Der Lehrkörper besteht aus dem Director, einigen Rabbinern und circa zwanzig Elementarlehrern, von denen mehrere aus der Anstalt selbst hervorgegangen sind. An der Mädchenschule unterrichten eine Vorsteherin und zehn Unterlehrerinnen. Darunter befanden sich noch vor Kurzem zwei deutsche Damen, die Vorsteherin, Frl. Ungar, und die Lehrerin, Frl. Braun. Beide wirken gegenwärtig in Adrianopel.
Bemerkenswerth ist, daß der Lehrplan nur sogenannte »moralische« Strafmittel kennt. Schläge, Einsperren, Strafarbeiten etc. sind ausgeschlossen. Man bewirkt dadurch, daß die Kinder mit Freuden die Schule besuchen, und ein Nachtheil für die Disciplin ist durch diese Milde noch nirgends erwachsen. Ueberhaupt ist der moralische Einfluß der Schule sehr hoch anzuschlagen. Tausende von Kindern, die früher der Straße oder der einseitigen, orthodoxen Erziehung unwissender Eltern überantwortet waren, wachsen nun unter der sicheren Obhut der Schule zu gebildeten, gesitteten Menschen heran. Noch unberechenbarer ist der Nutzen für den weiblichen Theil der Schüler. Die Lehren, welche die Mädchen hier im jahrelangen Unterricht empfangen, verhindern sie, sich später wieder dem haremartigen, unwürdigen Scheinleben der tunesischen Jüdinnen anzupassen, und so ist die stetig wachsende Zahl der weiblichen Zöglinge die beste Gewähr für die allmähliche Ermöglichung einer Emancipation von den bisherigen erniedrigenden Gewohnheiten.
Ich verdanke die bezüglichen Mittheilungen der Freundlichkeit des gegenwärtigen Directors der Schulen, Herrn Parienti. Herr Parienti, trotz seines italienischen Namens ein Franzose, ist eine sympathische Erscheinung mit energischen Gesichtszügen und scharfblickenden Augen. Er wurde erst vor Kurzem nach Tunis berufen, nachdem er bis dahin für die Alliance in Rußland thätig gewesen war. Herrn Parienti's eigenster Initiative ist ein weiterer Schritt nach Vorwärts zu verdanken. Anläßlich einer Urlaubsreise nach Paris erwirkte nämlich Herr Parienti beim Präsidium der Alliance Erlaubniß und Mittel zur Gründung einer Ackerbauschule. Bereits wurde ein geeignetes Terrain von 1550 Hektar erworben, dreiviertel Stunden von Tunis entfernt bei Djédéida gelegen. Im October 1895 ist die Besitzung mit einem halben Hundert Knaben belegt worden, die bei vollkommen freier Station unter fachmännischer Leitung praktisch und theoretisch den Ackerbau erlernen werden. Zum ersten Mal seit Bestehen der Schule in Tunis hat sich anläßlich dieses agricolen Unternehmens auf französischer Seite eine gewisse Opposition bemerkbar gemacht, die darauf hindeutet, daß man die jüdische Concurrenz im Ackerbaufache fürchtet. Herr Parienti hat als einzige Antwort darauf die Mittheilung ergehen lassen, daß er bereit sei, bis zu einem bestimmten Procentsatze auch Knaben katholischen wie mohamedanischen Glaubens kostenfrei in seine Ackerbaucolonie aufzunehmen.
Ein Rundgang durch die Schulen, auf dem Herr Parienti mich in liebenswürdigster Weise geleitete, zeigte ein sehr freundliches Bild. Die Knabenschule ist in einem Gebäude der rue Malta Strida untergebracht, in dessem Vordertracte sich elegante Miethwohnungen befinden, deren eine der Director inne hat. Durch den Hausflur gelangt man in einen langen, viereckigen Hof, der mit schattenspendenden Bäumen bepflanzt ist. In einer zweistöckigen Veranda, die diesen Hof umgiebt, befinden sich die ca. 20 Schulzimmer, die sich durchweg lustig und hell präsentiren. An den Hof schließt sich ein Garten, der für die Spiele in den Pausen freigegeben ist. Ein großer Gartensaal dient als Refectorium für die von der Anstalt Beköstigten. Das Haus, in dem die Mädchen und die ganz Kleinen lernen, liegt im arabischen Viertel in der Nähe der place Carthagéna. Es hat den Typus eines italienischen Palazzo und birgt hohe, geräumige Säle, deren Fußböden und Wände mit Porzellan ausgelegt sind. Hier befindet sich auch eine vielbenutzte, kleine Schülerbibliothek.
