Plötzlich ein Kanonenschuß. Allgemeines Ah und Bravo. Ohne artilleristische Mitwirkung geht es nun einmal nicht bei italienischen Volksfesten. Aber auch die andern Truppengattungen wollen nicht zurückstehen. Infanterie hält die Ordnung aufrecht, und jetzt erscheint ein Zug Husaren in ihrer kleidsamen dunklen Uniform. Sie reiten »Trab! abgekürztes Tempo« mit aufgesetztem Säbel und halten famose Richtung. Dafür lohnt sie seitens des Publicums wohlwollender Applaus.

Nach dieser militärischen Abnahme der Bahn knallt es nochmals aus einigen Kanonenschlünden. Nun richten sich Aller Augen auf ein hohes Gerüst, das in einem Platzwinkel errichtet ist. Durch die geschlossenen Holzgitter des thorartigen Baues kann man die kampfbereit haltenden Gespanne erblicken.

Die Bighen präsentirten sich als zweirädrige, niedrige Karren mit hohem bemalten Vorderbord und offener Rückseite, den altrömischen Rennwagen nachgebildet. Um den antikisirenden Eindruck zu vervollständigen, erscheinen die Wagenlenker – Pferdebesitzer aus dem Mittelstande – in klassischer Tracht, umgürtet mit der kurzen Tunica, ein buntes Band um die Stirn geschlungen. Zwei Pferde, deren Alltagsmuth durch Spirituosen reichlich angefeuert wird, bilden die Bespannung. Die Wagen, von denen zwölf gemeldet waren, concurriren zunächst in vier Abtheilungen. Die Sieger der Einzelrennen werden sich dann zum Entscheidungskampfe vereinigen.

Ein dritter Kanonenschlag durchzittert die Luft. Mit einem Ruck öffnen sich Flügelthüren des Startgerüstes, und die trunkenen Pferde, befeuert durch Geißelhiebe, stürzen in rasendem Tempo hervor. Gleich bei diesem Auslaufe fällt zumeist die Entscheidung. Wer zuerst die Innenseite der Bahncurve erreicht, ist gewöhnlich auch der schließliche Sieger, denn die unpraktische, kreisförmige Anlage der Rennpiste erschwert den nachfolgenden Läufern das Ueberholen des Vordermanns. Darum wird von Anbeginn wie toll gefahren, und da die Karren schwerfällig, die Rosse von Wein und Schlägen wüthend sind, so ereignen sich gar nicht selten Carambolagen, bei denen ganz empfindliche Katastrophen entstehen können.

Sobald die Bighen zur Tribünenhöhe kommen, erfährt der Anfangs entschieden malerische Eindruck eine starke Abschwächung. Die schnurrbärtigen Gesichter der Rosselenker nehmen sich gar seltsam aus zu der altrömischen Gewandung, und dann tragen die Herren zweifelhaft weiße Tricots um die wenig oder gar nicht klassisch geformten Glieder, so daß die Braven nicht wie antike Kämpfer, vielmehr wie moderne Jahrmarkts-Clowns ausschauen. Grotesk wird der Anblick gar, als die Karren vorbeigesaust sind und nun ihre offene Rückseite zeigen. In den Tuniken der aufrecht stehenden Peitschenschwinger fängt sich der Wind und wirbelt das leichte Gewebe in die Höhe, so daß die für die breitere Oeffentlichkeit nicht bestimmten Intimitäten der Unterkleider zum Vorschein kommen. Die auf den Tribünen zahlreich anwesenden Vertreterinnen des zarten Geschlechts nehmen an diesen »Enthüllungen« keinen Anstoß. Vielleicht hindert auch der auf den meisten Gesichtern fingerdick aufgetragene Puder das Constatiren eines schicklichen Erröthens.

Die zuschauende Volksmenge ist vollauf mit Johlen und Schreien beschäftigt. Der Fahrer der zuerst vorbeifliegenden Bighe wird bejubelt. Eine kleine Partei hält noch zu Nummer 2 und versucht, sie durch rasende Zurufe anzufeuern. Der dritte, der mit weitem Abstande daherkommt, wird regelrecht ausgepfiffen. Man glaubt gar nicht, welch intensiven Höllenlärm die Italiener ohne alle Instrumente zu Stande bringen können.

Nun ist das erste Rennen vorüber. Sieger ist ein Herr mit dem nicht übel klingenden Namen Dante. Dazu stammt er aus Siena, wo man das reinste Italienisch spricht. Eine alte englische Vollblutstute, die durch Zufall in seinen Besitz gelangte, hat ihm den Erfolg verschafft, indem sie sammt ihrem Deichselgenossen allen Concurrenten davonlief. Die übrigen Rennen bringen keine neuen Momente. Nur die Personen und Pferde wechseln.

Die Pausen werden durch das Volk selbst ausgefüllt, das sich in fortwährender Action befindet. Zumeist dienen als Zielscheibe die beiden Stadtbüttel, die zu Rosse den Verkehr zwischen den Richterlogen vermitteln. Man hat sie in schreiend rothe Postillonsuniformen gesteckt und auf elende Leihklepper gesetzt, die mit Scheuklappen geschmückt sind. Sobald sich diese Ritter von der traurigen Gestalt in Bewegung setzen, giebt es einen infernalischen Radau. In allen Tonarten wird getrampelt, gepfiffen, gebrüllt. Die Veranstalter des hübschen Concerts leben der »stillen« Hoffnung, die alten Rosinanten könnten doch vielleicht scheu werden und ihre rothbefrackten Bändiger abwerfen. Polizei und Militär ist genug zur Stelle. Aber Niemand hindert das wahrhaft ohrenzerreißende Toben. Das ist hier landesüblich und gehört zur Gemüthlichkeit. Im Uebrigen spotten auch die guten Rößlein ihrer fanatischen Verfolger und tragen geduldig und ohrenwackelnd ihre geängstigten Reiter von Loge zu Loge.

Der letzte, der Entscheidungs-Lauf der Bighen, wird wieder durch eine ausgiebige Kanonade und mit Husarenumritt eröffnet. Auch hier bleibt das Glück dem endgiltig obsiegenden Dante getreu. Der kugelrunde Herr wird sammt seiner Bighe im Triumphaufzuge zu den Preisrichtern geleitet, um einen Geldpreis einzukassiren, den er sicherlich dem schönsten, antiken Lorbeerreise vorzieht. Das Volk bereitet dem Sieger im Streite große Ovationen, die mit herablassendem Dankesnicken entgegengenommen werden. Da ist jeder Zoll ein Triumphator! Selbstzufriedener ist ganz bestimmt auch der »große« Dante nicht gewesen, als er die »divina commedia« beendet hatte.