige Gräber- und Häuser-Ueberreste bloßgelegt. Diese stammen aber ersichtlich aus der späteren, römischen Zeit. Verläßt man den Garten und tritt an den Nordrand des Hügels, so hat man den vollständigsten Ueberblick über das Gesammtterrain der alten Carthager-Stadt. Tief unten zur Rechten erblickt man die beiden in ihrer Form wohl conservirten, kreisrunden Häfen, den Militär- und den Handels-Hafen. Beide sind durch eine schmale Landzunge getrennt, über die einst die starke Umfassungsmauer hinweglief, die den Militärhafen einschloß. Zur Linken erstreckt sich eine breite, hügelige Einsenkung dreiviertel Stunden weit bis zu dem steil in's Meer abfallenden Cap Carthago, auf dessen Vorsprüngen sich ein Leuchtthurm und das stattliche Araberdorf Sidi bou Saïd erheben. Zwischen der Byrsa und dem Cap lag der Haupttheil der alten Stadt. Heute sieht man auf diesem Terrain nur ein paar vereinzelte Häuser, darunter eine der Bruderschaft vom heiligen Ludwig gehörige Missionsschule. An Ausgrabungen werden gezeigt die Reste einer römischen Basilika, eine angeblich punische Nekropole mit zahlreichen unterirdischen Grabgängen, endlich die sogenannten »kleinen Cisternen«, die von der französischen Verwaltung vollkommen restaurirt worden und zur Wasserversorgung der Umgegend bereit sind.
Einige authentische Ueberreste des ältesten Carthago finden sich hart am Ufer des Meeres. Es sind die gewaltigen Unterbauten einer antiken Construction, wahrhaftige Riesenblöcke, die den Stürmen der Römer und den Verheerungen der Jahrtausende getrotzt haben. Im Schatten dieser Trümmer läßt es sich gut ruhen, vor sich das tiefblaue Meer, über das hie und da ein weißes Segel zieht. Plötzlich wird die Idylle unterbrochen durch ein langgezogenes, in unmittelbarer Nähe erklingendes Trompetensignal. Es kommt vom nahen Fort Bordj Djdid. Bjil Kader, mein kleiner Führer, ein strammer Berberjunge aus der Malka, meint in seinem gebrochenen, aber ganz passablen Französisch: »Ich möchte jetzt Zuave sein, denn es bläst zum Essen.« Der kleine Kerl hat überhaupt schnurrige Einfälle und waltet seines Führeramtes mit solchem Eifer, daß er mir einen vorbeifahrenden, älteren Herrn als den (seit Jahren verstorbenen) Cardinal Lavigerie bezeichnet. Es ist Zeit zur Rückkehr nach der Station. Dort ist der Zug bereits eingetroffen, aber da der Zugführer gehört hat, daß sich ein Fremder auf Carthago befinde, so kommt es ihm auf ein paar Minuten Wartens nicht an. Bjil Kader steckt mit seligem Lächeln die beiden als Extragabe erhaltenen Cigaretten auf einmal in den Mund und behauptet, daß er jetzt weit besser dampfe als die Locomotive. Dann leistet sich das Dampfrößlein einen dünnen Pfiff, und bald sind die öden und doch so reizvollen Gefilde, auf denen sich einstens eine der größten Culturstätten des Alterthums befand, dem Blicke entschwunden.