Während unseres Rundganges war Unterrichtszeit, und ich konnte mich von dem guten Aussehen und der Sauberkeit der Schüler, ihrer frischen, intelligenten Art, zu antworten, selbst überzeugen. In Geschichte und Geographie hörte ich durchweg tadellose Antworten. Sogar in Deutschlands Geographie zeigte sich eine höhere Klasse vortrefflich beschlagen. Hier sah ich auch Aufsätze über schwierige, meist historische Themata, die stilistisch wie orthographisch fehlerlos waren. Wenn man bedenkt, daß das Französische den tunesischen Kindern im Grunde eine fremde Sprache ist, so ist das hier Erreichte als ganz außerordentlich zu rühmen. In der Mädchenschule entwickelte sich das Frage- und Antwortspiel weniger im gewohnten Gleise, denn die jungen Damen bewiesen dem unerwarteten Besuche so viele Neugier, daß die Aufmerksamkeit ganz erheblich darunter litt. Auch die hier vorgelegten Hefte wiesen häufigere orthographische Mängel auf. Doch soll ja auch außerhalb Tunis die Orthographie nicht die stärkste Seite der weiblichen Bildung sein.
Ich verließ die Anstalt mit herzlichem Danke für Herrn Parienti und mit hohem Respect vor dem schönen, humanen Culturwerke, das die Opferwilligkeit der Alliance und der beharrliche, zielbewußte Eifer der Lehrkräfte auf diesem schwierigen Terrain errichtet haben.
Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, zur rechten Contrastwirkung einen Blick in die fremde Welt des orthodoxen, tunesischen Judenthums zu thun. Durch Vermittelung des Hotelführers, der in seinen Mußestunden übrigens »College« des Herrn Parienti, nämlich Vorsteher einer kleinen Rabbinatsschule ist, erhielt ich Zutritt zu einer jüdischen Hochzeit. Die dabei erscheinenden Sitten und Gebräuche ähneln in mancher Hinsicht sehr stark den arabischen, wie denn auch die Stellung der jüdisch-tunesischen Frau sich um Weniges über das Niveau des Haremdaseins erhebt. Selbst die Vielweiberei soll unter den Juden von Tunis im Gebrauche sein. Herr Parienti verneint dies zwar, sondern giebt blos einen außerordentlichen Leichtsinn im Scheiden und Wiederverheirathen zu, von anderer Seite aber wurde auf's Bestimmteste versichert, daß eine ganze Reihe von Haushaltungen mit mehreren Herrscherinnen besetzt sei, von denen freilich nur die Erste völlige Legitimitätsrechte habe.
Der traditionelle Hochzeitstag ist der Mittwoch, die Zeit für den Beginn der Ceremonie der späte Nachmittag. Gegen 5 Uhr ist der enge Zugang zur Synagoge, die im Souterrain eines unscheinbaren Hauses liegt, mit Kindern und Bettlern reich besetzt. Aus den Gitterfenstern und von den flachen Dächern der benachbarten Häuser sehen unzählige, grell bunt gekleidete Mädchen, darunter reizende Typen, auf die Straße hinab. Der Hochzeitszug des Bräutigams läßt nicht lange auf sich warten. Ihm schreitet eine Schaar von Knaben voraus, die unter der Aegide eines blinden Cantors einen schrecklich mißtönenden Singsang vollführen. Der Bräutigam, ein hochgewachsener, stattlicher Mann, Apotheker seines Zeichens, hat tadellosen schwarzen Salonanzug, Gehrock und runden Hut angelegt. Seine Verwandten und Freunde tragen sich dagegen höchst zwanglos. Einige sind nach europäischer Manier, die meisten orientalisch gekleidet.
Das Innere der Synagoge, der größten, die Tunis besitzt, bietet wenig Besonderes. Es ist ein niederer, ziemlich beschränkter Raum. In der Mitte steht die Kanzel und ringsumher im regellosen Durcheinander ziehen sich Holzbänke, die mit Matten bedeckt sind. Die Frauen besuchen hier die Synagoge nicht, beanspruchen also auch keinen besonderen Raum für sich. Die Ceremonie ist rasch erledigt. Der Rabbi psalmodirt einige Gebete, die von der Gemeinde wiederholt und durch Wippen mit den Füßen begleitet werden. Die kleinen Sänger von vorhin treiben in einem Winkel Unfug. Mein Führer fühlt den Schuldirector in sich erwachen. Er kneift den Haupträdelsführer in's Ohr und verspricht den übrigen die Bastonnade, wofür jede Rabbinatsschule eine besondere Maschinerie besitzt. Kurz, es geht nicht übermäßig andächtig zu im tunesischen Gotteshause.
Nach erledigter Andacht begiebt sich der Zug zum Hause der Braut. Der kleine Hof, sauber mit blauweißen Majolikaplatten gepflastert, wird von der Gefolgschaft des Bräutigams eingenommen, an den engen Gitterfenstern der Wohnräume pressen sich Verwandtschaft und Freundinnen der Braut und über die hohe Hofmauer hinweg schauen die neugierigen Nachbarinnen, von denen man nur die Köpfe sieht, die sich scharf gegen den tiefblauen Himmel abheben. Ein seltsames Bild von fast beängstigender Farbenfülle!