Langsam beginnen sich die Massen zu zerstreuen, die Osterien und Trattorien anfüllend, um einigen Legionen strohumflochtener Chianti-Flaschen die schlanken Hälse zu brechen. Aber noch ist nicht Alles beendet unter den Ulmenbäumen des Mittelringes. Drohend geschwungene Arme werden sichtbar, Schmerzensschreie ertönen. Mein italienischer Begleiter hatte mir versichert, daß seine Landsleute bei Volksfesten zwar gehörigen Lärm machten, sonst aber musterhafte Ordnung hielten. Nun versuchte ich ihn mit dem offenbar soeben inscenirten Krawall zu widerlegen. Statt aller Antwort führte mich der kundige Paduaner schmunzelnd zu dem Schauplatz der Ereignisse. Da liegen im Grase des prato lang hingestreckt zahlreiche Leute und lassen sich ohne Widerstand nach allen Regeln der Kunst durchwalken. Die Erklärung dieses Phänomens läßt nicht auf sich warten. Man wettet nämlich in Padua bei den Bighe-Rennen um Prügel, deren Zahl je nach den Chancen des Sieges variirt. Der tapfere Dante schien nicht Favorit gewesen zu sein, denn der lebendige Totalisator zahlte ziemlich hohe Odds. Von Buchmachern, die eine Tantieme an der Auszahlung beanspruchten, war weit und breit Nichts zu sehen.

Wie wäre es, wenn man diesen originellen und wenig kostspieligen Wettbetrieb auch bei uns einführte? Ich glaube, die nicht selten auftretenden Klagen über die zu große Wettlust der sportsfreudigen Kreise würden mit einem Schlage verstummen.


In den Euganeeischen Hügeln.

Topographie der Euganeen. – Die kleinen Bettler. – Petrarca's Katze. – Der Monte Rua und sein Kloster. – Der Landsmann aus Kattowitz. – Bataglia, das Schwefelbad. – Eine »Rigoletto«-Aufführung.

Wenige Wegstunden von Padua, der uralten Stadt des heidnischen Antenor und des heiligen Antonius, wölbt sich aus der Ebene ein Bergcomplex hervor, von zahlreichen, dicht bewaldeten Höhen gebildet. Die Italiener nennen diese, von stattlichen Erhebungen gekrönte Kette bescheiden genug die Euganeeischen Hügel. Ob die so benannte Gebirgslandschaft die letzten Ausläufer der Tiroler Alpen oder die ersten Vorläufer der Apenninen darstellt, das zu entscheiden, bin ich nicht Geologe genug. Aber daß die Euganeen aus Trachytfelsen bestehen, weiß Jeder, der nach der Herkunft der eigenthümlichen Pflasterquadern von Venedig und Padua gefragt hat. Die erste Annäherung lehrt, daß diese Berge vulkanischer Natur sind. Wo ein kleiner Wasserlauf sich windet, an jedem Feldrain, steigen heiße Dämpfe auf. Alle diese Bächlein rinnen aus Schwefelquellen von 70gradiger Temperatur. Die anwohnenden Bäuerinnen haben es bequem, wenn sie braten wollen. Das Koch- und Brühwasser fließt ihnen vor der Thür vorüber. Seit altersgrauen Tagen sind die Heilquellen von Abbano und Battaglia, den Hauptorten des Hügellandes, als Badestätten benutzt worden. In den Römerzeiten standen berühmte Thermen in den Euganeen, und heute haben sich die beiden genannten Plätze zu eleganten Bädern ausgewachsen, die gegen Lähmungen, Gicht, Katarrhe und Frauenkrankheiten Wunder wirken.

So malerisch liegen die von blauem Höhenschimmer umgebenen Kuppen zur Schau, so lockend winken sie nach Padua herüber, daß man nicht allzu lange zögern mag, ihnen einen Besuch abzustatten. Außerdem habe ich einen lieben Gefährten zur Seite, der als authentischer Besteiger des Aetna und des Groß-Glockner keine Bodenerhebung in der Nähe wissen kann, ohne den Beruf in sich zu spüren, sie von oben zu betrachten. Also klettern wir eines Tages in einen hochrädrigen Kutschirwagen, verlassen Padua durch die alterthümliche porta di Ponte Corbo und eilen an den trüben Fluthen des Bachiglione entlang gen Süden.

Eine Fahrt durch die oberitalienische Campagna gleicht der Fahrt durch einen endlosen Park. Die Fruchtbarkeit des Landes, in dem hauptsächlich Mais und Wein gedeiht, ist eine überaus glückliche. Der gartenmäßige Eindruck der Landschaft wird durch die Gewohnheit der Bauern vermehrt, ihre Felder mit Zierbäumen einzufassen, und diese durch dichte Kettenranken zu verbinden. In all' dem Grün tauchen verfallene Schlösser auf, die einstigen Landsitze der venetianischen Nobili, dazwischen zerstreut die zahlreichen Bauernhöfe mit stattlichen Hallen- und Backsteinbauten. Bei näherer Besichtigung verliert freilich solch eine bäuerische casa Vieles von ihrem wohlhabendem Außenwesen. Die Bauern des Veneto mögen tüchtige Landwirthe sein, aber die Schmutzabfuhr scheinen sie nicht zu kennen, und so machen die Höfe einen nichts weniger als appetitlichen Eindruck. Auch die Menschen der verschiedenen Altersstufen haben von dieser allgemeinen Schmutzkruste ihr Theil weg bekommen. Insbesondere die Kinder, unter denen blonde Haare und blaue Augen gar keine Ausnahme sind, lassen sich, wenn sie mit den niedlichen schwarzen Ferkeln im Sande tollen, sehr schwer von ihren Spielgefährten unterscheiden.

Das Erscheinen eines mit Fremden besetzten Wagens ist für die kleinen Gewohnheitsbettler das Signal, ihre sämmtlichen Künste zu erproben. Zuerst versuchen sie es mit der Sentimentalität und stöhnen in so herzzerbrechender Weise nach caritá, daß man sie dem Hungertode nahe glauben würde, sähen sie nicht gar so wohl genährt aus. Als diese Trauermimik offenbar ihren Zweck verfehlt, ändert sich flugs das Bild. Es wird ein kleiner Wettlauf neben dem Wagen arrangirt, die Augen blitzen, die Zähne leuchten. Dann geht's an's Räderschlagen, daß die dürftige Bekleidung, das aus mehreren Löchern bestehende Hemde, in den Lüften fliegt und die braunen Körper in der Sonne glänzen. Dazwischen tönt unablässig der Ruf nach einem »soldino«. Vor Angst, die unermüdlichen Jöhren könnten sich die Schwindsucht an den Hals laufen oder einige Gelenke brechen, spendet man schließlich die ersehnten Kupferstücke. Sofort ist der Schwarm wie weggeblasen. Aber am Straßenrand hocken die kleinen Räuber und überzählen die Beute. Sie haben auf Theilung gespielt.