Inhalt.

Seite.
Die Bighe-Rennen zu Padua[9]
In den euganeeischen Hügeln[21]
Venetianische Feste[37]
Römische Momentbilder[53]
Napoli in festa[69]
Wie man in Neapel fährt[85]
Vom Eiland des Tiberius[101]
Ein Ausflug nach Tunis[121]
I. Von Neapel bis Tunis[121]
II. Stadt und Bevölkerung[138]
III. Tunesische Vergnügungslocale[153]
IV. Vom tunesischen Judenthum[168]

Die Bighe-Rennen zu Padua.

Der prato del valle. – Die Renngefährte und ihre Lenker. – Dante als Sieger im Wettstreit. – Wie man in Padua am Totalisator spielt.

Zum Glück für den Reisenden, der in der Fremde nicht das Internationale, sondern das Nationale zu studiren sucht, haben sich hie und da in der italienischen Provinz einige Gelegenheiten erhalten, bei denen sich der specifisch italienische Sportssinn ohne importirte Muster offenbart. Unter diesen Localrennen vielleicht die interessantesten sind die volksthümlichen corse delle bighe, die Bighe-Kämpfe in der alten Universitätsstadt Padua. Ueber den historischen Ursprung der sich seit Jahrhunderten alljährlich im Juli abspielenden Rennen ist Genaues nicht zu erfahren. Die Einen datiren sie bis in's 13. Jahrhundert als eine Art Jubelfeier für die Befreiung der Stadt von dem blutigen Tyrannen Ezzelino, die Anderen gar bis in's römische Alterthum zurück. Wie dem auch sei, der Tag der Bighe ist dem Paduaner der höchste weltliche Festtag, der dem geistlichen Rivalen vom 13. Juni mindestens gleichkommt, allwo die Gläubigen den Schutzpatron Paduas, den hl. Antonius, bei dem Herr Schwerdtlein Goethe'schen Andenkens begraben liegt, mit Hymnen und Processionen feiern.

Am Renntage ergießt sich eine wahre Menschenfluth nach dem Süden der Stadt. Dort an der Grenze gegen Bassanello, Paduas lieblichem Bierdörfchen am Bachiglione, breitet sich der priveligirte Ort für alle Volksbelustigungen aus, piazza Vittorio Emanuele officiell, prato del valle im Volksmunde benannt. Ein gewaltiger Platz von kolossalen Dimensionen! Viereckig in der Anlage, wird er zumeist von Privathäusern flankirt. Nur an der Südostecke erhebt sich die majestätische Kuppelkirche von St. Giustina und, eng an sie geschmiegt die große Kaserne der hier garnisonirenden Infanterie-Brigade, geistliches und weltliches Regiment dicht bei einander.

Mitten im Riesenquadrate der piazza fällt eine eigenartige Anlage auf: ein kreisrunder Ulmenhain mit schattigen Gängen und marmornen Bänken. Ringsherum zieht sich ein Wassergraben, von barock verzierten Brücken überschritten und umgeben von einer Doppelreihe steinerner Statuen. Es sind die Standbilder »berühmter« Männer, die in Padua gewirkt haben. Diese illustre Gesellschaft, die aus etwa 80 Herren besteht, ist stark gemischt. Neben Tasso, Galilei und Petrarca findet sich auch ein in den weitesten Kreisen unbekannter Heerführer Nursatus, der wie ein Lieutenantsgigerl des 16. Jahrhunderts aussieht, und ein nicht minder obscurer Professor Nonnio, der der Inschrift nach ein verdienstvoller Philologe und die Leuchte eines Paduaner Gymnasii gewesen ist. Das Ganze macht mit seinem embarras de richesse an Monumentalfiguren einen überraschenden, aber ziemlich geschmacklosen Eindruck. Das hindert freilich die Paduaner Blousenflaneure nicht, hier im Schatten von Kunst und Wissenschaft ihre tägliche Siesta zu halten. Gegen Abend wird es dann auf dem Platze lebendig von eleganterem Treiben. Die fine fleur von Padua giebt sich hier Rendez-Vous zum Wagen-Corso.

Die wohl unterhaltene, kreisförmige Corsobahn dient auch für die Rennen. Zwei mächtige Tribünen umsäumen den Schauplatz in seiner ganzen Rundung. Der äußere Bau ist für die Glücklichen bestimmt, die sich einen Sitzplatz leisten können, der innere erwartet die zahllosen Stehplatzgäste, die nicht mehr als eine Pallanka (Dialektausdruck für das 10 Centesimi-Stück) an ihr Lieblingsvergnügen zu wenden haben. Heute ist das riesige Holztheater ausverkauft. Nach sachverständiger Schätzung sind es über 30000 Menschen, die ungeduldig des Beginnes harren, der auf 6 Uhr festgesetzt ist. Es ist noch nicht 7 Uhr – für italienische Begriffe also sehr pünktlich – als die Richter in ihre Logen treten, die wegen der Kreisgestalt der Bahn zahlreich angebracht sind.