»Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet ist, nicht wahr?«
Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah. Er fuhr fort:
»Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen, daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch – zunächst wenigstens – ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.«
»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.«
»Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort, »ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel.
Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein. Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt:
»Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?«
»Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck auf:
»Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.«
»Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der elektrischen Klingel.