Ein anderer, landschaftlich genußreicher Ausflug führt nach dem am Ostrande des Golfes von Tunis gelegenen Hammam el Lîf. Die Verbindung nach dort vermittelt ein Secundärstrang der französischen Eisenbahn. Schon die kurze Fahrt bietet prächtige Ausblicke. Zur Linken breitet sich das Meer, zur Rechten läuft eine Hügelreihe, die mit malerischen Forts, Dörfern und Heiligengräbern besetzt ist. Die Bahntrace führt geradenwegs auf den seltsam geformten Bou Kornin zu, einen Berg, der mit seinem lang hingestreckten Vorgelände und seinem Doppelgipfel einem riesigen, in der Ruhe versteinerten Kameel auf's Haar gleicht. Am Südhange des Bou Kornin liegt Hammam el Lîf, seit langer Zeit wegen seiner heißen Schwefelquellen der beliebteste Badeort für die wohlhabende jüdische und arabische Bevölkerung von Tunis. Neuerdings hat sich ein französisches Unternehmer-Consortium gebildet, das die kühne Absicht hegt, Hammam el Lîf zu einem fashionablen Seebade zu gestalten. Sehr viele Umstände begünstigen die Ausführung des Planes. Der Strand hat weichen Sandboden, und die Tiefe des Meeres nimmt nur ganz allmählich zu. Der Wellenschlag ist für südliche Verhältnisse kräftig, die Lage des Ganzen zauberhaft und die Temperatur angenehm und milde. Die Gesellschaft hat bereits Straßen abgesteckt, einige luftige freundliche Villen errichtet und ein imposantes Casino mit Restaurationsterrasse, Spielsälen, Garten und Sommertheater geschaffen. Das provisorische Bade-Etablissement ist dagegen ziemlich primitiv. Es wird trotzdem, hauptsächlich Sonntags, von der französischen Colonie stark frequentirt.
Der Besuch des Casinos hat allerdings seit vorigem Jahre Rückschritte gemacht. Damals waren die Spielsäle Abend für Abend überfüllt, denn man fand dort all die netten, kleinen Spielgelegenheiten, durch die sich Monaco so vortheilhaft auszeichnet. Vornehmlich die arabisch-jüdische jeunesse dorée oblag hier mit rühmlichem Eifer dem Roulette. Der neue französische Gouverneur hat diesem Treiben zur geringen Freude der Casinogesellschaft ein Ende gemacht, und jetzt beherbergt der Spielsaal nur noch die zahmen petits chevaux, eine Unterhaltung, die immerhin in Ermangelung einer besseren lebhaft gewürdigt wird. Es ist entschieden ersprießlicher, den heißen Raum zu verlassen und sich den Sonnenuntergang zu betrachten, der Berg und Meer mit den herrlichsten, fast könnte man sagen unwahrscheinlichsten Farben-Reflexen vergoldet. Es ist ein selten schönes Fleckchen Erde, dieses Hammam el Lîf, und es könnte eine gefährliche Concurrenz werden für die heimatlichen Seebäder, wenn es – etwas näher zu Berlin läge.
IV.
Vom tunesischen Judenthum.
Werk der alliance israélite in Tunis. – Schulen und Schüler. – Parienti's Ackerbaucolonie. – Eine orthodoxe Hochzeit. – Die genudelte Braut und ihr Toilettenwechsel. – Povero sposo!
Ein großartiges Unternehmen hat die Alliance israélite durch die Begründung ihrer hiesigen Schulen in's Leben gerufen. Die jüdische Bevölkerung von Tunis beträgt über 40000 Seelen. Für die Kinder dieser Gemeinde gab es bis in die neueste Zeit nur die primitiven Rabbinatsschulen, in denen ausschließlich hebräischer Religions- und Leseunterricht ertheilt wurde. Auf Betreiben des Barons de Castelnuovo, eines italienischen Philanthropen, richtete die Alliance ihr Augenmerk hierher und eröffnete 1878 in einem zu diesem Zwecke erworbenen Hause zuvörderst eine Knabenschule. Trotz des Mißtrauens, das die Rabbiner und der überwiegende Theil der jüdischen Bevölkerung gegen die abendländische Neuerung hegten, betrug dennoch schon die Anfangsfrequenz 750 Schüler, ein Erfolg, der in erster Reihe dem Umstande zu danken war, daß nicht nur der Unterricht gratis ertheilt, sondern auch allen Kindern, die darauf Anspruch machten, freie Beköstigung gewährt wurde. Auch sonst wurde des guten Zweckes wegen diplomatisch vorgegangen, indem man für den Anfang den Lehrkörper hauptsächlich mit Rabbinern besetzte und nur einige wenige Elementarlehrer anstellte. Allmählich mit dem Erstarken des Unternehmens wurde hierin Wandel geschaffen. Zur Zeit sind die Rabbiner lediglich auf den Religionsunterricht beschränkt. Alle übrigen Fächer: Französisch, Arabisch, Arithmetik, Geschichte und Geographie, werden von wissenschaftlich gebildeten Lehrern ertheilt.
Im Jahre 1880 wurde dann eine Mädchenschule gegründet, die mit 22 Zöglingen begann. Hier war als einzige Bedingung der Aufnahme europäische Kleidung der Mädchen vorgesehen. Bald darauf eröffnete man ein drittes Werk, eine Art Vorschule (école maternelle), in der die ganz Kleinen, und zwar Mädchen und Knaben zusammen, die ersten Weisheitslehren empfangen. Die Entwickelung dieser Schulen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart ist eine ganz außerordentliche. Sie umfassen jetzt 1200 Knaben, 600 Mädchen und 400 Vorschüler. Daneben ist ein ausgedehnter Handwerksunterricht eingerichtet, verbunden mit einem Abendcursus, der es den Handwerksschülern ermöglicht, ihre Schulstudien fortzusetzen. Mit besonderer Vorliebe wird seitens der Schüler das Buchdruckerei-Gewerbe erlernt. Aber auch Wagenbauer, Marmorarbeiter, Kunstschmiede etc. werden ausgebildet.
Die Schulen der Alliance sind nunmehr in zwei Häusern untergebracht, von denen besonders das den Mädchen reservirte ein stattliches, freundliches Gebäude ist. Die Einnahmen des Unternehmens bestehen aus einer den Schulen überwiesenen Fleischsteuer, einer baaren, von der Regierung gezahlten Subvention, Ueberschüssen aus den Miethserträgen der Häuser und den Zuschüssen der Alliance. Die Ausgaben für Beköstigung und Bekleidung der Zöglinge haben sich vermindert. Man hat nicht mehr nöthig, diese Vergünstigungen als Lockmittel für den Schulbesuch auszuwerfen, nachdem die Eltern allmählich eingesehen haben, welche Vortheile ihren Kindern durch einen geregelten Unterricht zuwachsen. Nur den wirklich Bedürftigen wird noch der Freitisch gewährt. Weniger erfolgreich ist man mit der Einführung eines entsprechenden Schulgeldes gewesen. Kaum acht Procent der Unterrichteten zahlen Schulgeld, aber man hofft mit der Zeit auch hier eine Besserung zu erzielen.
Als vortrefflich sind die wissenschaftlichen Resultate der Schule zu bezeichnen. Sie besitzt das Recht, ihren nach bestandenem Schluß-Examen abgehenden Schülern das brévet élementaire auszustellen, das zum Ertheilen von Unterricht an jeder französischen Normalschule berechtigt, und verleiht dieser Diplome jährlich ungefähr zehn. Die Abiturienten ohne Schluß-Examen erhalten ein »Studienzeugniß«, das ihnen bei der Erlangung von Stellen, insbesondere bei der französischen Administration, von großem Nutzen ist. Von derartigen Zeugnissen werden durchschnittlich siebzig pro Jahr ausgestellt. Ein gleiches Certificat erhalten die Mädchen, wenn sie die Schule verlassen. Der beste Beweis für die Leistungen des Instituts ist wohl die Thatsache, daß bei dem letzten Schul-Wettbewerbe die israelitische Schule die höchste Auszeichnung erhielt. Sie wurde hors concours gestellt.