Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:
»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt, auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse, literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar, sondern –«
Er stand auf und hob dozierend einen Finger:
»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation, immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form und Inhalt – und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.«
»Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen. Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt, die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.«
Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief: »Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt, wo das Problem liegt – lassen Sie mir nur etwas Zeit!«
Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich gemütlich:
»Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.«
Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken saß er da und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan: