»Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse – Sie wissen, die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte – möchte ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für Versammlungen und ähnlichen Dingen.

Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben dort.«

»Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«, fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat – falls Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das frühere Flußtal.

Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil. Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen Wasserstrom.

Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. – Natürlich wird das Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. – So gut wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern besonders an die Regulierung der Atmosphäre.

Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht. Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner besprochen werden.

Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen – na ja, das alles morgen.

Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag –«

Nechlidow sprang auf:

»Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben. Solche scheinbar – und nur scheinbar – praktische Erwägungen haben die große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten führt.«